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Niedersachsen „So kennen wir ihn, den Sigmar“
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00:15 15.04.2016
Von Michael B. Berger
SPD-Chef Sigmar Gabriel auf dem Landesparteitag in Braunschweig. Quelle: Peter Steffen
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Hannover

Es hätte alles so schön bleiben können. Sonne satt in Braunschweig, ein gut aufgelegter SPD-Landesvorsitzender Stephan Weil, der mit knapp 95 Prozent ein respektables Ergebnis bei der Wiederwahl einfährt, ein luxemburgischer Außenminister Jean Asselborn als Gast, der die Herzen wärmt - und dann das: ein dünnhäutiger SPD-Bundesvorsitzender Sigmar Gabriel, der einen ihn provozierenden Jungsozialisten aus Hannover schurigelt.

„Schlachtplan“ schrieb eine Zeitung, mit Sigmar Gabriel „gehen die Pferde durch“, urteilten andere Blätter über das Parteitreffen in der Braunschweiger Volkswagenhalle. Vergleiche wurden gezogen zwischen dem nach unten taumelnden VW-Konzern und einer Partei, die mit Umfrageergebnissen von 21 Prozent den Boden einer Volkspartei verloren hat. Und im Netz und am Telefon erhielt der hannoversche Juso und Ortsvereinsvorsitzende Philipp Kreisz (30) vornehmlich Zuspruch für seinen Angriff auf Gabriel und die Frage, ob man mit dem Mann aus Goslar Wahlen gewinnen könne.

Diese Frage stellt sich in Niedersachsens SPD mancher, nachdem ausgerechnet der SPD-Bundesvorsitzende für Misstöne auf einem sonst harmonischen Parteitag gesorgt hatte. 18 Minuten hat die Replik auf die Zwei-Minuten-Frage Kreisz’ gedauert, in der Gabriel den 30-jährigen wie ein Schulmeister ermahnte, doch zuzuhören und nicht mit der Nachbarin zu reden. Als er dann noch sagte, es gebe in der SPD viele, die „mit dummen Reden die eigenen Leute verleumden“, wollte mancher den Saal verlassen.

Gabriels Intermezzo mit dem kritischen Hannoveraner war auch am Montag großes Gesprächsthema, wobei viele in der niedersächsischen SPD Verständnis für den äußerst dünnhäutigen SPD-Bundesvorsitzenden äußern. „Das ist Sigmar, wie er leibt und lebt, so kennen wir ihn“, sagt etwa die Fraktionsvorsitzende im Landtag, Johanne Modder: „Ich glaube, dass er in einer verdammt schwierigen Situation ist, weil alles auf seine Person fokussiert wird.“ Modder ist mit Gabriel einer Meinung, dass die Sozialdemokraten generell viel zu kritisch mit dem eigenen Spitzenpersonal umgingen: „Wir sind eine Ja-aber-Partei.“ Allerdings habe Gabriel viel zu lange auf seinen Opponenten eingeredet. „Er ist da nicht zartbesaitet. Wenn einer austeilt, keilt der Sigmar gleich zurück.“

Der Landtagsabgeordnete Ulrich Watermann, neugewählter stellvertretender Landesvorsitzender der SPD, sieht den Hannoveraner Kreisz nicht ganz unschuldig an der zugespitzten Situation und der schlechten Presse für Gabriel. „So ein Parteitag ist kein Treffen im Stuhlkreis, wo man sich gegenseitig ausheult. Als Ortsvereinsvorsitzender weiß man genau, dass die Medien im Saal sitzen und auf den Eklat warten.“ In allen inhaltlichen Erwiderungen, die Gabriel auf die kurzen Vorhaltungen Kreisz’ vorbrachte, habe er den Hannoveraner widerlegt. Watermann ist unglücklich, dass sich die Partei nun wieder mit sich selbst beschäftige. „Ich kann der Partei nur raten, sich hinter Gabriel zu versammeln, wir haben keinen anderen.“

Auch der Hannoveraner Arno Brandt, der mit Gabriel ebenfalls eine kurze Diskussion hatte, meint: „Das, was die Partei derzeit am wenigsten braucht, ist eine Personaldiskussion an der Spitze.“ Allerdings hätte ein souveräner Vorsitzender die Kritik auch souverän wegstecken können. SPD-Landesvorstandsmitglied Tjark Bartels sieht das ähnlich. Abkanzeln müssen hätte Gabriel seinen Kontrahenten nicht. „Eine kurze Erwiderung hätte es auch getan.“ Der Braunschweiger Landtagsabgeordnete Christos Pantazis findet seinen Parteifreund Gabriel falsch durch die Medien behandelt. „Das war doch keine Wutrede, sondern Gabriel hat ruhig und sachlich richtiggestellt, was nicht stimmte.“ Der Hannoveraner Matthias Miersch meint, dass die aktuelle Situation der SPD eine offene und faire Diskussion verlange - „von allen Seiten“.

„Sigmar Gabriel hat große Stärken“, sagt der frühere Landesminister und SPD-Landesvorsitzende Wolfgang Jüttner, „und einen großen Gegner: Das ist er selbst.“

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