Navigation:
HAZ-Shop AboPlus Online-ServiceCenter
Bilanz nach 100 Tagen

Sozialministerin Özkan bleibt auf Kurs

Von Saskia Döhner

In ihren ersten 100 Tagen hat Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) einige herbe Rückschläge hinnehmen müssen – es begann mit dem Streit um Kruzifixe in Klassenzimmern.
Sozialministerin Aygül Özkan musste seit Amtsantritt einige Rückschläge verkraften.

Sozialministerin Aygül Özkan musste seit Amtsantritt einige Rückschläge verkraften.

© dpa (Archiv)

Sie kam als Star. Als der damalige Ministerpräsident Christian Wulff die Hamburger Juristin Aygül Özkan (CDU) Ende April als erste Ministerin mit Migrationshintergrund in sein Kabinett holte, war der Jubel groß – quer über alle Parteigrenzen hinweg, die türkischen Medien begrüßten die Entscheidung euphorisch. Doch der Beifall ist verstummt. In ihren ersten 100 Tagen hat die 38-jährige Sozialministerin einige herbe Rückschläge hinnehmen müssen – es begann mit dem Streit um Kruzifixe in Klassenzimmern. Ärger bereitet zuletzt eine Mediencharta, in der sich Journalisten verpflichten sollten, „in einer kulturell ausgewogenen Sprache“ über Integrationsthemen zu berichten. Auch Meldungen über Dumpinglöhne, die Özkan zu ihrer Zeit als Managerin bei TNT ausgehandelt haben soll, kamen ungelegen. Das Ministeramt war alles andere als ein Gang über den roten Teppich.

Die 38-jährige Sozialministerin lässt sich davon nicht beirren. „Ich habe meinen Wechsel von Hamburg nach Niedersachsen keinen Tag bereut“, sagte sie gestern nach der Sparklausur in Hannover. „Ich musste erst mal ankommen im Flächenland.“ Ihr sei es wichtig, neue Diskussionen anzustoßen, auch wenn sie dadurch manchmal Irritationen auslöse und sich nicht alles gleich umsetzen lasse. Titulierungen wie „Ministerin der Missverständnisse“ oder „Seiteneinsteigerin, die an ihrer eigenen Unerfahrenheit zu scheitern droht“ entmutigen sie nicht. „Dann dürften wir ja gar keine Quereinsteiger mehr zulassen, sondern nur noch Personen mit klassischen Politikerkarrieren“, sagt sie.

Die 38-Jährige reist seit ihrem Amtsantritt Anfang Mai quer durchs Land, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie hätte mal lieber in Hannover bleiben und ihr Ministerium in den Griff bekommen sollen, sagen Kritiker. „Unser Haus ist sehr gut bestellt“, entgegnet Özkan. Es sei ganz normal, dass es in Übergangsphasen, etwa bei der Verlagerung der Integrationsabteilung vom Innen- ins Sozialministerium, an der einen oder anderen Stelle mal etwas hake. „Ich möchte den Dialog“, betont Özkan, „und ich will durch Arbeit überzeugen.“ Ihre niedersächsischen Fraktionskollegen hat sie offenbar schon überzeugt, selbst diejenigen, die zunächst skeptisch waren. Sie sei ein Gewinn für die Fraktion, sagt Heinz Rolfes (Lingen), der Braunschweiger CDU-Landesvorsitzende Frank Oesterhelweg spricht von einer „Bereicherung“.

„Ich achte und schätze sie als Person und in ihrer fachlichen Arbeit“, sagt Karl-Heinz Bley aus Cloppenburg, „und Anfängerfehler macht schließlich jeder mal“. Gerade die CDU-Politiker aus Cloppenburg, Vechta, dem Emsland und dem Südoldenburgischen hatte Özkan mit einem Interview verärgert, in dem sie die dort durchaus üblichen Kruzfixe in Klassenzimmern kritisierte. Dabei hatte die türkischstämmige Muslimin, die selbst kein Kopftuch trägt und für die strikte Trennung von Staat und Kirche eintritt, nur das ausgesprochen, was seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts geltende Rechtsprechung ist. Wulff schaltete sich ein, Özkan entschuldigte sich vor der Fraktion.

Bernd-Carsten Hiebing, CDU-Abgeordneter aus Meppen, nennt die Ernennung Özkans „eine sehr vorwärtsgerichtete Entscheidung“. In einer Gesellschaft, in der schon jeder sechste Einwohner einen Migrationshintergrund habe, müssten sich auch die Parteien verändern. „Unsere Fraktion ist so bunt und vielfältig wie das Land“, sagt die Goslarer Abgeordnete Dorothee Prüssner.

Wer Weggefährten aus Özkans Zeit in der Hamburger Bürgerschaft befragt, hört vor allem Bedauern über ihren Wechsel nach Niedersachsen. Sie traue sich auch mal etwas zu sagen, was nicht im politischen Mainstream der CDU liege, heißt es bei den Grünen, sie sei neugierig, zupackend, vertrete ihre Sache engagiert – vielleicht auch etwas ungestüm. „Ich halte sie für jemanden, der auch Gegenwind aushält“, sagt Bettina Machaczek, Sprecherin für Integrationsfragen, in der CDU-Fraktion. Und der langjährige Hamburger CDU-Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete Dirk Fischer meint: „Für Hamburg ist der Weggang von Frau Özkan ein Riesenverlust. Glückliches Niedersachsen.“

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel
  • Özkan Lindener – 03.08.10
    Sie ist neugierig und zupackend...

    Hm, wo hat sie den bisher auf politischer Bühne zugepackt?
    Leider geht aus diesem Artikel nichts darüber hervor.

    Vor einigen Monaten kannte diese Frau niemand, die CDU hätte gut daran getan, dies auch so zu belassen.

    Leider hört man wieder einmal nicht auf Volkes Stimme, so wird dann an der Wahlurne entschieden...

    Die Opposition lacht sich doch, auch wenn es in dem Artikel anders herüberkommt, insgeheim ins Fäustchen...

    Über so viel Dummheit der CDU!

    Mit Sätzen wie "unsere Fraktion ist so bunt und vielfältig wie das Land", gewinnt man heute glaube ich keine Wahlen mehr, die Stimmung dreht sich ganz gewaltig im Land, nur scheinen das einige immer noch nicht mit zu bekommen.



    Gruss

    Lindener
  • Unstillbares Erbrechen – 03.08.10
    wie krank ist das denn, Frau Döner? Niemand ist ein Star, der die Pressefreiheit beschneiden will.
  • Jubel Jubel – 03.08.10
    liest sich wie die Jubelwandzeitung der chinesischen KP ...
  • Definition Kultur/Zivilisation Bürger – 03.08.10
    Eine kleine Weiterbildung für die online-Redaktion. Dann brauchen Sie auch nicht so oft die Beiträge und Kommentare zu diesem Thema zu löschen.

    Kultur ist der Bereich des Geistes, der Philosophie und Religion sowie der elitären Unterhaltungsmedien, die meistens auch „die Kunst“ genannt wird.

    Zivilisation dagegen bezieht sich auf den politischen und gesellschaftlichen Fortschritt, auf den Rechtsstaat, auf die Menschenrechte und die Menschenwürde.

    Niemals darf man die Begriffe "Kultur" mit "Zivilisation" verwechseln.
  • Glückliches Niedersachsen? Jörg Allner – 03.08.10
    Und wieder eine sinnentleerte Jubelarie aus der HAZ-Redaktion auf Frau Özkan. Wie viele kapitale Fehler, die einem deutschen Minister nie verziehen worden wären, darf diese Frau noch machen, bevor es auch dem Blättchen aufgeht, dass ein "Migrationshintergrund" als einzige Qualifikation für ein Amt etwas dünn ist. Wer Menschen für Sklavenlöhne von 7,50 Euro/Stunde beschäftigt, gehört nicht in die Regierung, sondern vor Gericht. Ach ja, der Postdienstleister, für den Özkan diese sittenwidrigen Verträge ausgehandelt hat, gehört den Zeitungsverlegern und eine Krähe hackt der anderen bekanntlich kein Auge aus.
  • "Sie kam als Star?" Bürger – 03.08.10
    Frau Döhner,

    Frau Özkan ist kein „Star“, sondern das erste Gastarbeiterkind, das Ministerin wurde. Sie hat einen Auftrag erhalten und einen Amtseid geleistet: „Ich bekenne mich zu den Grundsätzen eines freiheitlich republikanischen, demokratischen, sozialen….verpflichteten Rechtsstaates. Wir werden sie in dieser Funktion bewerten und beurteilen, so wie andere Amtsträger mit Auftrag auch. Stellen Sie als Journalistin doch einmal die Frage, ob die Integration gescheitert ist? Oder nach dem Prinzip "Multikultur", d.h. Traditionen von Minderheiten zu bewahren. Der Widerstand gegen Zivilisierung (Standards und Regeln) der Minderheiten wird oft mit der kulturellen Zugehörigkeit begründet, weil sie oft nicht die Kraft aufbringen, sich als Individuum zu behaupten. Wir sind alle Fremde in der „Moderne“ (Zeitgeschichte), haben uns alle den Veränderungen anzupassen. Wem das nicht gelingt, dem muss man durch Weiterbildung helfen.
    Das völlig falsche Mittel ist jedoch Islam-Unterricht in der Grundschule zu erteilen. Ebenso ein deutscher Religionsunterricht. Die Gottessuche wird nicht helfen. Erst mit dem Verlassen der kulturellen Prägung überwindet man diese Traditionswelten (Sprache, Familie, Kultur, Religion etc.), aus der man rein zufällig stammt. Man muss diese Strukturen aufbrechen. Zivilisation kann gelehrt werden. Jeder kann sie erwerben. Zivilisation ist der Fortschritt auf allen Gebieten, auch um ein freier Geist auf dem Boden der Verfassung zu werden. Traditionen können überhaupt nicht „bewahrt“ werden. Das ist eine Fiktion oder einfach nur Folklore.


  • Anfängerfehler ? Hansi – 03.08.10
    Bei solchen Fehlern wäre jeder Arbeitnehmer in einem Wirtschaftsunternehmen noch innerhalb der Probezeit gekündigt worden.

    Warum ist diese Ministerin noch im Amt? Sie hat versagt! Sie wollte eine Medienzensur einführen. Dafür hätte sie fristlos gekündigt werden müssen, weil sie als Ministerin damit gegen das Grundgesetz verstoßen hat. (Meinungs- und Pressefreiheit). Ein Politiker, der gegen seinen Amtseid verstößt, ist charakterlich für dieses Amt nicht geeignet. Wieso lassen wir uns das bieten? Nur um die multikulturelle Fahne um jeden Preis schwenken zu dürfen? Nein, nicht um den Preis einer eingeschränkten Demokratie!

    Entfernung aus dem Amt - bevor noch großartige finanzielle Ansprüche zu Lasten des Steuerzahlers (Ministerpension) entstehen.
  • Mediencharta M. Usul – 03.08.10
    Da es bei der Frau Özkan um eine Person mit Migrationshintergrund geht, möge die HAZ-Redaktion doch bitte die Kommentarfunktion abschalten und die bisherigen Kommentare löschen.

    Vielen Dank.
  • Belanglos Jet – 03.08.10
    Diese Frau ist gottseidank längst disqualifiziert.
    Ein Austausch nach 100 Tagen würde viel Staub aufwirbeln. Also belässt man Sie im Amt und verteilt die Kompetenzen anderweitig.
    Die wird sich die nächste Zeit nur noch zu Nichtigkeiten äußern.
    Das ist selbstverständlich sehr zu begrüssen!
  • Frau Özkan X – 03.08.10
    Trotz ihres Bedauern und Zurückrudern ist die Grundeinstellung zu diesen Themen klar.
    Somit bin ich im Zweifel, ob ihr Engagement in diesem Job für das Land das Richtige ist.

Meistgelesene Artikel

Anzeige

Politik kompakt

Aus meinem Papierkorb

Michael B. Berger blickt am Ende jeder Woche in seinen (virtuellen) Papierkorb – und erzählt die Nachrichten, die liegen geblieben sind, aber doch Beachtung finden sollten.

Michael B. Berger blickt am Ende jeder Woche in seinen (virtuellen) Papierkorb – und erzählt die Nachrichten, die liegen geblieben sind, aber doch Beachtung finden sollten.

Testen Sie Ihr Wissen

Madsack im Gespräch

Das Madsack-Hauptstadtstudio.

Unsere Redakteure im Hauptstadtbüro führen TV-Interviews mit Menschen, die etwas zu sagen haben.

Angst vor Austritt
Foto: Die Angst vor dem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone belastet die europöäische Währung.

Auch an den Devisenmärkten wächst die Sorge um einen möglichen Euroaustritt Griechenlands. Anleger flüchten in sichere Häfen, der Euro geht auf Talfahrt. Wann und wo diese endet, hängt nicht zuletzt vom Ausgang der Wahlen in Griechenland ab - und vom Erfolg der Brandmauern.

Anzeige


Top