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Niedersachsen Sigrid Leuschner verlässt die SPD
Nachrichten Politik Niedersachsen Sigrid Leuschner verlässt die SPD
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00:15 17.01.2013
Von Klaus Wallbaum
Sigrid Leuschner (links) überreicht Manfred Sohn ihre Beitrittserklärung. Quelle: Handout
Hannover

Das vergangene Wochenende war für Sigrid Leuschner alles andere als einfach. „Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt die 61-Jährige. Und: „Es wird viele geben, die wütend oder verärgert über mich sein werden.“

Sigrid Leuschner, Landtagsabgeordnete aus Hannover-Döhren, hat gestern nach einem von innerer Unruhe geprägten Wochenende ihren Austritt aus der SPD erklärt. Der Brief an den Unterbezirksvorstand in Hannover trägt die Anrede „Liebe Genossinnen und Genossen“. Am Montag schickte sie ihn ab, heute wird er mit der Post eintreffen. Ein Zurück gibt es wohl nicht, denn die Politikerin hat bereits gestern eine Beitrittserklärung bei der Linkspartei unterzeichnet. Sie überreichte diese persönlich an den Landesvorsitzenden Manfred Sohn. „Ich bin der Meinung, dass die Linke in den Landtag kommen sollte“, sagt Leuschner. „Große Schnittmengen“ gebe es zwischen Linken, Grünen und Sozialdemokraten. Für eine andere Regierung werbe sie nach wie vor offensiv. Aber von nun an nicht mehr als Funktionärin der SPD.

Was bringt eine eingefleischte Sozialdemokratin dazu, die Partei nach 44 Jahren zu verlassen – und dann noch zu einem für die SPD besonders schmerzhaften Zeitpunkt, nämlich wenige Tage vor der Landtagswahl? Leuschner zählt viele Gründe auf, spricht von einigen Sachentscheidungen im SPD-Wahlprogramm, die sie nicht teile, oder auch vom SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, den sie „anfangs sehr geschätzt habe“, der mittlerweile aber „sehr fragwürdig“ auftrete. Als Steinbrück über teuren Wein und das angeblich zu niedrige Kanzlergehalt geredet habe, sei ihr das negativ aufgefallen: „Das war völlig daneben und unangemessen.“ Die Summe all dieser Gedanken, sagt sie, habe dann den Entschluss zum Parteiaustritt gefestigt. Nun, kurz vor dem Ende der Wahlperiode des Landtags, komme der Vollzug. „Jetzt habe ich meine Arbeit als Abgeordnete sauber abgeschlossen. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt in meinem Leben.“

44 Jahre war Sigrid Leuschner Mitglied der SPD. Jetzt kehrt sie der Partei der Rücken und wechselt zur Linken. Ein Grund für ihren Austritt sind auch die Umstände der Nominierung von Doris Schröder-Köpf.

Man tritt der engagierten Gewerkschafterin aber nicht zu nah, wenn man den Auslöser für ihren Parteiaustritt bei einem Ereignis sieht, das nun schon mehrere Monate zurückliegt und sie ganz persönlich tief und nachhaltig getroffen hat. Im vergangenen Jahr wähnte sich Sigrid Leuschner eigentlich sicher, von ihrer SPD-Basis wieder für den Wahlkreis Hannover-Döhren aufgestellt zu werden. Seit 1994 vertritt sie ihre Heimat im Parlament. Doch plötzlich bekam sie eine prominente Herausforderin, Doris Schröder-Köpf, die Frau des Altbundeskanzlers. Erst schien es, als sei Leuschner in diesem Zweikampf die Favoritin, doch dann wurde es immer enger. Am Ende siegte Schröder-Köpf, und bei Leuschner drängte sich der Eindruck auf, einige Parteifreunde seien wohl nicht ganz aufrichtig mit ihr umgegangen.

Sie selbst habe als eine der Letzten überhaupt erfahren, dass Schröder-Köpf ihren Wahlkreis haben wolle. „Auf den letzten Drücker“ habe man ihr das gesagt, „fast zufällig“. „Das ist schon eine komische Art und Weise“, sagt sie und ärgert sich auch über einige Delegierte, die sich dann ganz anders verhalten hätten als vorher angekündigt. Mit dem Wahlkampf der Frau, die nun an ihrer Stelle den Wahlkreis erobern will, hat Sigrid Leuschner auch so ihre Schwierigkeiten. „Glamourfaktor statt Inhalte“ werde dort geboten, und sie wundere sich doch sehr, dass Schröder-Köpf auch noch Integrationsbeauftragte der SPD werden solle. „Zu diesem Thema hatte sie doch früher nie etwas gesagt.“ Und wenn bei einer Müllsammelaktion des SPD-Ortsvereins Döhren/Wülfel „auf einmal die Weltpresse vor der Tür steht“, nur weil die frühere Kanzlergattin dort auftrete, dann könne sie darüber nur den Kopf schütteln: „Eigentlich sollte man sich die Aufmerksamkeit, die man von den Medien erhält, ­vorher erst verdient haben“, betont ­Leuschner. Es ist ein Unterton in ihrer Stimme. Verletzt? Bitter? Spöttisch?

Doris Schröder-Köpf hat das SPD-interne Duell gegen Sigrid Leuschner um die Landtagskandidatur für sich entschieden. Die 48-Jährige erreichte bei der Delegiertenkonferenz am Abend 25 der 39 Stimmen.

Ihre neuen Genossen nun sehen Leuschners Schritt mit Freude. „Voller Hochachtung“ begleite er ihre Entscheidung, sagt Linken-Chef Manfred Sohn. „Eine der bekanntesten politischen Persönlichkeiten in Hannover“ sei Sigrid Leuschner, lobt Sohn. Das passt zur Strategie der Linken in den letzten Tagen vor der Wahl. Sie betonen die Nähe im linken Lager und signalisieren einmal mehr ihre Bereitschaft, im Fall der Fälle als Bündnispartner für SPD und Grüne bereitzustehen. Ähnlich äußerten sich gestern auch die beiden Bundesvorsitzenden der Partei, Katja Kipping und Bernd Riexinger, bei einem Abstecher nach Hannover. Die SPD solle ihre „kindlichen Abgrenzungsversuche“ gegenüber der Linken beenden, sagte Riexinger, „und die Chance zu einem Politikwechsel begreifen“.

Tatsächlich gibt es für SPD und Grüne derzeit objektiv keinen Grund, auf derlei Angebote zu reagieren. Alle Umfragen sagen eine rot-grüne Mehrheit im nächsten Landtag voraus, auch wenn der Vorsprung gegenüber CDU und FDP knapper wird. Auch die jüngst im „Focus“ veröffentlichten Zahlen kommen zu diesem Schluss, was in der HAZ am Montag irrtümlich wegen eines Rechenfehlers anders dargestellt wurde.

Trotzdem ist Leuschners Schritt ein schwerer Schlag für die SPD in der Schlussphase des Wahlkampfs. Denn die Abgeordnete gilt als gradlinig – und hatte deshalb in der SPD viele Freunde.

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