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Promovierte Abgeordnete sehen sich unter Generalverdacht

Plagiatsaffären Promovierte Abgeordnete sehen sich unter Generalverdacht

13 Abgeordnete des niedersächsischen Landtags sind promoviert. Wegen der Plagiatsaffären bei Spitzenpolitikern sieht sich nun mancher unter Generalverdacht gestellt.

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Landtag in Hannover

Quelle: Steiner

Hannover. Es ist gar nicht so lange her, da hätten Menschen wie Gabriele Andretta und Gero Hocker Fragen zu Inhalt, Dauer und Zweck ihrer Promotion noch als Zeichen aufrichtigen Interesses gewertet. In diesen Wochen aber, wo promovierte Politiker reihenweise unter Plagiatsverdacht geraten, wittern die beiden Landtagsabgeordneten in solchen Fragen Argwohn, auch ein bisschen Spott. „Manch einer fragt schmunzelnd, ob ich meine Arbeit wirklich selbst geschrieben habe“, sagt Hocker. „Ich habe zurzeit den Eindruck, mich rechtfertigen zu müssen“, sagt Andretta. Der titelführende Volksvertreter steht unter Generalverdacht.

Die SPD-Politikerin und der Freidemokrat sind zwei von 13 promovierten Abgeordneten im niedersächsischen Landtag. 13 von 152. Die meisten Doctores hat die CDU in ihren Reihen: sieben an der Zahl, den zurzeit wegen unsauberen Zitierens in die Kritik geratenen Kultusminister Bernd Althusmann mitgerechnet.

Keiner hat sich in diesen Tagen so klar zu Althusmann bekannt wie Karl-Ludwig von Danwitz. „Er ist ein guter Kultusminister, mit oder ohne Titel“, sagt der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion. Von Danwitz hat selbst promoviert – zu Fragen der Pansenfermentation bei Milchkühen. Nicht etwa, weil dem Agrarwissenschaftler eine Karriere an der Uni vorschwebte – „es hat sich nach dem Studium so ergeben.“ Anders als viele Doktoren glaubt von Danwitz nicht, dass die Doktor-Affäre im Landeskabinett den akademischen Titel diskreditiere. Aber akademische Weihen hätten ihn, den Schweinezüchter aus Schneverdingen, ohnehin nie beeindruckt. Er mag auch nicht mit dem Dr. auf Wahlplakaten werben: „Was auf dem Lande zählt, ist die Mitgliedschaft bei der Feuerwehr und im Schützenverein.“

Auch Gero Hocker von der FDP-Fraktion hatte es nicht unbedingt auf eine wissenschaftliche Karriere abgesehen. Bei der Abgabe seiner Diplomarbeit an der Uni Bremen bot sein Professor ihm eine Promotionsstelle an. Verkürzte Wertschöpfungsketten in der globalen Wirtschaft war das Thema, mit Forschungsaufenthalten in den USA. Hocker wollte in die Unternehmensberatung. „Da hat man mit einem Titel bessere Karten“, sagt er. Kaum hatte Hocker 2007 ein „magna cum laude“ auf seine Arbeit erhalten, stellte der damalige AWD-Chef Carsten Maschmeyer ihn als seinen Assistenten ein. Und als im Oktober 2009 Philipp Rösler ins Kabinett von Angela Merkel wechselte, rückte Hocker für ihn in den Landtag nach. Vor zwei Wochen ist er 36 geworden.

Auf Landes- und Bundesebene ist der Anteil promovierter Politiker im bürgerlichen Lager größer ist als im linken. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie bei der CDU und der FDP schlauer sind. „Das ist eine Frage der Wertorientierung von Parteienmilieus“, sagt die Soziologie-Professorin Andrea Bührmann von der Uni Göttingen. „Wer bei den Grünen etwas werden will, hat gute Chancen, wenn er zum Beispiel jahrelang gegen das AKW Brokdorf protestiert hat. Die CDU dagegen rekrutiert sich stark aus der Unternehmerschaft – hier zählen, aus einer konservativen Tradition heraus, Titel mehr.“

Es ist schwer zu sagen, wie stark der Doktortitel Politikerkarrieren beschleunigt. Die Signale, die das Kürzel Dr. aussendet – Leistungsbereitschaft, Intellekt, Seriosität – lassen sich nicht messen. Bührmann sagt: „Mit dem Doktortitel leiht sich die Politik eine Leistungszuschreibung aus einem anderen System: dem der Wissenschaft. Sie hat kaum eigene Kriterien herausgebildet, anhand derer man das Können von Politikern bewerten kann.“ Der Titel, ein vages Versprechen von Kompetenz.

Gabriele Andretta und die Grünen-Abgeordnete Gabriele Heinen-Kljajic zählen zu den wenigen im Landtag, die ihren Doktor gemacht haben, weil sie in der Wissenschaft arbeiten wollten. Andretta, die über „Sozialpolitik als Lebenslagenpolitik“ promovierte, hatte sogar eine Habilitationsstelle als Soziologin an der Uni Göttingen. Als dann aber 1998 die SPD in Niedersachsen an die Macht kam, war die Verlockung groß: „Das war die Chance, Politik ganz praktisch mitzugestalten“, sagt Andretta.

Andretta und Heinen-Kljajic sind beide wissenschaftspolitische Sprecherinnen ihrer Fraktionen – „da ist es schon gut zu wissen, wie eine Uni von innen aussieht“, sagt Heinen-Kljajic. Die Politologin hat über Belgiens Rolle in der Nato geschrieben. „Ich war früher stark in den Forschungsbetrieb eingebunden“, sagt die Grünen-Politikerin. Sie hält das für eine Voraussetzung gelungener Dissertationen. „Das Schreiben einer Doktorarbeit ist ein Fulltime-Job. Das lässt sich nicht nebenbei machen.“ Seitdem Heinen-Kljajic’ Arbeitsplatz nicht mehr die Uni ist, also seit Ende der neunziger Jahre, legt die 49-Jährige nicht viel Wert auf ihren Titel, sagt sie. „Eine Promotion ist keine Ausbildung, die einen in besonderer Weise zum Politiker befähigt.“

Der Linken-Abgeordnete Manfred Sohn würde das sicher so unterschreiben. Seine Dissertation handelt von der Finanzierung der Nachsorge bei Drogenabhängigen – „ein Abfallprodukt“ seiner langjährigen Arbeit in der Drogenberatung, sagt er. Sohn hat jedoch folgende Erfahrung gemacht: „Wenn man so wie ich aus der Gewerkschaftsecke kommt, hält einen der politische Gegner zwar für tüchtig, aber auch für ein bisschen dumm.“ Und so ein Titel, der schütze vor dem Vorwurf der Dummheit.

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