Ministerpräsident Christian Wullf (CDU) zeigt sich in der Debatte um den freien Elternwillen gegenüber dem Koalitionspartner FDP deutlich kompromissbereiter als Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann oder die Bildungsexperten seiner Fraktion. Bei der Eröffnung des diesjährigen Philologentages am Mittwoch in Goslar sagte er: „Die Grundschulen beraten am Ende der Klasse 4, die Eltern entscheiden, aber die weiterführenden Schulen müssen früher nachjustieren können.“
Wie das konkret aussehen könnte, sagte Björn Försterling, schulpolitischer Sprecher der FDP, am Rande der Tagung: „Künftig könnten Schulwechsel schon am Ende der 5. Klasse und nicht erst nach der 6. Klasse möglich sein.“
Weil immer mehr Eltern ihre Kinder auf Gymnasien schicken, platzen diese aus allen Nähten: Es sei mittlerweile nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass sich 32 oder 33 Schüler in viel zu engen Räumen drängten, sagte der scheidende Vorsitzende des Philologenverbandes, Guillermo Spreckels. „Wenn Politiker und Schulinspektoren sich da über die zu geringe individuelle Förderung des einzelnen Schülers mokieren und den Lehrern die Schuld dafür geben, dann kommt Ärger, ja Wut auf.“
Ab 2011 sollen die Klassen schrittweise verkleinert werden, vor allem in den übervollen Jahrgängen 5 und 6. Was Ministerin Heister-Neumann immer wieder versprochen hat, will Wulff jetzt in einem Vertrag festschreiben. So soll im Frühjahr 2010 ein Pakt mit den Bildungsverbänden geschlossen werden. Die neuen Klassenobergrenzen sind dabei Verhandlungssache. Der gestern neu gewählte Philologenchef Horst Audritz, Lehrer am Gymnasium im Schloss in Wolfenbüttel, sagte, ideal wären nicht mehr als 24 Kinder pro Klasse in der Sekundarstufe I und maximal 18 Schüler in einem Oberstufenkurs.
Für ein Versprechen Wulffs gab es besonders viel Applaus von den rund 400 Delegierten: Gymnasiallehrer müssen auch künftig nicht mehr als 23,5 Stunden in der Woche unterrichten. Der Landesrechnungshof fordert seit Langem eine Erhöhung des Stundensolls. „Wer dies tut, muss sich den Vorwurf der Brandstifterei gefallen lassen“, hatte Spreckels zuvor gewarnt, „das Tischtuch zwischen den Lehrern und der Regierung wäre dann zerschnitten.“
Spreckels hatte eine Generalabrechnung mit den Reformen des früheren Kultusministers Bernd Busemann (CDU) gemacht: Bei der Umstellung der Lernpläne auf Kerncurricula habe man die Inhalte vergessen: „In Deutsch werden für die Klassen 5 bis 10 auf 18 DIN-A4-Seiten 391 Kompetenzen aufgeführt, aber einen Literaturkanon gibt es nicht, nur ein Sammelsurium von Textvorschlägen, da stehen Goethe und Thomas Mann neben Rosamunde Pilcher.“
Während die Delegierten die Ankündigung eines Zukunftsvertrags positiv aufnahmen, sprach SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt von einer „Mogelpackung“. „Da wird den Lehrern nur wiedergegeben, was man früher selbst gestrichen hat.“ Schließlich habe die Regierung Wulff 2003 die Obergrenze an den Gymnasien von 30 auf 32 Kinder pro Klasse hinaufgesetzt.
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Kommentare
So,so... elprincipal – 05.12.09
Sieh an, es werden kleinere Klassen gewünscht? Die Vorteile kleiner Klassen werden gesehen?-Sehr geehrter Herr Wulff, machen Sie sich an die Arbeit!- WWW.RETTET-UNSERE-SCHULE.DEMehr als ein Versprechen... Spacecadet – 03.12.09
Was Wulff in GS geleistet hat, ist mehr als ein Versprechen, denn er hat einen VERTRAG angekündigt. Logisch, dass nach dem Doppeljahrgang 2010 an Gymnasien Resourcen frei werden. Und gut, dass diese dann der Schülerschaft zugute kommen und nicht etwa Lehrerstellen gestrichen werden.Ein MP kann es sich niemals leisten, derartige Ankündigungen vor einem einflussreichen und kooperationsbereiten Verband zu tätigen und diese dann zu ignorieren. Dann wäre das Tischtuch zwischen den Gymnasiallehrern und der Regierung endgültig zerschnitten.
Zu meinen Vorrednern: Wer Gleichheit mit Gerechtigkeit verwechselt, sollte konsequenterweise auch für ein identisches Abitur an allen Schulformen unter gleichen Bedingungen sein und nicht eines erster und zweiter Klasse vergeben wollen. Und von der Ausstattung der Gesamtschulen können die maroden Gymnasien nur träumen. Klar, dass sich Leute über das überdeutliche Bekenntnis Wulffs zur leistungsfähigsten Schulform ärgern, ich gehöre jedoch nicht dazu, ganz im Gegenteil.
CDU stellt die Bildungspolitik ein Frank Litterscheid – 03.12.09
Immer weiter zieht sich die CDU aus der Bildungspolitik zurück und überlässt das Feld der FDP oder einfach sich selbst. Dass man ab 2011 angeblich kleinere Klassen bilden könne, hat nicht die Bohne mit aktiver Schulpolitik zu tun. Man wartet einfach, bis weniger Kinder an den Schulen sind, und lässt den Lehrern ihren Job. Das nennt er "Demografische Dividende". Na ja, mal abwarten, ob das Geld dazu da ist, oder ob dann alles in die Hochschulen gesteckt werden muss, da sich dort nämlich dank des doppelten Abiturjahrganges viele, viele Studierende tummeln werden. Und dass die Hochschulen auf diesen Ansturm vorbereitet sind, darf getrost bezweifelt werden.Und die Rolle der FDP? Nun, Käpten Wulff versucht zwar noch zu steuern, aber rudern lässt er den kleinen Koalitionspartner. Man wolle den Willen der Eltern früher "nachjustieren" können, sagt Wulff. Wie das gehen könnte, erklärt allerdings der Ruderfachmann Försterling. Heister-Neumann hatte sich kurz zuvor noch von den Plänen der FDP distanziert. Nun bescheinigt Wulff der FDP mehr Gewicht als seiner eigenen Ministerin, die auf dem Philologentag eher nur körperlich anwesend war.
Im August verabschiedete die CDU auf ihrem Landesparteitag einen Leitantrag namens "Den Norden stärken". Die Themen Bildung und Schule sucht man hier vergeblich. Nun veranstaltet die FDP einen außerordentlichen Landesparteitag, der sich nur mit diesen Themen beschäftigt. Einer der verabschiedeten Leitanträge sieht sogar eine Bestandsgarantie die vollen Halbtagsschulen vor. Da muss Wulff-Chef aber das Steuer ganz schön festhalten, damit der Kahn weiter geradeaus fährt, in Richtung Eisberg ...
Wulff Bla – 03.12.09
Wie verlogen ist dass denn schon wieder? Es kann ja wohl nicht war sein, dass die sowieso schon priviligierten Gymnasien weiter gefördert werden und dabei die Vorderungen der Bildungsproteste vollkommen unter den Tisch gekährt werden!!!Kleinere Klassen für alle wäre ja schon mal ein Anfang. Besser wäre sich einem höheren Niveau anzupassen und endlich das Dreigliedrige Schulsystem abzuschaffen. Auch könnten ein paar Gesamtschulen mal wieder gefördert werden oder eine bessere Vörderung für Hauptschülerinnen garantiert werden. Einfach mal nicht immer nur an die Elite denken sondern an alle!
Anscheinend bringt es nichts mehr nur ein Audimax zu besetzen, denn das interessiert die Politiker sowieso nicht. Die machen was sie wollen, also sollten wir das genauso machen...
Für radikalere Aktionen.
Nicht nur für kleinere Klassen, für eine klassenlose Gesellschaft!
Kleinere Klassen Brille – 03.12.09
Ab 2011 kleinere Klassen zu versprechen hat doch bestimmt etwas mit rückläufigen Schülerzahlen zu tun.Sonst wären ja wieder zusätzliche Räumlichkeiten nötig.Das klingt doch eher nach einer Beruhigungspille für engagierte Lehrer und Eltern.Kleine klassen Nightrider – 03.12.09
Diese Einsicht, daß die Klassen zu groß sind an den Gymnasien, kommmt doch ziemlich spät. Bis dahin hat mein Kind das Gymnasium wohl schon längst verlassen.Lügenbold Prophet – 03.12.09
Wie oft hat Christian Wulff kleinere Klasse und eine 100% Unterrichtsversorgung versprochen, wie oft seit er mit der CDU die Macht in Niedersachsen übernommen hat.Pünktlich jedes Jahr vor der großen Sommerpause dasselbe Possenspiel. Modernissierte Schulen, keine Fehlstunden mehr, Niveauanhebung und wie auch immer kleinere Klassen.
In dieser Muppetshow geht eins nicht mehr, das Versahen der politischen Elite in Niedersachsen.
Wer einmal lügt dem glaubt man nicht und wen er auch die Wahrheit sprichet.
Durchgefallen - 6 setzen, Versetzung mehr als gefährdet.
Praxis czekolada – 03.12.09
Ja, das Problem an der Bismarckschule besteht, wie an vielen anderen Schulen, seit Ewigkeiten. Unser Lateinkurs bestand (wenn alle anwesend waren) in der 12. Klasse aus 34 Leuten. Zum Teil mussten sich Schüler zu dritt an einen Zweiertisch quetschen, von "Lernfreundlichkeit", ja selbst vom Lernen an sich, waren wir Lichtjahre entfernt.Ich bin überglücklich diese Zeit hineter mir zu haben (Abiiii! :D )
Interessant wäre zu erfahren WIE der gute Herr Wulff dieses - Entschuldigung - für mich leere Versprechen umzusetzen gedenkt!? In Deutschland hat man für so ziemlich alles Geld, Fußballstadien, neue gepflasterte Straßen in der Innenstadt (mehrmals jährlich dieselbe), etc. .. .Aber für Schulen??? Wer an diese Wählerbauchpinselei glaubt, sollte z.B. mal ins hannoversche Rathaus gehen und sehen, wie mit Forderungen nach Schulsanierungen oder Neubauten für schüler- und lehrerfreundlicheren Unterricht in Sitzungen umgegangen wird.
Wenn diese Diskrepanz zwischen Worten und Taten überwunden ist, gehört der Beruf des Politikers vielleicht auch nicht mehr zu den unbeliebtesten Deutschlands.
Klassenstärke Nana – 03.12.09
Das ist ja wohl lächerlich! Mein Kind besucht die Bismarckschule in Hannnover (Gymnasium). In der 6.Klasse sind sie seit Beginn 34! Kinder in der Klasse in diesen uralten und engen Räumen! Und dann kommen ständig Beschwerden an die Eltern, die Kinder stören und konzentrieren sich nicht! Was soll man da noch sagen!2011?? sadf – 03.12.09
Natürlich wird Herr Wulf in 2011 die Schülerzahlen in den Klassen kleiner machen. Aber an die Umsetzung machen wir uns erst nach der Kommunalwahl?! Sonst läuft die CDU ja noch Gefahr, sich an den Versprechen des MP und deren Umsetzung messen lassen zu müssen.Es gibt eine ganz einfache Lösung Irmela Weinhardt – 03.12.09
Die Klassenstärken an den Gymnasien zu reduzieren, ist ganz einfach: man muss lediglich denjenigen Eltern, die ihrem Kind eine realistische Option für das Abitur offenhalten wollen, eine echte Alternative zum Gymnasium anbieten - heißt: eine Integrierte Gesamtschule, ohne Sitzenbleiben, ohne verfrühte Festlegung auf einen bestimmten Schulabschluss, dafür aber mit dem Abi nach ehrlichen 13 Jahren.Würde die Landesregierung den Zwang zu Fünfzügigkeit und Abiprüfung nach 12 Schuljahren für die Gesamtschulen aufgeben, wären mit einem Schlag auch die Überfüllungsprobleme der meisten Gymnasien gelöst.
Die TeilnehmerInnen des Philologentages haben daher sicher sämtlichst das "Volksbegehren für gute Schulen" mit ihrer Unterschrift unterstützt.
Schulpolitisches Desaster Benno – 02.12.09
Kommentar wurde von HAZ.de gelöscht. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen unter www.haz.de/Nutzungsbedingungen.noch eine Sonntagsrede Bildungsfanatiker – 02.12.09
Christian Wullfs verkündete Absicht, Klassengrößen zu reduzieren, verdient keine Anerkennung. Anerkennung verdient nur, wer diese Absicht in die Tat umsetzt. Sonntagsreden auf einem Philologentag helfen keinem überforderten Schüler.Gern wüßte ich, welche Versprechungen Niedersachsens Politiker während der vorigen Philologentage gemacht haben und welche davon in die Tat umgesetzt wurden.
Das Elend im deutschen Bildungswesen wird seid vielen Jahren heiß diskutiert, jeden Abend eine Talkshow...
Ich will keine Sonntagsreden mehr hören sondern Taten sehen.
Rede von Christian Wulff auf dem Philologentag in Goslar Raider – 02.12.09
Es verdient Anerkennung, dass die Klasengrößen ab 2011 schrittweise an den Gymnasien gesenkt werden sollen. Erkennt die Landesregierung damit an, dass der heutige Zustand mit bis zu 33 Kindern in einer Klasse vorsichtig ausgedrückt als unglücklich bezeichnet werden kann und individuelle Betreuung zur Farce wird? Bis 2011 also weiter gegtreu dem Motto: Mit dem geringsten finanziellen Aufwand eine möglichst große Anzahl von Schülern durchschleusen. Die Schülergeneration, die das ertragen musste und muss kann einem wirklich nur noch Leid tun.Gute Nacht Niedersachsen whoknows – 02.12.09
Mit dieser Bildungspolitik, einem festhalten am starren Schulsystem, beschränken des Elternwillens, und Kastrierung der Gesamtschule begibt sich Niedersachsen weiter ins Abseits.Wulff mag zwar etwas von Machtpolitik verstehen, von Bildung scheint er keine Ahnung zu haben, setzt aber gerne seine Ideologie durch.