Volltextsuche über das Angebot:

21°/ 14° Gewitter

Navigation:
Trotz der Reformen landet Niedersachsen nur im Mittelfeld

Pisa-Studie Trotz der Reformen landet Niedersachsen nur im Mittelfeld

Vergleichsarbeiten, Zentralabitur, eigenverantwortliche Schule, Sprachförderung und Schulinspektion – an Reformen hat es in den vergangen Jahren wahrlich nicht gemangelt. Dennoch hat Niedersachsen bei der jüngsten Bildungsstudie wieder nur mittelmäßig abgeschnitten.

Voriger Artikel
Wulffs Sommerreise: Alles dreht sich um den Wechsel
Nächster Artikel
Demonstration gegen Abkoppelung von der Heidebahn

Pisa-Studie: Niedersachsen landet im Mittelfeld.

Quelle: dpa

Dabei will Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) im Ländervergleich doch gern unter den ersten Fünf landen, und seine Vorgängerin Elisabeth Heister-Neumann hatte sich vor zwei Jahren auch schon „langfristig einen Platz in der Spitzengruppe“ gewünscht.

Der Erfolg mancher Reformen, wie etwa der verbindliche Sprachtest vor der Einschulung, den Niedersachsen als erstes Bundesland eingeführt hat, werde sich erst in ein paar Jahren zeigen, meint Althusmann. Ähnlich argumentiert seine Bremer Kollegin Renate Jürgens-Pieper (SPD), die früher selbst mal Kultusministerin in Niedersachsen war. Obwohl in Bremen nach dem Pisa-Schock vor zehn Jahren das Schulsystem gründlich umgekrempelt worden sei und die Kinder mehr gefördert würden, hätten die jetzt getesteten Neuntklässler noch weitgehend unter alten Bedingungen gelernt. „Das Bildungssystem ist ein großer, schwerer Tanker“, sagte Jürgens-Pieper gestern. „Wir haben noch eine lange Strecke vor uns.“

Auch Althusmann versprach: „Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um die Qualität unserer Schulen zu verbessern,“ Verbesserungswürdig sei vor allem die Lesekompetenz und die Rechtschreibung. „Das sichere Beherrschen der deutschen Sprache ist besonders wichtig für den Bildungserfolg“, sagte der Minister. Deshalb investiere das Land jährlich sechs Millionen Euro für die Sprachförderung im Kindergarten und 15 Millionen Euro für die verbindlichen Sprachtests bei den Schulanfängern. Auch im Fach Englisch liegen die niedersächsischen Schüler unter dem Bundesdurchschnitt. Es gelte, die Lehreraus- und fortbildung voranzutreiben, sagte Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU).

Kinder aus Akademikerfamilien haben in Niedersachsen eine 5,8 mal so hohe Chance, aufs Gymnasium zu kommen, wie ein Facharbeiterkind. Das soziale Gefälle ist damit ausgeprägter als im Bundesschnitt, wo die Chance für einen Schüler aus der Oberschicht auf einen Gymnasialbesuch nur 4,5 mal größer ist. Die Grünen sprachen gestern von einer „inakzeptablen Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg“.

„Das mehrgliedrige Schulsystem hat ausgedient“, sagte die Landesvorsitzende Stefanie Henneke, „Das Aufteilen der Kinder mag der Spitzenförderung dienen, wie das Abschneiden Bayerns und Baden-Württembergs zeigt, doch in der Breite versagt das System.“ Auch Frauke Heiligenstadt (SPD) betonte, diese Bildungsungerechtigkeit dürfe man nicht länger hinnehmen. Das mittelmäßige Abschneiden sei nicht die Schuld der Lehrer oder Schüler, sondern der schlechten Bedingungen: „Zu große Klassen, drastischer Fachlehrermangel, hoher Unterrichtsausfall und die ständige Verunsicherung der Lehrer tragen einen großen Teil der Schuld.“ Die Linken bemängelten die Kluft zwischen den Leistungsstarken und -schwachen Schülern.

GEW-Landesvorsitzender Eberhard Brandt zweifelt generell an dem Sinn von Vergleichsstudien: „Ein Gymnasium, das von 20 Prozent eines Schülerjahrgangs besucht wird, kann man doch nicht mit einem 40- bis 50-Prozent-Gymnasium messen.“ Schüler in ländlichen Gebieten müssten höhere Chancen auf einen Zugang zum Abitur erhalten. Das Rankingergebnis zeige jedoch auch, dass die meisten Reformen keine Auswirkungen auf die Unterrichtsqualität gehabt hätten.

Saskia Döhner und Eckhard Stengel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
mehr
  • Nicht nur eine Frage des Geldes Rubber Duck – 26.06.10 Natürlich spielt auch die finanzielle Situation der Schulen eine Rolle und selbstverständlich brauchen wir ein einheitliches Schulsystem und Lehrninhalte für ganz D. anstatt der bisherigen Kleinstaaterei.
    Eine einheitliche Förderung nach Begabung, und eben nicht nach Geld und Herkunft, ist aber ebenso unverzichtbar. Nicht nur die skandinavischen Länder sondern alle, die in PISA und anderen Vergleichen gut abschneiden, haben ein eingliedriges Schulsystem. Das Sortieren nach Geld und Herkunft in unserem dreigliedrigen Schulsystem ist ein typisch deutsches Problem und muss beseitigt werden.
  • Bitte, keine Systemdebatten! Oke Bandixen – 26.06.10 Die Qualität der Schulbildung hängt nicht von der Durchsetzung bestimmter ideologischer Positionen ab (dreigliedriges Schulsystem versus integrierte Schulform). Es ist nahezu unsinnig, auf das Vorbild der zweifellos sehr erfolgreichen integrierten Schulsysteme in Skandinavien zu verweisen, solange man nicht annähernd so viel Geld in die Schule stecken möchte, wie dies Finnen, Norweger und - mit Abstrichen - auch die Schweden tun. Diese Länder leisten sich ein gutes, aber eben auch sehr teures Schulsystem mit traumhaften Betreungsrelationen: In Finnland betreut beispielsweise ein Lehrer 10-15 Kinder, die er fordern und vor allem auch individuell fördern kann. Das führt automatisch zu besseren Resultaten, hat aber mit dem Schulsystem selbst wenig zu tun. Bei unseren chronisch unterfinanzierten Schulen (ein neues Landtagsgebäude ist ja auch viel wichtiger!) bedeutet die integrierte Schule vor allem: die systematische Nivellierung des schulischen Anforderungs- und Leistungsniveaus zulasten der begabten Schülerinnen und Schüler. Wir brauchen aber nicht einfach mehr Abiturienten, sondern vor allem bessere! Solange die Länder ihrer bildungspolitischen Verantwortung nicht gerecht werden, weil ihnen die finanziellen Mittel dafür fehlen - Zwischenfrage: Wozu brauchen wir sie dann eigentlich noch? -, sollten wir am dreigliedrigen System festhalten und es nicht mutwillig kaputtreden. Ein bayerischer Hauptschulabschluss ist kein soziales Stigma, im Gegenteil: ein Drittel der Hauptschulabsolventen im Freistaat nehmen später ein Fachhochschulstudium auf! So schlecht kann also dieser Schulabschluss nicht sein. In Rheinland-Pfalz hat Herr Beck, ein Verfechter des integrierten Schulsystems, gerade die Hauptschulen aufgelöst, indem er sie einfach zu Realschulen umdeklariert hat. Inwiefern stellt dieses Vorgehen eine Lösung der Probleme dar, die angeblich oder tatsächlich mit Hauptschule verbunden sind? Mehr Geld bekommen diese neuen "Realschulen" übrigens nicht! Löst man die Probleme des Kosovos, indem man es zu einem Kanton der Schweiz erklärt?
    Das Kernproblem unserer Schulen ist ihre, im internationalen Maßstab geradezu skandalträchtig miserable Finanzausstattung. Wer die "Systemfrage" stellt, wirft einfach nur Nebelkerzen! Wir brauchen nicht mehr Ideologie, sondern schlicht mehr Geld. Löst die Länder auf, dann steht es üppig für wirklich dringliche Zwecke zur Verfügung!
  • Trotz oder wegen der Reformen? Rubber Duck – 23.06.10 Das ist hier doch die Frage. Solange die CDU aus ideologischen Gründen am dreigliedrigen Schulsystem festhält sind die sogenannten Reformen doch bloß Makulatur.

    Und überhaupt: wozu brauchen wir in unserem kleinen Ländle 16 verschiedene Schulsysteme? Die ostfriesischen und sächsischen Kinder haben genauso ein Recht auf Bildung wie die Bayerischen.
Mehr aus Niedersachsen
Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.