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Verflacht das Abitur in Niedersachsen?

Debatte um Schulpolitik Verflacht das Abitur in Niedersachsen?

Weniger Unterrichtsstunden, weniger Klausuren, laschere Versetzungsregeln: Kaum hat sich Niedersachsen vom ungeliebten Abitur nach 12 Jahren verabschiedet, gibt es neuen Streit um das Konzept für die um ein Jahr verlängerte Oberstufe. Die Streitfrage: Was ist das Abitur künftig noch wert.

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„Nicht nur in Kursen abhängen“: Die Kritik an den Bildungsplänen des Landes für die Oberstufe nimmt zu.

Quelle: dpa

Hannover. G 8 wird wieder G 9, das heißt: ein Jahr länger bis zum Abitur – und ein neues Konzept für die Oberstufe. Vor allem bei Lehrern stoßen die Pläne der Landesregierung jedoch auf Ablehnung. Nach Ansicht des Philologenverbandes droht das Abitur zu verflachen. Die neue Oberstufenverordnung, die noch bis Mitte März im öffentlichen Anhörungsverfahren ist, habe sich grundsätzlich vom Leistungsgedanken verabschiedet, bemängelt Philologenchef Horst Audritz. Erklärtes Ziel der rot-grünen Landesregierung sei es wohl, mehr Jugendliche zur allgemeinen Hochschulreife zu führen.

„Wenn immer mehr Schüler Abitur machen, scheitern sie dann eben später auf ihrem Bildungsweg an der Hochschule“, sagt Martin Thunich, Leiter der Wilhelm-Raabe-Schule in Hannover. „Einen Gefallen tut man den jungen Menschen damit nicht.“ Grundsätzlich sei es auch falsch, es den Schülern möglichst leicht zu machen. Auch Helga Olejnik vom Philologenverband meint, die Schüler wollten lernen, „und ihr Abitur nicht fürs Nichtstun bekommen“. Schon der Jahrgang 11 werde sich zur „Hängematten-Klasse“ entwickeln, warnen mehrere Schulleiter aus Hannover.

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Wilhelm Bredthauer, Vorsitzender des Landesverbandes für den naturwissenschaftlichen Unterricht, erinnert die neue Verordnung stark an die Neunzigerjahre: Sie erscheine eher veraltet als modern, rückständig statt innovativ.
Das Kultusministerium weist die Kritik der Lehrer vehement zurück. Der Entwurf sei zeitgemäß, modern und innovativ. Kein Fach erhalte auch nur eine Stunde weniger, Politik/Wirtschaft werde ausgebaut, die Schüler bekämen so mehr Berufs- und Studienorientierung. Es bleibe mehr Zeit zum vertiefenden Lernen.

Weniger Klausuren

Das Land will die Zahl schriftlicher Arbeiten auf dem Weg zum Abitur reduzieren. Ein Gymnasiast schreibe rund 400 Arbeiten in seinem Schulleben, sagt Ministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). Im 11. Jahrgang soll jetzt pro Fach nur noch eine Klausur geschrieben werden, egal ob es drei-, zwei- oder einstündig unterrichtet wird. Die Philologen kritisieren, dass auch in der Oberstufe in den Abiturprüfungsfächern im ersten Halbjahr der 13. Klasse statt zwei Klausuren nur noch eine Pflicht ist. Den Schülern werde so die Chance genommen, eine Arbeit unter Abiturbedingungen zu üben. Das Kultusministerium entgegnet, dass diese eine Klausur zeitlich und inhaltlich umfangreicher und komplexer sei. „Mit dieser maßvollen Verringerung der Klausurenanzahl sollen die Schüler bei grundsätzlicher Beibehaltung des Qualitätsanspruchs entlastet werden.“ Viele Pädagogen bemängeln schon jetzt, dass die schriftliche Ausdrucksfähigkeit leide, weil zu viel Gewicht auf das Mündliche gelegt werde.

Weniger Unterricht

Mit der Umstellung auf das Abitur nach neun Jahren an den Gymnasien soll auch die Zahl der Unterrichtsstunden sinken. Von Jahrgang 5 bis 11 sollen Schüler grundsätzlich nicht mehr als 30 Stunden Unterricht in der Woche haben, das heißt, nicht mehr als sechs Stunden pro Schultag. Gerade im 11. Jahrgang sei das fatal, meinen viele Schulleiter. Da sind alle Fächer grundsätzlich nur dreistündig. Dies werde zu einer Motivationsschwächung führen, befürchtet Wilhelm Bredthauer vom Landesverband Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Unterrichts. Die Grundlagenbildung in Mathematik leide schon durch weniger Stunden in der Sekundarstufe I, damit werde in den Ingenieurswissenschaften, die keineswegs nur Abiturienten mit dem Leistungsfach Mathe aufnähmen, die Lücke zwischen Schule und Hochschule dramatisch. Auch die Vorsitzende des Landesschülerrates, Olivia Zakrzewski, hätte nichts gegen mehr Stunden für Elftklässler. „Da bleibt mehr Zeit zur Vertiefung.“

Laschere Versetzungsvorgaben

Für die Versetzung in die Oberstufe zählen derzeit alle 14 Pflichtfächer. Künftig sind nur noch zwölf Fächer zu berücksichtigen, darunter Mathematik, Deutsch und eine Fremdsprache, belegt werden aber 13, 14 oder 15 Fächer. Dies führt dazu, dass man sogar mit einer 5 in Mathe und einer 6 in den Fächern Biologie, Physik und Chemie nicht sitzen bleibt. Nach den Vorgaben der Kultusministerkonferenz sollten nur diejenigen Schüler in die Oberstufe kommen, von denen zu erwarten ist, dass sie das Abitur bestehen. „Diese Bestimmung ist dafür nicht geeignet“, sagt Wolfgang Schimpf von der Direktorenvereinigung. Schon jetzt klagen Gymnasien darüber, dass sie in der Oberstufe ein Viertel der Schüler verlieren. Kurt Veith von der Leibnizschule sagt, die Spanne zwischen Wahlmöglichkeiten und Einbringungsverpflichtungen dürfe nicht zu groß werden. Kurse, in denen man nur abhänge, seien für keinen sinnvoll, findet auch Olivia Zakrzewski vom Landesschülerrat.

Zweite Fremdsprache ist nicht mehr verpflichtend

Eigentlich sollen alle Schüler auch in der 11. Klasse noch zwei Fremdsprachen lernen. Wenn jedoch der Schulvorstand zustimmt, können Jugendliche stattdessen zwei Fächer aus einem Bereich nehmen, den sie später als Oberstufenprofil wählen wollen, also beispielsweise Physik und Chemie. „Diese Option wird in vielen Schulen zur Abschaffung der zweiten Fremdsprache führen und damit Druck auf die verbleibenden Schulen auslösen“, befürchtet Wilhelm Bredthauer von der Goetheschule in Hannover.

„In der Vergangenheit war es immer so, dass sich nach einiger Zeit die schwächste Verpflichtung durchgesetzt hat, das wird auch hier in drei bis vier Jahren zu beobachten sein.“ Auch Schülervertreterin Olivia Zakrzewski, die selbst ein Gymnasium in Goslar besucht, hält grundsätzlich zwei Fremdsprachen für wichtig. Englisch sollte man auf gar keinen Fall abwählen, rät sie. Die Philologen weisen darauf hin, dass auch die dritte Fremdsprache, meist Spanisch, Latein oder Französisch, darunter leiden könne. Das Kultusministerium betont, dass in Niedersachsen die zweite Fremdsprache mindestens fünf Jahre belegt werden müsse. Die Kultusministerkonferenz schreibe dagegen nur vier Jahre vor.

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