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Partner aus Südafrika zu Gast in Niedersachsen

Ostkap-Provinz Partner aus Südafrika zu Gast in Niedersachsen

Seit 1995 pflegt Niedersachsen die Partnerschaft mit der südafrikanischen Provinz Ostkap. Nun treffen sich die Partner wieder in Hannover, um ihre wirtschaftlichen und politischen Verbindungen zu stärken.

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Treffen der Partner: Noxolo Kiviet, Ministerpräsidentin der südafrikanischen Ostkab-Provinz, und Niedersachsens Landtagspräsident Hermann Dinkla.

Sanft fällt der Hang ins Tal hinab, sanft steigt er auf der anderen Seite wieder auf, bis er dort an den afrikanischen Himmel stößt. Von der Anhöhe fällt der Blick auf kleine Maisfelder und einige Rundhütten, die sich wie weiße Farbkleckse in die Landschaft schmiegen. Ganz unten in der Senke liegt ein mächtiges braunes Backsteinhaus, umgeben von hohen Mauern und Sicherheitskameras. Das ist der Landsitz von Nelson Mandela, dem großen Freiheitskämpfer und ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas. Zweimal im Jahr kommt der 92-Jährige aus Johannesburg hierher in sein Heimatdorf Qunu – meist an seinem Geburtstag im Juli und zu Weihnachten.

Es ist eine symbolisch hoch aufgeladene Stätte, die von der Bedeutung von „Eastern Cape“ zeugt: Südafrikas Ostkap-Provinz ist gerade wegen ihrer Armut früh zum Zentrum des Aufbegehrens gegen das weiße Apartheid-Regime geworden. Und trotz ihrer reichen Tradition des Widerstands ist sie auch heute, bald 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid, noch bitterarm. Dabei liegt die positive Kehrseite dieses Entwicklungsdefizits darin, dass die Region jedem, der sich hier engagiert, auch große Entwicklungschancen bietet. Das kann in Europa niemand so gut abschätzen wie jene Leute, die in der Ostkap-Provinz Niedersachsen vertreten, das deutsche Partnerland von Eastern Cape. Diese Partnerschaft rückt jetzt ins Blickfeld, weil am Dienstag in Hannover ein Ostkap-Gipfel stattfindet.

Bei diesem „Business Day“ geht es um Wirtschaft, weil das Ostkap außer für Stammeskultur, Widerstandsgeist und Natur auch für moderne Technik steht. Unübersehbar ist das in Port Elizabeth, wo bereits 1923 Ford und 1924 General Motors Fabriken eröffneten und wo längst auch Volkswagen und Continental ihre südafrikanischen Werke haben.

Wer einmal durch die Ostkap-Provinz gefahren ist, dürfte dabei auch die Heimat von Afrikas berühmtestem Sohn durchquert haben. Denn Qunu, das Dorf, in dem Mandela aufgewachsen ist, liegt direkt an der Nationalstraße 2. Rund 20 Kilometer weiter ist Mthatha, das frühere Umtata, und dort, im bitterarmen Ostteil der Provinz, durfte Mandela als Erster seiner Familie zur Schule gehen. Mehr als achtzig Jahre ist das nun her, und zur Erinnerung daran gibt es oben auf dem Hügel heute ein Museum, das Mandelas Leben feiern soll, aber nur wenig Interessantes bietet. Es gibt dort ein Konferenzzentrum, einen Basketball- und Tennisplatz und eine Ausstellung über Mandelas Mitstreiter Walter Sisulu. Doch Touristen sucht man hier meist vergeblich. Wie viele andere Plätze in der Provinz ist Mandelas Heimat trotz aller Symbolik auch ein Ort verpasster Chancen.

Bereits seit 1995 pflegt Niedersachsen die Partnerschaft mit dem Ostkap, das mit einem Pro-Kopf-Einkommen von jährlich rund 16.000 Rand (1600 Euro) zu den ärmsten Regionen Südafrikas zählt. Der hannoversche Staatsrechtler Hans-Peter Schneider hat Anstöße zur föderalen Verfassungsreform gegeben, erinnert Gerhard Gizler, heute Geschäftsführer von Nglobal und damals erster niedersächsischer Repräsentant in der Stadt East London. Und Experten aus Niedersachsen haben zum Aufbau einer effizienten Verwaltung beigetragen, die das Ostkap mehr als alles andere braucht, um den dort ansässigen deutschen Unternehmen die Arbeit im Bürokratiedschungel zu erleichtern. Dass das zu großen Erfolgen führen kann, illustriert Gizlers Nachfolger Yorck Wurms unter Hinweis auf das Daimler-Werk in East London.

„Die haben es vor zwei Jahren zum effizientesten Firmenteil des Konzerns geschafft – Eastern Cape liegt nicht auf einem Kontinent gleichförmigen Elends, es gibt auch ein sehr, sehr modernes Afrika.“ Genau das wollen Wurms und Gizler am Dienstag bei dem Wirtschaftsgipfel demonstrieren, um neue Investoren ans Ostkap zu locken. Gut zwei Dutzend Unternehmen aus Niedersachsen kommen zu dem Treffen – ebenso wie 41 Teilnehmer aus Südafrika, darunter aus der Provinzhauptstadt Bhisho Ministerpräsidentin Noxolo Kiviet, Wirtschaftsminister Mcebisi Jonas und Kulturministerin Xoliswa Tom.

Als Erfolgsfaktor gilt nicht zuletzt der Bildungsstandard. Für das VW-Werk in Port Elizabeth, das 6000 Leute beschäftigt und damit der größte Arbeitgeber am Ostkap ist, ist das Berufsbild des Mechatronikers in Kooperation mit einer Berufsschule im niedersächsischen Neustadt entwickelt worden. „Dieser Ausbildungsgang ist jetzt das Vorbild in ganz Südafrika“, sagt Wurms. Und er hofft, dass weitere Berufsbilder künftig in ähnlichen Kooperationen erarbeitet werden. Derzeit stockt allerdings die Entwicklung solcher Vorhaben, Fortschritte gibt es dafür beim Sport- und Jugendaustausch – vom Boxen über Handball und Hockey bis zu Triathlon und Marathon. „Eine Folge unserer Zusammenarbeit ist auch, dass Lusapo April aus Eastern Cape zum Sieger des jüngsten Hannover-Marathons wurde“, sagt Wurms. Vor allem aber machten die Sport- und Austauschprogramme Begegnungen zwischen jungen Menschen von beiden Kontinenten möglich. „Das weitet den politischen Horizont.“

Für die Ostkap-Provinz hat indes auch der weite Horizont des Anti-Apartheid-Kampfes und die enge Verbindung der Region zu Mandela und dem regierenden Afrikanischen Nationalkongress noch keine Demokratiedividende erbracht. „Dies ist umso bedauerlicher, als die Region stets eine Keimzelle für den Wandel war“, klagt Kevin Wakeford, der frühere Chef der lokalen Wirtschaftskammer. Wer nach Wurzeln schwarzen Widerstands in Südafrika sucht, stößt in der Tat immer wieder auf diese vernachlässigte Ecke des Landes. Zwischen 1778 und 1878 wurden hier neun Grenzkriege zwischen den ins Landesinnere vorrückenden weißen Siedlern und der ansässigen schwarzen Volksgruppe der Xhosa ausgefochten, der auch Mandela und sein Nachfolger Thabo Mbeki angehören. Gleichzeitig gründeten schottische Missionare im nahen Lovedale und in Fort Hare die ersten großen Erziehungseinrichtungen für Schwarze auf dem afrikanischen Kontinent. Fast alle afrikanischen Führer kamen hierher zum Studium – von Simbabwes Diktator Robert Mugabe über Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu bis hin zu Mandela.

Der aktuelle Reformstau in Südafrikas Bildungsadministration führt indes dazu, dass die Region hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt. Das gilt auch für den Tourismus, dessen größte Attraktionen in Südafrika die Natur bietet – „The Big Five“, wie dort respektvoll Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard genannt werden. „Am Ostkap sprechen wir sogar von den ,Big Seven‘, weil durch die Meeresnähe noch Hai und Wal dazukommen“, sagt Wurms. Er räumt aber ein, dass die Vermarktung der Naturschönheiten noch „verbesserungsfähig“ sei.

Das weiß auch das Touristikunternehmen TUI, das bereits vor Jahren das hohe Potenzial der Region lobte, aber das Fehlen touristischer Infrastruktur diagnostizierte – und lange Zeit weitgehend die Finger vom Ostkap ließ. Kein Wunder, dass Touristen die ursprünglichen Landschaften der Transkei mit ihrem afrikanischen Flair und die paradiesischen Sandstrände der „Wild Coast“ oft links liegen lassen. Stattdessen nutzen sie Port Elizabeth als Startpunkt der populären Gartenroute die Südküste entlang westwärts bis nach Kapstadt. Mit deren Reizen können die Ostkap-Städte zwar nicht mithalten. Aber sie könnten sich Kapstadt zum Beispiel dafür nehmen, wie auch Eastern Cape künftig besser vermarktet werden kann.

Wolfgang Drechsler und Daniel Alexander Schacht

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