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Podcast-Glosse: Aus meinem Papierkorb Von Badehosen und Vogelschiss
Nachrichten Politik Podcast-Glosse: Aus meinem Papierkorb Von Badehosen und Vogelschiss
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22:39 08.06.2018
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Hannover

Darf man oder darf man nicht? Für heftige Diskussionen im Netz sorgte diese Woche ein eher trauriges Bild. Alexander Gauland in Badehose. Dem Mann, der die wunderbare Tweedjacke in Deutschland in Verruf gebracht hat, wurden an einem Berliner See von einem Jugendlichen die Klamotten geklaut, sodass er lediglich in einer länglichen Badehose den Nachhauseweg antreten musste. Das Foto dürfte ein echter Vogelschiss in der erfreulich übersichtlichen Geschichte der Bundesrepublik bleiben. Immerhin löste es keine Staatskrise aus, wie das Oben-ohne-Foto des damaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert und des Wehrministers Gustav Noske, das die „Berliner Illustrierte Zeitung“ im Sommer 1919 abdruckte. Skandal, schrie die Öffentlichkeit der noch jungen Weimarer Republik. Denn gewöhnlich wagten sich damals die Männer nur in schicken, meist gestreiften Ganzkörper- Badeanzügen ins Wasser oder ließen sich aus Badekarren in die freie See verklappen. Ebert hat gegen den Abdruck des Fotos übrigens mit 173 Strafanträgen bis zu seinem Tod gestritten. Vergeblich. Denn nicht nur das Netz vergisst gar nichts.

Achja, wir sind doch dankbar, dass die Politik nicht blank zieht. Denn nicht nur alte Männer in Badehosen haben etwas Trauriges. Sie entwickeln schon beim bloßen Anblick ein – wie soll man es nennen? - ganz eigenes Narrativ. Wir sprechen jetzt von Narrativ, weil es in letzter Zeit kaum eine Talkshow gibt, in der nicht nicht jenes Narrativ auftaucht, das imStande ist, als aktuelles Modewort den Paradigmenwechsel abzulösen. Mit Narrativen aller Art war diese Woche Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius konfrontiert, als er bei Markus Lanz brillieren durfte. Immerhin wissen wir jetzt, dass der Minister ab und zu einen Rausch hat (aber selten), mit fünf Stunden Schlaf auskommt und hin- und wieder im Auto abdöst, wenn sein Fahrer losdüst. 

Der/die/das Narrativ kommt übrigens aus dem Lateinischen, narrare ist die gehobene Form des Schwafelns und bedeutet „Erzählung“. Zum oben genannten Badehosen-Narrativ gehört noch die Ergänzung, dass der Sänger Campino von der Rockband „Tote Hosen“ sich vor wenigen Tagen nachts in einer ziemlich langen Badehose mit zwei weiblichen Fans in einem Dresdener Freibad ablichten ließ. Prompt hagelte es eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch, weil der Sänger außerhalb der Öffnungszeiten ein Bad im Freistaat genommen hatte. Und die toten, jetzt auch ziemlich nassen Hosen baten um „Vergebung“. 

Wohl nicht um Vergebung bitten bei der Landesregierung muss das Politikmagazin „Cicero“, das diese Tage Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil in höchsten Tönen lobte. Zwar sei dieser kein gottbegnadeter Redner, aber ein ziemlich geerdeter Politiker, der zuhören könne und für die dahinsiechende SPD sogar der „Retter in Spe“ werden könnte, weil er gezeigt habe, dass er Wahlen gewinnen könne. Nun steht im Weil-Narrativ ein Wechsel nach Berlin noch aus, aber als voraussichtlicher Retter tituliert zu werden, ist zumindest schmeichelhaft.

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