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09:08 04.12.2011
In Niedersachsen werden dringend Pflegeeltern gesucht. Quelle: dpa
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Braunschweig/Osnabrück

Sie werden von ihren Eltern vernachlässigt oder körperlich und seelisch gequält: Die Behörden in Niedersachsen haben im vergangenen Jahr 3102 Kinder und Jugendliche zu ihrem eigenen Schutz kurzfristig aus ihren Familien herausgenommen. Teilweise melden die Kinder selbst dem Jugendamt ihre unerträgliche Situation zu Hause, wie ein Sprecher des Sozialministeriums berichtete. Aber auch Nachbarn, Kindergärten, Schulen sowie Ärzte seien sensibler geworden und zeigten Eltern bei Misshandlungsverdacht eher an.

In Niedersachsen müssen sich die Behörden nach Angaben des Sozialministeriums zunehmend auch um unbegleitet eingereiste Flüchtlinge kümmern, vor allem aus Afghanistan.

Dauerhaft bei Pflegeeltern lebten im vergangenen Jahr 2215 Kinder und Jugendliche. Damit hat sich die Zahl in den vergangenen fünf Jahren beinahe verdoppelt.

Doch die Suche nach geeigneten Familien wird zusehends schwieriger, ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. Mit Informationsveranstaltungen, Flyern und Plakataktionen versuchen die niedersächsischen Städte, neue Pflegeeltern zu gewinnen. „Der Bedarf ist auf jeden Fall gestiegen“, sagte Sylvia Paulmann vom Pflegekinderdienst der Stadt Braunschweig. „Wir haben einfach nicht mehr genug Bewerber, weil sich die Gesellschaft verändert hat.“

Wenn beide Partner berufstätig seien, gestalte es sich schwierig, gleichzeitig ein traumatisiertes Kind zu betreuen. Wer Pflegekinder dauerhaft aufnimmt, übernimmt auf lange Sicht für 24 Stunden am Tag Verantwortung - und dazu gehört Idealismus. „Anders als in der Tagespflege kann man mit Pflegekindern kein Geld verdienen“, betonte Paulmann.

„Wir haben genügend Bewerber für den gesunden Säugling“, berichtete Heribert Konermann, Leiter des Adoptions- und Pflegekinderdienst der Stadt Osnabrück. Allerdings gebe es nur wenige Familien, die bereit sind, ein älteres Kind mit besonderer Beeinträchtigung aufzunehmen. Auch angesichts der Unsicherheit und gewünschten Flexibilität am Arbeitsplatz könnten sich nur wenige, langfristig verpflichten. Osnabrück hat Konermann zufolge zu wenig Pflegefamilien. „Das ist typisch für Städte.“

Während die vermittelten Pflegekinder in Braunschweig und Osnabrück in etwa konstant blieben, stieg deren Zahl in der Stadt Göttingen von 14 Vermittlungs-Anfragen im Jahr 2004 auf 35 im vergangenen Jahr. Vier Kinder konnten 2010 nicht in Familien vermittelt werden. Die Pflegeeltern bekommen vorher umfassende Schulungen. Voraussetzung, um Kinder mit besonderen Beeinträchtigungen aufzunehmen, ist in der Regel eine pädagogische Ausbildung. Die Kleinen bleiben in der Regel in Kontakt zu ihren leiblichen Eltern, die zum Beispiel Alkohol- oder Drogenprobleme haben. Dies sei für die Pflegefamilie gefühlsmäßig oft belastend, berichtete die Sprecherin der Stadt Wolfsburg, Stefanie Geisler.

„Wir haben immer Bedarf, wir finden aber für alle Kinder eine Lösung“, sagte Hannovers Stadtsprecherin Konstanze Kalmus. Die Region Hannover ist als Jugendamt für 15 Städte zuständig. Auch hier können nach Auskunft von Regionssprecher Nils Meyer nicht alle Kinder und Jugendliche wohnortnah in Pflegefamilien untergebracht werden. „Wir vermitteln auch Kinder in andere Landkreise“, sagte der Sprecher.

Im Stadtstaat Bremen mit vielen sozialen Brennpunkten leben aktuell 579 Kinder in Pflegefamilien. „In diesem Jahr konnten zwölf Kinder nicht vermittelt werden, weil es keine geeigneten Pflegeeltern gab“, berichtete der Sprecher des Sozialsenats, Bernd Schneider.

Irm Wills aus Einbeck hat im Sommer die Landesarbeitsgemeinschaft für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien gegründet. Die Mutter von erwachsenen Pflegekindern meint: „Die Pflegeeltern sind verunsichert. Die Arbeit wird ihnen schwer gemacht und findet wenig Anerkennung.“ Es gebe immer noch das Vorurteil, dass Familien des Geldes wegen Kinder bei sich aufnehmen. Die Familien wünschten sich unter anderem mehr Fortbildungen. „Ein Problem ist auch, dass wir über die Vorgeschichte der Kinder von den Jugendämtern oft nicht richtig informiert werden.“

dpa

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