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Syrische Flüchtlinge unterrichten an Schulen

Pilotprojekt Syrische Flüchtlinge unterrichten an Schulen

Tausende Flüchtlingskinder gilt es an den deutschen Schulen zu unterrichten. Doch es fehlt an geeigneten Pädagogen und Sprachkompetenz. Können geflüchtete Lehrer die Lücke schließen?

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Der syrische Lehrer Khaled Mohammad gibt in einer kleinen Klasse mit syrischen Kindern an der Neuen Oberschule im Stadtteil Gröpelingen von Bremen Mathematik-Unterricht. Khaled Mohammad ist Flüchtling - genau wie die Kinder in seiner Klasse. 

Quelle: Ingo Wagner/dpa

Bremen. Khaled Mohammad schreibt eine Bruchrechnung an die Tafel. Eine Schülerin beginnt, diese Schritt für Schritt aufzulösen. Doch dann kommt sie nicht weiter. „Was ist 4 geteilt durch 2?“, fragt der Lehrer sie. Sie schreibt die Lösung an die Tafel. „Perfekt“, lobt Mohammad. Eine Szene aus einer Mathestunde wie an jeder beliebigen Schule in Deutschland. Ungewöhnlich ist jedoch, dass sich die Schüler quasi darum reißen an die Tafel zu dürfen. Und ungewöhnlich ist auch der Lehrer: Mohammad ist Flüchtling - genau wie die Kinder in seiner Klasse.

Einmal die Woche gibt er ihnen an der Neuen Oberschule im Bremer Stadtteil Gröpelingen zusätzlichen Unterricht in Mathe, denn wegen sprachlicher Probleme fällt es ihnen schwerer, dem Stoff zu folgen. Mohammad geht diesen mit ihnen noch einmal durch und bespricht die Hausaufgaben - in Arabisch, Kurdisch, Persisch und Deutsch. Möglich macht das ein Pilotprojekt der Universität Göttingen, das aus Syrien geflohene Lehrer stundenweise an Schulen in Bremen und ab April auch in Niedersachsen Flüchtlingskinder unterrichten lässt. Das Ziel: „Wir wollen ein differenziertes Fortbildungsangebot für geflüchtete Lehrer erarbeiten“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Jasmina Heritani, die das Projekt wissenschaftlich begleitet.

Ausbildungsprogramm geplant

Regelmäßig besucht sie die Lehrer im Unterricht, dokumentiert mit Videos wie sie arbeiten und bespricht diese danach mit ihnen. Mit dem Projekt will sie herausfinden, welche pädagogischen und fachlichen Kenntnisse die Teilnehmer bereits besitzen und was ihnen fehlt, um als reguläre Lehrkräfte arbeiten zu können. Daraus soll später ein Ausbildungsprogramm an der Uni Göttingen entstehen.

An der Uni Potsdam startet ein solches Programm bereits zu diesem Sommersemester. „Refugees Teachers Welcome“ will geflüchteten Lehrern einen Einblick in das deutsche Schulsystem geben. Dafür lernen die Teilnehmer erst ein halbes Jahr lang intensiv Deutsch. Danach folgt ein gemeinsames Seminar mit deutschen Lehramtsstudenten und Praktika an Schulen. „Es ist also erstmal eine Art Schnupperkurs“, sagt die Professorin für Unterrichtsforschung, Miriam Vock. Damit betreten sie und ihr Team Neuland: Weder in Deutschland noch in Europa gebe es bisher ein Angebot, das sich an geflüchtete Lehrer richte, sagt die Expertin. Dabei spielten sie eine wichtige Rolle bei der Integration der vielen Flüchtlingskinder.

Lehrerbedarf ist hoch

8000 zusätzliche Lehrer müssen die Schulen nach Schätzungen der Bildungsgewerkschaft GEW angesichts der vielen neu dazu kommenden Schüler einstellen. Die Kultusministerkonferenz geht von 325.000 Flüchtlingskindern allein in den vergangenen zwei Jahren aus. „Da muss man flexibel und pragmatisch reagieren“, sagt die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. In einigen Bundesländern sei die Personaldecke schon längst zu knapp. Unter den Flüchtlingen nach geeigneten Lehrern zu suchen, hält sie nicht nur deshalb für eine gute Idee. „Es besteht Nachholbedarf bei der Ausbildung von Lehrkräften mit Migrationshintergrund.“

Dass diese wichtige Vorbilder für Schüler mit ausländischen Wurzeln sind, weiß die Direktorin der Neuen Oberschule in Bremen, Sabine Jacobsen, nur zu gut. 85 Prozent ihrer Schüler stammen aus Zuwandererfamilien. „Wir sind sehr froh, dass wir Khaled Mohammad hier haben“, sagt Jacobsen. „Die Flüchtlingskinder können jetzt auch unabhängig von der Sprache fachbezogene Fortschritte machen.“ Dass er selbst geflohen sei und jetzt in Deutschland unterrichten dürfe, mache den Kindern Mut.

Dreimal die Woche hilft Mohammad Schülern der 6., 7. und 8. Klasse in Mathematik. Für seine Arbeit erhält der 33-Jährige zwar nur eine Aufwandsentschädigung, dafür aber viel Anerkennung von den Kollegen. „Ich freue mich, wieder in meinem Beruf arbeiten zu können“, sagt Mohammad. Und irgendwann, hofft er, auch als richtiger Lehrer. 

dpa

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