Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann präsentierte gestern im Landtag neue Zahlen zur Unterrichtsversorgung.
Immer wieder spielten sich im Parlament tumultartige Szenen ab - und das Ausmaß an gegenseitigen Beschimpfungen steigerte sich von Minute zu Minute. Am Ende uferte die Debatte völlig aus, der Zeitplan wurde um mehr als eine Stunde überzogen.
Dabei hätte dieser sonnige Mittwoch eigentlich der Tag der allgemeinen Freude werden können. Denn Heister-Neumann sagte, das Ministerium habe bei der Ausschreibung für das kommende Schuljahr Erfolg gehabt. Zunächst hätten sich 2400 Pädagogen auf die 2300 Stellen beworben. Zwar bleibt offen, wie gut die Bewerber sind, ob auch überall die Mangelfächer bedient werden können und die Schulen in unattraktiven Regionen. Aber immerhin sei Niedersachsen bei den Lehrern offenbar sehr gefragt. Auch ein anderes Problem sieht nun kleiner aus als noch vor Tagen.
Weil viele Lehrer im neuen Schuljahr ihre Arbeitszeitkonten in Freizeit ausgleichen, fehlen Lehrer im Unterricht, die Regierung schätzt das auf 2050 Stellen. 500 davon werden neu ausgeschrieben. Der Rest aber sollte über teils umstrittene Schritte bewältigt werden - verstärkter Unterricht durch Referendare, weniger genehmigte Teilzeitanträge von Lehrern in Mangelfächern, Einsatz von Pensionären und die frühzeitige Verbeamtung von „Feuerwehrlehrern“, die in Notzeiten aushelfen sollen.
Das Video vom Protest der Grundschüler vor dem Landtag in Hannover
Noch vor kurzem hatte es so ausgesehen, als ob die Rechnung nicht aufgeht. Gestern verkündete Heister-Neumann nun, man habe 1645 der 2050 Stellen „heute bereits erwirtschaftet“. Bei den Referendaren und Pensionären klappt das bisher weniger, aber beispielsweise bekommen die Schulen Geld überwiesen, um sich selbst auf die Suche nach Lehrern zu begeben. Es könnten auch noch mehr als 200 Stellen zusätzlich ausgeschrieben werden. Ina Korter (Grüne) und Frauke Heiligenstadt (SPD) bezweifelten die Wirksamkeit der Schritte, woraufhin Heister-Neumann den beiden vorhielt, sie würden „langsam autistische Züge entwickeln“.
Aber es waren nicht die neuen Zahlen der Ministerin, die gestern die Gemüter im Landtag am stärksten erhitzten. Die SPD konzentrierte sich zunächst auf ihren Vorwurf, die Regierung habe das Disziplinarverfahren gegen den Gesamtschullehrer und GEW-Landesvorsitzenden Eberhard Brandt wegen angeblich zu wenig geleisteten Unterrichts bewusst inszeniert - um den Kritiker Brandt an den Pranger zu stellen. Ein Vorwurf lautete, das Ministerium habe die vertrauliche Personalakte Brandts Journalisten zugespielt. SPD, Grüne und Linkspartei bezichtigten Heister-Neumanns Pressesprecher Andreas Krischat - einen Mitarbeiter aus dem direkten Arbeitsumfeld der Ministerin, der seine Anweisungen direkt von der Chefin bekommt.
Als Heister-Neumann am Vormittag auf Oppositionsfragen zu Krischat nur ausweichend antwortete, bestand die SPD auf einer Sondersitzung des Kultusausschusses - und drohte inoffiziell mit einem Untersuchungsausschuss. Am Nachmittag wurde dann zwar nur der Antrag auf Akteneinsicht daraus, doch immerhin hatte die SPD zunächst ganz demonstrativ mit ihren Muskeln gespielt.
Aber als die Christdemokraten zur Mittagszeit witterten, dass die SPD den Fall Brandt in den Mittelpunkt der Parlamentssitzung rücken wollte, entschieden sie sich spontan zum Gegenangriff. Ministerpräsident Christian Wulff warf den Sozialdemokraten in der Schuldebatte „ein Übermaß an Unverfrorenheit“ vor. Im derzeitigen Europawahlkampf arbeite die SPD nämlich mit bildungspolitischen Broschüren, die von der Landtagsfraktion bezahlt und vertrieben werden, also mittelbar mit staatlichen Geldern. Dies jedoch ist unzulässig, Partei- und Fraktionsarbeit müssen voneinander getrennt werden. Kurz nach Wulffs Attacke, die er mit dem Hinweis ergänzte, mit den SPD-Broschüren könnten sich „auch Gerichte“ beschäftigen, stieg der Geräuschpegel im Landtag steil an. Ina Korter (Grüne) meinte, der Wortbeitrag des Ministerpräsidenten habe nur einen Sinn: „Der will vom Thema ablenken.“
Mehr Stellen und zunehmend Schwierigkeiten, diese zu besetzen: Die knapp 500 Betriebe, die im Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall zusammengefasst sind, bieten fast 2000 Ausbildungsplätze an. Im Durchschnitt könnten aber drei bis fünf Prozent der Stellen nicht besetzt werden, berichtete der Verband am Donnerstag in Hannover. mehr
Kommentare
Schulpolitik mackenzie – 18.05.09
Was ich mir von echten Journalisten jetzt wünschen würde wäre, dass sich mal jemand von Ihnen aufmacht, die Zahlen und Berechnungen gegen zu recherchieren. Solange sie dies nicht tun, liebe HAZler, kann die Ministerin weiter im Wolkenkuckucksheim schwelgen und keiner kann es ihr verdenken.Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Schuldebatte im Landtag vhts – 14.05.09
Haben die Damen und Herren Landtagsabgeordnete auch in der Sache diskutiert, oder nur parteipolitisch persönliche Diffamierungen ausgesprochen?Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Tricksereien schools out – 14.05.09
Warum sollte man eigentlich Frau Heister-Neumann ihre Zahlen glauben? Interessanterweise haben die betroffenen Kollegen noch nicht erfahren, ob und wie ihre Teilzeit gekürzt oder genehmigt ist. Wie lange wird man sie hinhalten? Und wie lange werden sich Widersprüche dagegen hinziehen? Was sich die Landesschulbehörde bedingt durch die ministerielle Unfähigkeit gerade an Umgang mit ihren Leibeigenen leistet ist schon unglaublich. Weiter so. Welche Reklame für den Beruf und welch Motivation sich einen anderen zu suchen! Auf diesen Kommentar antworten Kommentar meldenPolitikerschelte Benno – 14.05.09
Diese verallgemeinernde Politikerschelte geht mir langsam auf den Zeiger. Immer wenn CDU oder FDP Mist machen heisst es: die Politiker. Wenn die SPD oder andere Parteien Fehler mache, werden sie beim Namen genannt.Also: die Schulpolitik von CDU und FDP in Niedersachsen ist eine einzige Katastrophe. Dagegen hilft kein allgmeines Gelaber sondern nur ständige öffentliche Proteste. Und bei den nächsten Wahlen: abwählen! Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Nicht nur fordern - auch fördern! Dieter Eckhard Wolf – 14.05.09
Also wenn die Angaben und Zahlen in diesem Artikel stimmen, dann hat sich die Kustusministerin für Niedersachsen, Elisabeth Heister-Neumann, doch eigentlich nichts vorzuwerfen. Zaubern können die auch nicht! Mag ja sein, dass die Opposition zum opponieren da ist, man muss es aber auch nicht übertreiben!Die Angebote auf dem Land müssten deutlich attraktiver werden, statt dessen ist die Bezahlung dort (weil ja auch Miete u.ä. dort angeblich billiger wären) geringer als in der Landeshauptstadt Hannover! Hier könnte man nachbessern. Man könnte Lehrern die auf dem Land eine Tätigkeit aufnehmen, ein Haus (zunächst) zur Miete anbieten (um sie mit ordentlichem Wohnraum zu versorgen) später (wenn sie dort tätig bleiben) könnten sie dieses Haus kaufen.
Auch wenn es zunächst zu teuer klingt, langfristig würde sich dies auszahlen! Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Wahl MR – 14.05.09
Um diesen Politikern seinen Unmut zu zeigen, reicht es leider nicht aus, nicht wählen zu gehen. Denn die, die dann wählen gehen, bestimmen dann das Ergebnis und evtl. bleibt alles beim Alten.Um den diesen Damen und Herren in der jetzigen Regierung eine kräftige Ohrfeige zu verpassen, kann man wohl nur die Linken oder eine andere Partei wählen. DAS sollte denen dann RICHTIG weh tun. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Versagen des Volkes Willi B. – 14.05.09
Ein Volk bekommt immer die Politiker, die es verdient. Alle Macht geht vom Volke aus, leider vergessen das Parteien nur zu gerne und ernennen (demokratisch nicht gewählte) Minister nach von der Qualifikation völlig losgelösten Kriterien wie z.B. Regionsproporz, Frauenquote und ähnlichen Unsinn, unter dem die Qualität nur leidet. Solange wir uns das gefallen lassen...Ich werden z.B. bei der Europawahl nicht wählen gehen. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Berufsverbot!^^ eike – 14.05.09
Ich bin auch dafür, der Kaste der Berufspolitiker ein kollektives Berufsverbot auszusprechen! Es sei dahingestellt, ob der einzelne Politiker einen ehrlichen Anspruch hat und moralisch integer ist oder nur auf die dicken Pfründe aus ist und das Gewähltwerden so zum Selbstzweck (im wahrsten Wortsinn) wird - das kann ich nicht beurteilen, da ich die Herrschaften nicht persönlich kenne. Und selbst wenn ich sie kennte, wüsste ich es nicht mit Bestimmtheit zu sagen.Aber müssten wir denn nicht langsam mal sehen, dass "die Politik" grundsätzlich nicht in der Lage ist, die Probleme des Landes zu lösen? Sei es die Umweltkrise, die Arbeitslosigkeit, die Wirtschafts- und Finanzkrise... Perspektivlosigkeit auf breiter Front! Und eben kollektives Versagen.
Es geht eben nicht darum, wie so viele Politiker nicht müde werden zu betonen, "Vertrauen zurück zu gewinnen" - wenn die Politik als solche prinzipiell nicht in der Lage ist, die Probleme zu lösen, wird es zweitrangig, ob ich den einzelnen Politikern Vertrauen (für ihre Arbeit) schenke oder nicht.
Es liegt nicht in ihrer Macht, also erhebt sich die Frage: Was tun? Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
Politiker versagen auch in der Schulpolitik Nightrider – 14.05.09
Ob sich der Wähler mit Kindern ein derartiges Durcheinander von den gewählten Politikern wünscht, mag dahinstehen.In jedem Fall sind derartige Politiker unfähig, ein geordnetes Schulsystem zu organisieren, daß auch in 10 Jahren noch Bestand hat.
Alle bisher beteiligten Entscheider sollten sofort aus dem Amt enfernt werden, da sie es bis heute nicht zukunftsträchtig organisieren konnten, obwohl genug Finanzmittel zur Verfügung stehen. Wie immer geht es nur um Politik und nicht um die Belange der Schüler und deren Eltern. Egoismus im Amt und nicht bemüht um des Bürgers Wohl ist schon Programm. Gilt für alle Parteien Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
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