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00:23 09.04.2015
Von Karl Doeleke
„Jetzt erst recht“: Für Zugmarschall Gerhard Baller (re.) ist die Frage nach den Hintergründen des Terroralarms „abgehakt“. Andere im Braunschweiger Karnevalskomitee wie Jürgen Buchheister (li.) wollen wissen, wie es war. Quelle: Marta Krajinovic
Braunschweig

Gerhard Baller sucht das Gute im Schlimmen, selbst wenn es um Terrorismus geht. „Immerhin weiß die Welt jetzt, dass es in Braunschweig einen großen Karnevalsumzug gibt.“ Als am 15. Februar die Nachricht von der Absage des Schoduvel wegen einer aus heutiger Sicht rätselhaften Anschlagsdrohung bekannt wurde, war sie blitzschnell auf dem gesamten Globus präsent. Der Zugmeister des Braunschweiger Karnevalskomitees hat seitdem aufmunternde Briefe und E-Mails von fast überall her bekommen. Aus dem Rheinland, den USA, Südamerika.

Sechs Wochen ist das jetzt ungefähr her, und bei vielen Karnevalisten hat der Trotz inzwischen Wut, Trauer und Ratlosigkeit verdrängt. „Jetzt erst recht“, lautet das Motto für die nächste Session, und Gerhard Baller verkörpert diese Haltung mit ausgesprochener Fröhlichkeit. „Wir sind voller guter Erwartung. Wir starten jetzt durch.“

Der frühe Vizekanzler der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste wäre als Zugmarschall dafür verantwortlich gewesen, dass rund 100 Motivwagen geordnet an 250 000 Menschen vorbei durch die Braunschweiger Innenstadt ziehen können. Um 10 Uhr dann kam der Anruf, von Braunschweigs Polizeipräsidenten Michael Pientka. In Ballers Erinnerung war der Polizist sehr kurz angebunden: „Bitte kommen Sie sofort ins Präsidium. Es geht um den Umzug. Stellen Sie keine Fragen.“ Eine Viertelmillion Menschen wurde sicherheitshalber nach Hause geschickt. Eine Bombe, ein Bekennerschreiben, ein Täter wurden aber nicht gefunden.

Stellen Sie keine Fragen zum Schoduvel - das scheint seitdem die Devise der Behörden zu sein, obwohl die Hintergründe des Terroralarms im Dunkeln bleiben. Diese Unwissenheit trage nicht dazu bei, „die Menschen im Land zu beruhigen“, bemängelt der Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, Björn Thümler. „Die Planer des Anschlags in Braunschweig laufen noch immer frei herum.“ Leise Kritik macht sich nicht nur im Landtag breit. Angeblich herrscht im Umkreis des Gemeinsamen Terrorismus-Abwehrzentrum von Bund und Ländern in Berlin die Einschätzung, die Behörden in Niedersachsen hätten überreagiert.

Haben sie? Wer bei Staatsanwaltschaft, Polizei und Verfassungsschutz nach den Hintergründen fragt, wird mit einer Standardantwort auf Abstand gehalten. Mit dem Hinweis auf „laufende Ermittlungen“ können Behörden jeden Auskunftsanspruch aushebeln, wenn sie nichts sagen wollen oder sagen können.

Die Polizei steckt ganz offensichtlich in einem Dilemma. „Ich weiß, dass es viele Fragen gibt“, sagt Braunschweigs Polizeipräsident Pientka und wirbt um Verständnis für das eiserne Schweigen: „Es gibt Informationen, die Einsicht in die Entscheidung zur Absage erzeugen könnten, aber ich darf sie nicht weitergeben, um unsere Quellen nicht zu gefährden.“ Nur so viel weiß man: In der Nacht vor dem Umzug hatte ein Vertrauensmann des Verfassungsschutzes aus der salafistischen Szene vor einem Anschlag auf den Schoduvel gewarnt, und diese Information hat der Sicherheitsapparat ernst genommen. Die Quelle galt damals als „zuverlässig“, und an dieser Einschätzung hat sich nach Angaben des Innenministeriums in Hannover auch nachträglich nichts geändert. „Wir wissen jetzt, dass wir verletzbar sind“, sagt Jürgen Buchheister.

Der pensionierte Polizist ist Sprecher des Braunschweiger Karnevalskomitees und ganz anders als Zugmarschall Baller. Baller ist fröhlich und laut, Buchheister ruhig und zurückhaltend. Baller sagt: „Das ist abgehakt. Vielleicht werden wir nie erfahren, wer das war.“ Buchheister meint: „Ich geb da nicht auf. Ich will es wissen.“ Er ist immer noch Polizist, wenn auch im Ruhestand.

Wissen, was war - das wünschen sich nicht nur viele Karnevalisten, die ja auch vor der Frage stehen, ob so etwas im kommenden Jahr wieder passieren könnte. Vor allem auch Hayri Aydin vom Rat der Muslime in Braunschweig dringt auf eine Antwort. Aydin spricht für 12 000 Braunschweiger mit muslimischem Hintergrund. In der vergangenen Woche richtete er eine eindringliche Bitte an den Polizeipräsidenten, mehr über die Hintergründe zu offenbaren: „Wir Muslime werden unter Generalverdacht gestellt, weil die Terrordrohung einen islamistischen Hintergrund hatte - das ist nicht gut.“

Aydin hat am schlimmen Schoduvel-Sonntag genau das Richtige getan, weshalb er gemeinsam mit Polizeipräsident Pientka den Braunschweiger Karnevalsorden verliehen bekommen hat. Aydin ist sofort nach der Absage in die Stadthalle gekommen, hat sich bei ihnen auf die Bühne gestellt und die Karnevalisten damit schwer beeindruckt, dass er von „unserem Karneval sprach“. Das sei „Balsam“ gewesen, sagt Buchheister. Im kommenden Jahr will sich die Muslimische Gemeinschaft zum ersten Mal am Schoduvel beteiligen, obwohl Aydin sagt: „Wir sind von Haus aus keine Karnevalisten.“

Schon bisher gilt das Verhältnis zwischen Braunschweiger Muslimen und Stadtgesellschaft als vorbildlich. Wenn die Absage des Schoduvel ihr Gutes hatte, dann dass Muslime und Braunschweiger noch enger zusammengerückt sind. „Alles, was geschieht, wird am Ende Wohltaten folgen lassen“, zitiert Aydin ein muslimisches Sprichwort.

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