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„Die Friedländer wissen, was Integration ist“

Grenzdurchgangslager „Die Friedländer wissen, was Integration ist“

Niedersachsens historisches Durchgangslager bei Göttingen platzt in diesen Tagen aus allen Nähten – es gibt kaum noch einen freien Quadratmeter und viel Streit. Selbst Innenminister Thomas de Maizière kann hier kaum helfen.

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Drei von 3000: Flüchtlingskinder beobachten am Dienstag warten in Friedland vor historischer Kulisse auf den Besuch von Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Quelle: dpa

Friedland . Friedland. Dutzende Flüchtlinge drängeln sich vor der Anmeldestelle des Grenzdurchgangslagers Friedland. Es ist kühl an diesem Vormittag. Einige haben sich in die Decken gehüllt, die sie am Abend zuvor bei ihrer Ankunft erhalten haben. So voll wie in diesen Wochen war es noch nie in Friedland. Mehr als 3000 Flüchtlinge sind derzeit im Lager untergebracht, 2300 „über Plan“. Dabei war das „Tor zur Freiheit“ vor einigen Jahren noch von Schließung bedroht gewesen. 1999 wollte das Bundesinnenministerium dem Lager den Status als Erstaufnahmeeinrichtung entziehen, machte dann angesichts der massiven Proteste von Bürgern und Politikern aber einen Rückzieher. Am Dienstag besuchte Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Einrichtung – und zeigte sich beeindruckt. Friedland stehe für die gelebte Willkommenskultur in Deutschland, sagte er.

Früheres Ramada-Hotel wird zum Außenlager

Das ehemalige Ramada-Hotel in Laatzen wird kurzfristig zur Außenstelle des Aufnahmelagers Friedland. Am Dienstag wurden dort 133 syrische Flüchtlinge aufgenommen, die zuvor mit dem Flugzeug aus Kairo gekommen waren. Größtenteils handelt es sich um Familien, insgesamt sind 50 Kinder dabei. Nach Auskunft des Innenministeriums sollen die Flüchtlinge etwa zwei Wochen in Laatzen bleiben und von dort aus auf die Bundesländer verteilt werden. Ob die Außenstelle anschließend aufrechterhalten bleibt, um das überfüllte Lager in Friedland weiter zu entlasten, ist noch unklar. Die Stadt Laatzen und Vertreter des Flüchtlingsnetzwerks sicherten dem Land ihre Hilfe zu. akö

Das frühere Ramada-Hotel ist seit Jahresbeginn geschlossen und nur temporär zu Messezeiten geöffnet – gestern wurden dort 133 syrische Flüchtligne untergebracht.

Quelle: Daniel Junker

Der Minister lobte den Einsatz der Mitarbeiter und Helfer, die sich bis an die Grenze der Belastbarkeit um die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge kümmerten. Zuvor hatte Lagerleiter Heinrich Hörnschemeyer darauf hingewiesen, dass angesichts der extremen Überbelegung inzwischen das Ende der Fahnenstange erreicht sei: „Wir haben kaum noch einen freien Quadratmeter.“ Weil es zu wenig Betten gebe, müssten viele Flüchtlinge auf Matratzen in den Fluren schlafen. Inzwischen habe man über Zeitarbeitsfirmen zusätzliches Personal rekrutiert, auch der Sicherheitsdienst sei verstärkt worden. Dass es in den vergangenen Tagen mehrfach zu Auseinandersetzungen im Lager gekommen war, sei allein auf die Enge zurückzuführen. Die Flüchtlinge hätten keinerlei Rückzugsmöglichkeiten. „Vor allem das ständige Warten ist zermürbend.“

Auch an diesem Vormittag stehen die ersten Flüchtlinge mehrere Stunden vor dem Sozialgebäude an, wo sie ihr Mittagessen bekommen. Viele Flüchtlinge sind in Decken gehüllt. Einige erzählen, dass sie dringend Kleidung bräuchten. Außer den Sachen, die sie am Leib tragen, haben sie nichts. Eine Mutter mit drei Kindern, die aus Syrien geflohen ist, zeigt Röntgenbilder ihrer Wirbelsäule. „Trotz meiner Rückenerkrankung muss ich auf dem Boden übernachten“, sagt sie. „Ich brauche aber ein Bett, sonst kann ich nicht schlafen.“

Tor zur Freiheit

In Friedland lassen sich 70 Jahre bundesdeutscher Geschichte wie unter einem Brennglas beobachten: Auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht wurde hier am 20. September 1945 auf dem Gelände einer landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Uni Göttingen ein Lager eingerichtet: Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten wurden hier übergangsweise in Nissenhütten einquartiert. In dem Dorf, das heute rund 1300 Einwohner zählt, gab es einen Bahnhof, zudem lag Friedland im äußersten Süden Niedersachsens nahe an Grenzen zur sowjetischen und zur amerikanischen Zone.

Für mehr als vier Millionen Menschen wurde Friedland seither das „Tor zur Freiheit“: Nach den Vertriebenen sind dort Hunderttausende deutsche Kriegsheimkehrer untergebracht worden. Später fanden DDR-Übersiedler und deutschstämmige Aussiedler aus Osteuropa in dem Grenzdurchgangslager eine erste Bleibe: Friedland wurde der Ort, an dem Deutschland seine verlorenen Söhne und Töchter willkommen hieß. Seit 2002 ist hier die einzige deutsche Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler.

Außerdem fanden hier 1956 Ungarnflüchtlinge eine Bleibe. Chilenische Asylbewerber wurden hier 1973 ebenso untergebracht wie 1978 vietnamesische Boatpeople oder in den Neunzigerjahren Juden aus der früheren Sowjetunion. Große politische Beben, Kriege, Flüchtlingsbewegungen – das niedersächsische Dorf Friedland wurde so zum Seismografen für viele globale Katastrophen.

Für rund 20 Millionen Euro richtet das Land Niedersachsen derzeit im Bahnhof am Lager ein Museum ein, in dem es um Migration und Integration gehen soll. Ein Themenpfad soll auch zu einer historischen Nissenhütte sowie zur alten Lagerkapelle und zur „Friedland-Glocke“ führen, die an das Schicksal der Heimkehrer erinnert.

Seit 2011 ist Friedland zudem eines von derzeit vier Erstaufnahmelagern Niedersachsens für Asylsuchende. Flüchtlinge – etwa aus Syrien – werden hier registriert und dann auf die einzelnen Bundesländer verteilt. In dem Lager, das eigentlich nur für 700 Bewohner ausgelegt ist, werden derzeit bis zu 3000 Menschen untergebracht. Betreut werden sie unter anderem von kirchlichen Hilfswerken.  be

Wieder zu Hause: Die letzten Kriegsheimkehrer aus der Sowjetunion wurden 1955 in einer bewegenden Feierstunde in Friedland begrüßt. 1990 kamen DDR-Übersiedler dort an.

Quelle: Archiv

Auch nach Ansicht von Lagerleiter Hörnschemeyer ist die Grenze des Zumutbaren überschritten: „Es müssen schnell zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden“, sagt er. „100 Plätze reichen da nicht aus.“ Allein am vergangenen Wochenende seien 300 Flüchtlinge eingetroffen, heute rechne man mit 100 Neuankömmlingen. „Wir brauchen schnellere Entscheidungen über die Asylanträge“, sagt Hörnschemeyer. 

Friedlands Bürgermeister Andreas Friedrichs (SPD) sieht ebenfalls dringenden Handlungsbedarf: „Die Friedländer wissen, was Integration ist – aber sie bitten darum, das nicht überzustrapazieren“, sagt er dem Minister. Das Dorf Friedland habe knapp 1200 Einwohner, die Zahl der Flüchtlinge sei inzwischen fast dreimal so hoch. Es müssten dringend Entlastungskapazitäten geschaffen werden. „Da wären wir sehr, sehr dankbar.“

Innenminister de Maizière nimmt sich viel Zeit für seinen Besuch. Er spricht mit Flüchtlingen, besucht einen Wegweiserkurs, in dem sich Asylbewerber aus Afghanistan auf das Leben in Deutschland vorbereiten, setzt sich zum Mittagessen in die Kantine und besucht am Nachmittag die Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Konkrete Zusagen hat er indes nicht parat. Bund, Länder und Kommunen könnten die Herausforderungen nur gemeinsam „im Schulterschluss“ bewältigen, sagt er. Dabei werde man neue Wege gehen und auch unkonventionelle Maßnahmen ergreifen müssen. Den Bearbeitungsstau bei den Asylanträgen will de Maizière durch eine „Einstellungsoffensive“ beim Bundesamt für Migration und den Einsatz von Pensionären sowie Amtshilfen von Bundeswehr und Zoll verringern. „Mehr als arbeiten können wir nicht“, sagt er.

De Maizière ist empört über die Angriffe auf Asylbewerber und Flüchtlingsunterkünfte, die es auch in der vergangenen Nacht wieder gegeben habe. Die Angreifer stellten jedoch nur eine Minderheit dar: „Das ist nicht das, was Deutschland ausmacht.“ Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann sagt, Friedland sei ein Symbol für die Bereitschaft und Kraft der Deutschen, über Jahrzehnte hinweg Flüchtlinge aufzunehmen. Vor allem ein Problem müsse schnell gelöst werden, meint Oppermann: „Wir müssen die Turnhallen frei kriegen.“ Weil das Lager Friedland überfüllt ist, sind derzeit mehrere Hundert Flüchtlinge in umliegenden Turnhallen untergebracht. Zumindest hierfür gibt es eine Lösung: Die Landesaufnahmebehörde kann künftig zwei ehemalige Schulgebäude in Rosdorf und Adelebsen für die Unterbringung von Flüchtlingen nutzen.

Von Heidi Niemann

Junge Heimatlose suchen Schutz in Niedersachsen

Die Diakonie warnt vor Überforderung

Sie verlassen ihre Familien in Syrien, Eritrea oder Ghana, und ihr Ziel ist immer häufiger Deutschland: Die Zahl der Flüchtlinge unter 18, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, steigt rasant. Bislang stranden die meisten bei den Jugendämtern in Bayern. Im nächsten Jahr wird sich dies ändern. Ein Gesetzentwurf sieht vor, dass die jungen Flüchtlinge künftig wie Asylbewerber auf alle Bundesländer nach festen Quoten verteilt werden. Die Diakonie fürchtet, dass viele Landkreise in Niedersachsen überfordert sein werden. „Die wenigsten sind auf die Aufgabe vorbereitet, die von den Mitarbeitern spezielle Kompetenzen verlangt“, warnt Christoph Künkel, Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen.

2014 kamen rund 18 000 sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) nach Deutschland; in den ersten fünf Monaten dieses Jahres waren es bereits 22 092. Etwa jeder zweite wird in Bayern betreut, während sich in Niedersachsen gerade einmal 678 aufhalten, fast ausschließlich in Hannover, Osnabrück und Göttingen. 90 Prozent sind Männer.

In der Regel werden die Jugendlichen von der Bundespolizei aus der Bahn geholt und den örtlichen Behörden übergeben, weil sie ohne Fahrkarte reisen. Manchmal werden sie auch von Schleusern direkt vor den Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber abgesetzt.

Jugendhilfeeinrichtungen bewähren sich

Dort können sie jedoch nicht bleiben, denn solange die alleinreisenden Jugendlichen unter 18 sind, ist nicht die Ausländerbehörde, sondern das Jugendamt zuständig. Anstelle eines Asylverfahrens sieht das Gesetz eine sogenannte Inobhutnahme der Flüchtlinge vor. Nach der Meldung ans Landesjugendamt verbringen sie etwa drei Monate in Clearinggruppen, in denen geklärt wird, woher sie kommen, ob es Verwandte in Deutschland gibt und wie stark sie unter traumatischen Erlebnissen leiden.
Anschließend wird über die künftige Unterbringung entschieden. Nach Ansicht von Diakonie-Vorstand Künkel haben sich vor allem therapeutische Jugendhilfeeinrichtungen bewährt, in denen ausländische und deutsche Jugendliche gemeinsam in kleinen Wohngruppen betreut werden. Die Diakonie Deutschland arbeitet zudem an einem Konzept zur Vermittlung der minderjährigen Flüchtlinge in Familien. Eine weitere Alternative, die derzeit in Hamburg getestet wird, ist die Unterbringung in studentischen Wohngemeinschaften, die regelmäßig von Sozialarbeitern besucht werden.

Heiner Dirks, Geschäftsführer der Evangelischen Jugendhilfe in Osnabrück, ist überzeugt, dass viele Landkreise noch gar nicht ahnen, was auf sie zukommt, wenn sie im nächsten Jahr junge Flüchtlinge aufnehmen müssen. Nicht nur Dolmetscher, die auch seltene Sprachen wie Eritreisch übersetzen können, werden gebraucht. Notwendig seien geschulte Sozialtherapeuten und Mitarbeiter, die über den kulturellen Hintergrund der jeweiligen Herkunftsländer informiert sind.

Ein weiteres Problem ist die Finanzierung. Während ein Asylbewerber mit etwa 10 000 Euro im Jahr zu Buche schlägt, schätzt Dirks die Kosten für die Begleitung eines minderjährigen unbegleiteten Flüchtlings auf bis zu 6000 Euro im Monat.

Auch der Bund strebt eine einfachere Vergabe von Aufträgen bei der Flüchtlingsunterbringung an. Das hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel nach Angaben des Landesinnenministeriums jetzt in einem Schreiben an die Länder bekräftigt. „Ich bin froh, dass der Bundeswirtschaftsminister unsere Forderung aufgenommen hat. Das ist ein wichtiger Schritt“, erklärte Landesinnenminister Boris Pistorius am Dienstag. Den Besuch Friedlands hatte Pistorius abgesagt, wie auch alle weiteren Termine diese Woche. Er machte dafür private Gründe geltend. Pistorius hat auch eine Bundesratsinitiative angeschoben, mit der ein schnellerer Bau von Flüchtlingsunterkünften ermöglicht werden soll.

Von Gabi Stief

Beschleunigung angestrebt

„Die Flüchtlingszahlen steigen weiter rasant an, eine schnelle Unterbringung in den Erstaufnahmeeinrichtungen stellt uns und die Kommunen vor große Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, schnell und effizient auf diese unvorhersehbare Entwicklung reagieren zu können. Mit einer erleichterten Vergabepraxis können wir die Flüchtlinge schneller so unterbringen, wie wir uns das vorstellen“, erklärte der SPD-Politiker am Dienstag.

Nach der jüngsten Prognose des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) werden für das Jahr 2015 bis zu 800.000 Asylbewerber erwartet.

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