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Das waren die Methoden des Islamkreises Hildesheim

Insider-Bericht Das waren die Methoden des Islamkreises Hildesheim

Weltweit hatten die Festnahmen von fünf Islamisten in Hildesheim und Nordrhein-Westfalen am vergangenen Dienstag für Aufmerksamkeit gesorgt. Doch wie konnte es so weit kommen, dass sich in der Domstadt eine so bedeutende salafistische Zelle etabliert hat? Ein Insider berichtet. 

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Der Hildesheimer Islamkreis hat einen rasanten Aufstieg in der Szene erlebt.

Quelle: Gossmann

Hildesheim. Selbst in den USA lief die Nachricht über die Festnahmen der fünf Islamisten in der Nacht der Präsidentenwahl über die Ticker der Fernsehsender. Doch wie konnte es so weit kommen, dass sich in der Domstadt eine so bedeutende salafistische Zelle etabliert hat? Ein Kenner der Szene hat die Entwicklung seit Jahren beobachtet. Er wundert sich über das viele Geld, das die Islamisten offenbar haben, und er macht den Sicherheitsbehörden in Niedersachsen Vorwürfe: Sie hätten viel zu lange die Radikalisierungen in der Gemeinde nur beobachtet und nicht gehandelt.

Die Polizei Niedersachsen hat am Mittwoch die DIK-Moschee "Deutschsprachiger Islamkreis Hildesheim" durchsucht. 

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Der Mann, der nicht will, dass sein Name veröffentlicht wird, und der hier Ibrahim heißen soll, ist Migrant und lebt seit vielen Jahren in Hildesheim. Er spricht offen über die Verhältnisse in der Stadt und im Deutschsprachigen Islamkreis Hildesheim (DIK) mit seiner Moschee, über die Extremisten, die er persönlich kennt und die teilweise schon verhaftet sind. Auch Mahmoud O., einer der mutmaßlichen Islamisten, die am Dienstag zusammen mit dem „Scheich von Hildesheim“, Abu Walaa, festgenommen wurden, gehört dazu. Nicht alle Aussagen von Ibrahim lassen sich überprüfen, aber da, wo es möglich war, sind seine Darstellungen von anderen Stellen bestätigt worden.

Vom Aufstieg des Hildesheimer Islamkreises

Der Hildesheimer Islamkreis hat einen rasanten Aufstieg in der Szene erlebt. 2011 sei der Verein von zwei Radikalen gegründet worden, berichtet Ibrahim: von einem deutschen Konvertiten und von Ahmad S. Beide hätten aus ihrer Gesinnung keinen Hehl gemacht, der Konvertit habe sogar ein Auto gefahren, dessen Kennzeichen die Buchstabenfolge IS und eine Referenz an die Anschläge vom 11. September enthielt. Ahmad S. sei später mit seiner Familie in den Krieg nach Syrien ausgereist.

Beide Männer hätten Abu Walaa nach Hildesheim geholt, der die Moschee in der Martin-Luther-Straße zu einem bundesweiten Anziehungspunkt für junge Radikale ausgebaut habe. Und Ibrahim erhebt Vorwürfe: „Der Verfassungsschutz muss seit spätestens 2012 oder 2013 Informanten in der Moschee gehabt haben. Und sie haben lange nichts getan. In der Zeit sind mindestens 30  Jugendliche da radikalisiert worden. Die haben jetzt einen Tunnelblick, und an die kommst du nicht mehr ran.“

Im Visier des Verfassungsschutzes

Frank Rasche, Sprecher des Verfassungsschutzes, hält dagegen: „Wir haben den 2011/2012 neu gegründeten Moscheeverein in Hildesheim von Anfang an im Blick gehabt.“ Mit zunehmenden Aktivitäten der Moschee habe man auch die Beobachtung verstärkt und sich auch immer wieder mit anderen Sicherheitsbehörden ausgetauscht.

Warum es trotzdem jahrelang dauerte, bis das Land sich zum Durchgreifen entschloss, liegt wohl auch am vorsichtigen Vorgehen der Islamisten. In öffentlichen Reden halten die Prediger sich in der Regel zurück. Die tatsächliche Radikalisierung findet in Hinterzimmern statt, in kleinsten Gruppen. Der Aussteiger Anil O., der gegen Abu Walaa  aussagen will, hatte in einem Interview gesagt, dass für manche Gespräche die Handys draußen bleiben mussten, um zu vermeiden, dass man abgehört wird.

Der Kreis der wirklichen Extremisten sei klein, der öffentliche Kreis der Moschee aber groß, so Ibrahim: Etwa 300 bis 400 Mitglieder kämen zu den Freitagsgebeten, darunter viele Flüchtlinge, die man in den Notunterkünften angesprochen habe. „Die sind ahnungslos, von wem sie da eingeladen wurden.“

Woher kommt der Wohlstand?

Wer sich mit der Moschee oder den führenden Leuten beschäftigt, der wundert sich über den offenkundigen Wohlstand. Die Moscheeräume sind 2013 für 135.000 Euro gekauft worden – nur ein gutes Jahr nach der Gründung des Vereins. Die führenden Mitglieder fahren Oberklasse-Autos wie den A8 oder den Q7 von Audi. Abu Walaa hat mehrere Fahrzeuge besessen, dazu in Nordrhein-Westfalen und in Bad Salzdetfurth zwei Ehefrauen und zwei Häuser unterhalten.

Über die normalen Berufe der Islamisten in Callcentern oder als Schlachter ließe sich so ein Lebenswandel kaum finanzieren, meint Ibrahim. Er vermutet, dass die Islamisten ihre Gläubigen angezapft haben: „Abu Walaa hat immer gesagt: Ihr müsst euch Reichtum in einer anderen Welt kaufen.“
Extremisten aus ganz Deutschland wurden in Hildesheim radikalisiert, einige stammen aber aus der Domstadt. So wie Mahmoud O. Sein Beispiel zeige, wie sehr der Extremismus die Familien auseinanderreiße, meint Ibrahim. „Seine Schwester ist westlich, die trägt nicht mal ein Kopftuch.“ Eine Cousine dagegen gehe niemals ohne Nikab aus dem Haus.

Und Mahmouds Vater habe alles versucht, seinen Sohn vom Extremismus fernzuhalten. Doch die Mühen waren vergeblich. Den Kontakt abgebrochen habe die Familie seines Wissens aber nie, meint Ibrahim. Aus seiner Sicht die richtige Entscheidung: Der Draht zur Familie ist oft die letzte Hoffnung, die Radikalen wieder zur Vernunft zu bringen. „Wenn man die Leute aus den Familien ausgrenzt, dann macht man das Ganze nur noch schlimmer.“     

Von Heiko Randermann und Tarek Abu Ajamieh

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