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Wie Stephan Weil in der Politik gelandet ist

Landtagswahl am 15. Oktober Wie Stephan Weil in der Politik gelandet ist

Stephan Weil will nach der Landtagswahl am 15. Oktober wieder Ministerpräsident von Niedersachsen werden. Hannoveraner haben ihn als ruhigen und besonnenen Politiker kennengelernt. Was ist noch über den früheren Oberbürgermeister von Hannover und gebürtigen Hamburger bekannt?  Ein Porträt. 

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Stephan Weil in der Buchhandlung: Mit Klassikern der Dichtkunst kann man ihn jagen. 

Quelle: Clemens Heidrich

Hannover. Wer Stephan Weil in diesen Tagen begleitet, erlebt einen ziemlich aufgeräumten Ministerpräsidenten. Das ist erstaunlich, denn es ist keineswegs ausgemacht, dass Weil auch nach der Landtagswahl am 15. Oktober noch Regierungschef bleiben wird. Aber gerade in krisenhaften Situationen bleibt Weil ruhig. Sehr ruhig.

Das war schon in der Landtagswahlnacht am 20. Januar 2013 zu beobachten: Als alles so aussah, als würde die SPD die Wahl verlieren, redete Weil ungerührt, wie der künftige Oppositionsführer - und schaltete dann blitzschnell um, als klar war, dass Rot-Grün am Ende mit einer Stimme Mehrheit aus dem Rennen ging.

Ein Porträt von Stephan Weils Herausforderer Bernd Althusmann finden Sie hier.

Weil kann frappierend cool bleiben. Wie auch in diesen Tagen. Er ist, zumindest im öffentlichen Raum, ein Meister der Selbstbeherrschung. Und der Selbstdisziplin, was nicht nur seine Wahlkampf-Mitarbeiter zu spüren bekommen, die der „Chef“ bereits morgens um 7 Uhr zur ersten Lagebesprechung zusammentrommelt. Gegnerbeobachtung, Medienschau, Einstimmung auf den Tag.

Seit 2013 ist Stephan Weil niedersächsischer Ministerpräsident. Am 15. Oktober will er wiedergewählt werden. Ein Blick auf sein Leben und die Stationen seiner Karriere. 

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Ironie statt Pathos

Abgewöhnt hat sich Weil den abendlichen Blick in die E-Paper-Ausgaben der Zeitungen, der nicht selten seinen Blutdruck steigen lässt, wenn er von Pannen in der eigenen Regierung lesen muss. Dafür greift er, mit dem man sich nicht nur stundenlang über Fußball unterhalten kann, lieber zu einem guten Roman. Denn Weil ist, trotz des zeitraubenden Politikerjobs, ein leidenschaftlicher Leser, vor allem von Romanen mit historischen oder biografischen Bezügen. „Ich nutze jede Minute dafür, etwa auf Fahrten, von denen es im großen Land Niedersachsen nicht wenige gibt.“ Im Augenblick, und mit Blick auf die Populisten, empfiehlt Weil die Lektüre von Sinclair Lewis’ bereits 1935 erschienenen Roman „Das ist bei uns nicht möglich“.

Weil liebt Romane mit geschliffenen Dialogen, mit Witz und Ironie, was auch ihm nicht fremd ist. Mit Klassikern der Dichtkunst wie etwa Rilke kann man ihn, den Pathos nervt, jagen. Auch mit Motiven, die sich wiederholen. Bestsellerautoren, die jedes Jahr einen neuen Roman raushauen, werden dem Vielleser Weil schnell langweilig.

Trotz seiner ausgeprägten Liebe zur Literatur stand er nie in der Versuchung, Deutschlehrer zu werden. Dafür war ihm damals, als er von der Schule in den Zivildienst wechselte, das Gymnasium doch zu verhasst. „Ich sehe das heute in milderem Licht“, sagt er. „Aber damals empfand ich den Schulabschluss wie eine Befreiung aus dem Knast.“

Weil nimmt für sich in Anspruch, in der Politik ein „Spätberufener“ zu sein. Tatsächlich ist der 58-jährige Sozialdemokrat erst vor elf Jahren richtig in die Politik eingestiegen - als er zum Oberbürgermeister der Stadt Hannover gewählt wurde. Davor hatte Weil als Kämmerer der Landeshauptstadt gearbeitet, davor als Ministerialrat im Justizministerium, zuvor als Staatsanwalt und Richter.

Die Möglichkeit, schon früh in den Landtag zu wechseln, hat er in den Neunzigerjahren bewusst ausgeschlagen. Auch, weil er erst einmal einen ordentlichen Beruf ausüben wollte. Er hat lange gezögert, bevor er sich entschloss, als niedersächsischer SPD-Spitzenkandidat gegen den damaligen Landesvorsitzenden Olaf Lies anzutreten. Er gewann den parteiinternen Mitgliederentscheid und pflegt seitdem mit Lies eine weitgehend harmonische Zusammenarbeit.

Notfalls auch mit grobem Keil

Wie schon anderen Ministerpräsidenten vor ihm (etwa Christian Wulff) sind Weil heftige, polemische Landtagsdebatten eher zuwider. Er hat einige Zeit gebraucht, sich vom Kammerton des hannoverschen Rathauses an die doch derberen Umgangsformen des Landtages zu gewöhnen. Aber auch Weil kann, wenn es Not tut, auf einen derben Klotz einen derben Keil schlagen, wie er es Anfang dieses Monats auf einem Landesparteitag tat, auf den ihn die SPD mit 100 Prozent zum Spitzenmann wählte.

Hier sprach Weil in einer für ihn ungewohnt polemischen Weise den Christdemokraten den Anstand ab, das Land zu führen. Mit Blick auf den Übertritt der ehemals Grünen-Abgeordneten Elke Twesten zur Union sagte Weil an die Adresse der CDU-Führung: „Sie haben Tricks drauf, aber wenig Anstand.“ Aber solche Angriffe sind eher die Ausnahme des Politikers Weil, der sich lieber präsidial präsentiert, obwohl er durch und durch Sozialdemokrat ist.

Sein Privatleben hält Stephan Weil aus der Öffentlichkeit heraus. Seine Frau Rosemarie, eine Professorin, sieht man so gut wie nie bei öffentlichen Auftritten - es sei denn, der Bundespräsident macht seinen Antrittsbesuch in Hannover. Mit seinem erwachsenen Sohn geht er, der Langstreckenläufer, gerne wandern. Weil bezeichnet sich als katholischen Christen, obwohl er, der frühere Messdiener, Anfang der Achtzigerjahre aus politischen Gründen aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten ist. Mit dem amtierenden, an sozialen Fragen interessierten Papst Franziskus hätte Weil wohl weniger Probleme.

Versuche prominenter Protestanten, ihn zum Übertritt zu bewegen, schlugen bisher fehl. Aber über die letzten Dinge kann man mit Weil sehr wohl reden. Allerdings nicht öffentlich.

Gelernter Jurist und Finanzfachmann

Stephan Weil wurde am 15. Dezember 1958 in Hamburg geboren und lebt seit 1965 in Hannover. Nach dem Abitur am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover und dem Zivildienst in der Kinderheilanstalt Hannover begann Weil 1978 sein Jura-Studium in Göttingen, das er 1986 mit dem zweiten Staatsexamen abschloss. 1987 heiratete Weil Rosemarie Kerkow, im selben Jahr wurde ihr gemeinsamer Sohn Nils geboren. Anschließend arbeitete Weil zunächst als Rechtsanwalt, dann als Richter und Ministerialrat im Justizministerium. 1997 wurde Weil zum Kämmerer der Stadt Hannover gewählt. Im Jahr 2006 wurde Weil Oberbürgermeister in Hannover, bevor er sich 2011 entschloss, in die Landespolitik zu gehen und bei der Landtagswahl als Spitzenkandidat anzutreten. Seit Februar 2013 ist Weil niedersächsischer Ministerpräsident.

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