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Strahlenschutzexperten fordern Kurswechsel bei Atommülllager Asse

Radioaktiver Abfall Strahlenschutzexperten fordern Kurswechsel bei Atommülllager Asse

In der Debatte um die Zukunft des maroden Atommülllagers Asse bei Wolfenbüttel galt bisher die Rückholung des Mülls als oberstes Ziel. Doch jetzt empfehlen die Sicherheitsexperten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) in einem fünfseitigen Memorandum einen Kurswechsel – nämlich auf die Rückholung zu verzichten.

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Die Sicherheitsexperten des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) empfehlen in einem fünfseitigen Memorandum einen Kurswechsel – nämlich auf die Rückholung zu verzichten.

Quelle: dpa

Hannover. „Insgesamt deuten alle dargestellten Indikatoren darauf hin, dass im Verlauf der nächsten Monate bis gegen Ende 2012 eine Sachlage eintreten wird, die eine weitere Verfolgung der Stilllegungsoption ,Rückholung‘ als sicherheitstechnisch nicht mehr vertretbar erscheinen lässt“, heißt es in der Einschätzung der Experten, die dieser Zeitung vorliegt. Deshalb schlage man vor, „bereits jetzt alle fachlichen und kommunikativen Vorbereitungen für eine Aufgabe des Projekts ,Rückholung‘ zu treffen.“

Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) zeigt sich irritiert. „Man hat uns, dem Landesumweltministerium, vonseiten der Spitze des Strahlenschutzamtes vorgehalten, wir würden durch aufwendige Genehmigungsauflagen die Rückholung hintertreiben. Dabei sehen die Sicherheitsexperten des Strahlenschutzamtes auch unsere Bedenken“, sagte Sander am Donnerstagabend. Er fühle sich in der Asse-Diskussion von hohen Vertretern des Strahlenschutzamtes „hinters Licht geführt“, sagte Sander: „Was gilt denn nun?“

In dem ehemaligen Salzbergwerk Asse lagern 126 000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall. Bis 2010 haben die Behörden alles darangesetzt, möglichst viele Kammern des Salzbergwerks zu verfüllen, um die Grube stabiler zu machen. Das Bergwerk ist einsturzgefährdet, weil Wasser zufließt. Doch Anwohner waren mit den Sanierungsplänen nicht zufrieden. Sie fürchteten eine Belastung des Grundwassers durch den Austritt radioaktiver Laugen und eine große Umweltverseuchung. Sie forderten deshalb die komplette Rückholung des Mülls. 2010 kam Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) diesen Forderungen nach: Der gesamte Abfall solle herausgeholt werden. Seitdem arbeiten Experten an dem komplizierten Vorhaben – und seitdem streiten auch die Behörden.

Die Sicherheitsexperten des BfS sehen jedenfalls erhebliche Risiken in der geplanten Rückholung. So scheitere man bereits mit dem Plan, „auch nur gering kontaminierte Lösungen oder Stoffe aus der Asse an Dritte weiterzugeben“, am politischen Willen und der fehlenden Akzeptanz in betroffenen Kommunen oder Institutionen. Selbst in bundeseigenen Großforschungsanlagen in Karlsruhe und Jülich, die die Gefährdung abschätzen könnten, werde eine Behandlung der kontaminierten Lösungen abgelehnt, heißt es in dem Schreiben.

Die Bürger in der Region um die Asse befürchten schon seit Langem, dass sich die Behörden allmählich von dem kühnen Plan verabschieden, den gesamten Atommüll aus dem ehemaligen Salzbergwerk herauszuholen. Das dieser Zeitung vorliegende vertrauliche Memorandum aus dem Bundesamt für Strahlenschutz, das bereits am 14. November erstellt worden ist, könnte ihre Befürchtungen verstärken. Denn, so die Experten, die bisherigen Zeitpläne seien nicht einzuhalten, das Risiko „eines unbeherrschbaren Lösungszutritts“ drohe sowie der „Verlust eines zum Zweck der Rückholung ausreichenden, gebrauchstauglichen Grubengebäudes“. Das Risiko, dass man während der Rückholung das Projekt abbrechen müsse, sei gegeben.

Bislang waren nach einer Machbarkeitsstudie acht Jahre für die Rückholung der 126 000 Fässer veranschlagt worden. Die Rückholung sollte nach Abschluss der Erkundungs- und Genehmigungsverfahren von 2020 bis 2025 durchgeführt werden. „Bei diesen Zeitabschätzungen wurden keine betrieblichen Risiken berücksichtigt“, schreibt der BfS-Sicherheitsexperte. Doch bereits jetzt zeichnet sich nach seinen Aussagen ab, dass der „eigentliche Rückholungsprozess“ erst ab 2025 beginnen könne. „Der Zeitpunkt des Abschlusses dieser Arbeiten ist nicht prognostizierbar, kann jedoch auf Basis der gewonnenen Erfahrungen nicht vor 2040 beendet sein.“ Eine Beschleunigung der Prozesse „widerspricht sicherheitlichen Zielen und ist auf der Basis des geltenden Regelwerks nicht möglich“, heißt es in dem Papier, das der hannoversche Umwelt-Staatssekretär Stefan Birkner als „brisant“ einschätzt – vor allem wegen der angeratenen Konsequenzen: schon jetzt den Ausstieg aus der immer wieder propagierten Rückhol-Option vorbereiten.

Als eine große Schwierigkeit stellt sich auch das nötige Zwischenlager für den Asse-Müll heraus, gegen das sich die Anwohner heftig wehren. „Ob bis zum Beginn der Rückholungsarbeiten ein betriebsbereites Pufferlager bereitgestellt werden kann, ist fraglich“, notiert lakonisch der BfS-Experte. Und auch eine grundsätzliche Schwierigkeit zeichnet sich ab: Bislang hieß es, die Rückholung solle nach atomrechtlichem Verfahren genehmigt werden. Aber schon diese Genehmigung einzuholen scheint schwierig, da hier „auch der Nachweis der Störfallsicherheit der gesamten Schachtanlage“ zu betrachten sein werde. Der Zutritt „unbeherrschter“ Lösungen könne hierbei nicht ausgeklammert werden. „Insbesondere die Abschätzungen der Gesellschaft für Reaktorsicherheit belegen, dass im Falle des Absaufens der Anlage Strahlenexpositionen oberhalb des Störfallplanungswertes zu erwarten sind“, heißt es in dem Memorandum. Es weist darauf hin, dass es derzeit schon schwierig ist, ja „unmöglich“, auch nur gering belastete Lösungen aus der Asse an Dritte abzugeben. Der Name „Asse“ werde sofort mit Gefährdung gleichgesetzt.

Trotz der kritischen Einschätzung der eigenen Bergbauexperten hält das BfS an seinem ursprünglichen Plan fest. „Es gibt keine Neupositionierung oder Neubewertung des BfS, die sagt, eine Rückholung sei nicht möglich“, erklärte am Donnerstagabend ein BfS-Sprecher.

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