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00:19 25.05.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Angebot folgt der Nachfrage: Die Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajić erklärt im Interview ihr Konzept. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Frau Heinen-Kljajić, die Kulturausgaben des Landes liegen in diesem Jahr bei 286 Millionen Euro. Immerhin 11,5 Millionen mehr als 2013. Wessen Verdienst ist das?
In erster Linie ist das natürlich das Verdienst der rot-grünen Landtagsmehrheit, die das in der Haushaltsberatung möglich gemacht hat. Darin steckt aber auch verdiente Anerkennung der Leistungen, die die Kulturschaffenden hier in Niedersachsen bringen. Niedersachsen hat als Flächenland eine bunte und vielfältige Kulturlandschaft – vom Staatstheater in Hannover, das bundesweit zur Spitze gehört, bis hin zu kleinen ehrenamtlichen Kulturinitiativen auf dem Land. Das Spektrum ist breit gefächert. Das spiegelt sich auch in unserem neuen Kulturbericht wider.

Wenn man die 170 Seiten des Kulturberichts 2013/2014 durchblättert, fallen einem eine Menge Bilder auf: Artisten sind zu sehen, Jongleure, Trommler, tanzende Kinder. Bilder der Hochkultur findet man allerdings kaum. Ist die Bildauswahl eine programmatische Aussage?
Das ist reiner Zufall. An der Bildauswahl war ich nicht beteiligt.

Aber die Lektüre der Texte erhärtet den Befund: Das wichtigste Ziel niedersächsischer Kulturpolitik scheint die Stärkung der Breitenkultur zu sein.
Es ist eines der wichtigen Ziele, nicht das wichtigste. Einerseits geht es darum, in der Fläche kulturelle Angebote vorzuhalten, andererseits geht es auch darum, neue Publikumsschichten zu erschließen. Da sind die großen Kultureinrichtungen genauso gefragt.

In der vergangenen Woche hat Ihr Ministerium das „Weißbuch Breitenkultur“ vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim vorgestellt. Darin ist – wie in Ihrem Kulturbericht – auch von der notwendigen Stärkung der Breitenkultur die Rede. Es geht da ums „Kloatscheeten in Nordhorn“ und um den heilpädagogischen Bauernhof Blekker in der Grafschaft Bentheim. Ist es eigentlich Aufgabe der Kulturpolitik des Landes, sich um heilpädagogische Bauernhöfe zu kümmern?
Ja, es ist auch Aufgabe der Kulturpolitik, das ehrenamtliche Engagement vor Ort, so gut es geht, zu unterstützen.

Im Kulturbericht Ihres Hauses geht es ähnlich zu. Da ist von Projekten wie „Dörfer erzählen Geschichten“ der ländlichen Akademie Krummhörn die Rede, da geht es um Straßenfeste und um Musiktheater mit Osnabrücker Schülern. Nach großen Visionen sieht das nicht aus.
Das sind große Visionen. Wir versuchen in einem Flächenland eine grundlegende kulturelle Versorgung zu gewährleisten. Angesichts des demografischen Wandels ist das eine enorm große Herausforderung.
Aber gerade im Amateurbereich, den Sie jetzt so betont fördern wollen, funktioniert doch vieles auch ohne staatliche Einmischung ganz gut. Menschen singen in Chören, Laien spielen Theater, das gibt es doch alles, ohne dass sich die Kulturpolitik darum kümmert.

Wenn Sie mit den Beteiligten sprechen, die sich vor Ort engagieren, sieht die Sache ganz anders aus. Da wünschen sich alle gute Arbeitsbedingungen. Zum Beispiel im Amateurtheater. Da wünschen sich viele eine vernünftige Beleuchtungsanlage oder wollen gern mit Headsets ausgestattet sein. Auch der Amateurbereich braucht Gelegenheiten und Räume. Er braucht Nachwuchs und hat Qualifizierungs- und Beratungsbedarf. Amateurschauspieler mit Headsets? Das kann doch nichts werden.
Nein, das glaube ich nicht. Das ist eine Unterstellung, die ich nicht teile.

Aber diese ganze Förderung der Breitenkultur wirkt doch sehr nach kleinem Karo.
Wenn Sie es als kleines Karo bezeichnen, dass wir auch ehrenamtliches Engagement in der Kultur unterstützen, dann teile ich diese Einschätzung ausdrücklich nicht, denn die Breitenkultur ist ein unverzichtbarer Bestandteil der kulturellen Infrastruktur in Niedersachsen.

Trotzdem bleibt die Frage: Wo sind Ihre Visionen, Frau Ministerin? Wie kann Kultur in Niedersachsen an Strahlkraft gewinnen?
Ich muss nicht für das Strahlen sorgen. Dafür sorgen schon die Kulturschaffenden selbst. Es wäre vermessen, wenn eine Kulturministerin in die kulturelle Programmatik eingreifen würde. Wir stellen die finanziellen Rahmenbedingungen dafür sicher, dass Strahlkraft entstehen kann. Ich finde, Kulturpolitik muss sicherstellen, dass unsere kulturellen Leuchttürme auch in Zukunft großen Zulauf haben. Das ist eine meiner Triebfedern, wenn ich Kulturpolitik mache.

Ihr Ansatz geht auf eine Forderung des Kulturmanagers Hilmar Hoffmann zurück. Vor mehr als 40 Jahren hat er die Losung „Kultur für alle“ ausgegeben. Diese Forderung ist also nicht ganz neu. Warum muss man sie immer wieder wiederholen?
Weil wir in der Kultur so lange Zeit auf eine bloße Angebotsorientierung gesetzt haben und nicht auf eine Nachfrageorientierung. Es funktioniert aber nicht, einfach nur das zu machen, was man schon immer gemacht hat, und einfach darauf zu warten, dass die Leute schon kommen werden. Ich glaube, es ist dringend notwendig, die Programme mit Blick auf die Nachfrage zu gestalten. Das ist übrigens auch der Kurs, den unsere Theater und unsere Museen fahren.

Bedeutet nachfrageorientierte Kulturpolitik nicht auch, dem Publikum die Chance zu nehmen, Dinge zu erobern? Kultur muss doch auch sperrig sein dürfen. Wenn man immer auf die Menschen zugeht, laufen sie vielleicht irgendwann vor einem weg.
Die Öffnung für ein größeres Publikum geht doch nicht mit einem Qualitätsverlust einher. Gegen diese Annahme würde ich mich im Grundsatz verwehren. Festivals wie etwa die Theaterformen zeigen ganz deutlich, dass die Öffnung der Häuser ein Qualitätsgewinn ist. Auch das Staatstheater Hannover unternimmt viele Anstrengungen, neues Publikum zu gewinnen. Das sind Initiativen, die wir honorieren. Anders als die Vorgängerregierung werden wir zum Beispiel die Tarifsteigerungen für das Theater komplett übernehmen. 

In den früheren Zielvereinbarungen mit den Theatern ging es um erweiterte Angebote für Migranten, für Kinder und für ansonsten eher theaterferne Schichten. Die Theater haben bereits viel von den Forderungen umgesetzt. In den neuen Zielvereinbarungen ist das schon wieder ein Thema. Muss man das eigentlich immer wiederholen?
Ich finde ja, denn die Besucherzahlen und die Untersuchungen zum Publikumsverhalten zeigen uns, dass da noch jede Menge Spielraum nach oben ist.

Welches niedersächsische Kulturereignis hat Sie persönlich in dem guten Jahr, in dem Sie nun Kulturministerin sind, eigentlich ganz besonders beeindruckt?
Die Tanzveranstaltung „figure out“ am Staatstheater Braunschweig.

Zur Person

Gabriele Heinen-Kljajić ist seit Februar 2013 niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur. Die Grünen-Politikerin setzt sich besonders für die Stärkung der Breitenkultur ein. Heute veröffentlicht das Ministerium den „Kulturbericht Niedersachsen 2013/2014“. Schwerpunkt des 170 Seiten umfassenden Dossiers ist die „kulturelle Teilhabe“. Im Kulturbericht schreibt Heinen-Kljajić: „Die niedersächsische Landesregierung richtet ihren Fokus auf eine aktivierende Kulturpolitik. In Zeiten einer internationaler werdenden Gesellschaft will sie möglichst viele Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, Milieus und Generationen für kulturelle Angebote begeistern.“

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