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Ein Deichgraf im Ministeramt

Nachruf auf Hans-Heinrich Sander Ein Deichgraf im Ministeramt

Mit 72 Jahren ist am Wochenende der frühere FDP-Umweltminister Hans-Heinrich Sander gestorben. Ein Nachruf von Niedersachsen-Redakteur Michael B. Berger.

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„Echter Typ mit Ecken und Kanten“: Hans-Heinrich Sander.Foto: dpa

Quelle: Julian Stratenschulte

Hannover. Er war sicherlich einer der ungewöhnlichsten Umweltminister Deutschlands, herzte die Bauern, legte sich mit Umweltschutzverbänden an, provozierte, aber handelte auch mit ganz eigener Entschlossenheit. Hans-Heinrich Sander wurde 72 Jahre alt. Am Sonnabend - kurz nach seinem Geburtstag - ist Niedersachsens früherer Umweltminister gestorben.

„Er war durch und durch ein Liberaler, einer, der sich nie von anderen etwas hat vorschreiben lassen - eine echte Kämpfernatur, die zugleich sehr herzlich sein konnte“, sagt Niedersachsens FDP-Vorsitzender Stefan Birkner, der Sanders Staatssekretär und Nachfolger im Umweltministerium war. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) würdigte Sander als „eine Persönlichkeit, an die sich viele Menschen und auch ich persönlich sehr gerne erinnern werden“.

Dass Hans-Heinrich Sander Umweltminister wurde, zählte nach dem Wahlsieg von CDU und FDP im Jahre 2003 zu den echten Überraschungen. Der rustikale Freidemokrat aus dem idyllischen Örtchen Golmbach (Kreis Holzminden) war eher als Fachmann für Landwirtschaftsfragen bekannt - und nicht als Umweltexperte. Kein Wunder, der studierte Lehrer und Rektor einer Grund- und Hauptschule war ausgebildeter Landwirt, hatte aber umgesattelt, nachdem er bei einem Arbeitsunfall den linken Unterarm verloren hatte.

Mit Kettensäge an der Elbe

Doch weil die Christdemokraten 2003 im ersten Kabinett Christian Wulffs das Landwirtschafsressort beanspruchten, kam Sander, der mit seiner Frau in Golmbach noch einen Obsthof betrieb, ins Umweltressort - und brachte mit seiner unkonventionellen Vorgehensweise Ministeriumsmitarbeiter sowie das allgemeine Publikum zum Erstaunen. Schnell machte sich der Freidemokrat als Befürworter der Kernkraft bundesweit bekannt, für seine Umweltkollegen ein Angriff auf das Allerheiligste: So griff der Minister, als ihm bei einem Besuch des Atomlagers Schacht Konrad Betriebsratsmitarbeiter ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kerngesund“ reichten, ohne Rücksicht auf Verluste beherzt zu - da mochte seine Pressesprecherin noch so sehr mit den Augen rollen. Drei Jahre später - im Biosphärenreservat Elb­talaue bereitete man sich gerade wieder auf größere Überflutungen vor - stach Sander erneut mit einer spektakulären Aktion hervor: Er gab höchstpersönlich mit der Kettensäge einer stattlichen Zwillingsweide den Rest. Der Baum müsse weg, damit Hochwasser besser abfließen könne, begründete Sander die Aktion, die ihm an der Elbe Beifall, aber im Landtag Rücktrittsforderungen eintrug.

Sander sagte später, er hätte die Aktion durchaus wiederholt, weil sie im Sinne des Gewässerschutzes geschah. Überhaupt lebte Sander, der von einer zupackenden wie auch bauernschlauen Art geprägt war, nach der Maxime: Ich bereue nichts. Das bescherte ihm im Landtag zeitweise Kultstatus.

Beachtliche Bodenhaftung bewies Sander in seiner Heimatregion Weserbergland, in der er der FDP starken Zulauf bescherte. Gut 33 Jahre war Sander Kreistagsmitglied in Holzminden und örtlicher Parteivorsitzender. Im FDP-Landesvorstand war er lange Zeit Vizevorsitzender. Gesundheitliche Schonung legte sich der Freidemokrat, der einige Bypässe hatte, nie auf. Ein tiefes Misstrauen hegte Sander, der sich achtmal erfolglos um ein Landtagsmandat bewarb, gegen alle Formen von Bürokratie. Als Minister setzte er sich oft über sie hinweg, was Niedersachsen manche Klage von Umweltverbänden und der EU eintrug.

Deich nach Sander benannt

„Sander ging stets nach der Maxime vor, Politik mit den Menschen zu machen - das tat er mit einem ausgezeichneten Gefühl für die Stimmungslage. Er war ein echter Typ mit Ecken und Kanten“, sagt Birkner.

Im Jahr 2012, ein Jahr vor der Landtagswahl, die SPD und Grüne gewannen, gab Sander sein Amt an Birkner ab. Ein Jahr später ist in Alt Garge bei Bleckede ein Deich nach Sander benannt worden, weil er mit der ihm eigenen Beharrlichkeit den Hochwasserschutz in der Region vorangebracht hatte. Er war auch als Minister eine Art Deichgraf in Niedersachsen.

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