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Erdogan oder: Jetzt sind wir alle beleidigt

Aus meinem Papierkorb Erdogan oder: Jetzt sind wir alle beleidigt

Niedersachsenredakteur Michael B. Berger blickt am Ende jeder Woche in seinen (virtuellen) Papierkorb – und erzählt die Nachrichten, die liegen geblieben sind, aber doch Beachtung finden sollten. Heute: Der beleidigte Erdogan.

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O Mannomann. Was sind das bloß für Türken, die da im Deutschen Bundestag für die Armenien-Resolution gestimmt haben? Hat Recep Tayyip Erdogan gefragt, der Herr mit dem entzückendsten Oberlippchenbärtchen südöstlich der Rheinebene. Und die Antwort hat der Herr Erdogan gleich selbst mitgegeben: Das seien Türken, deren Blut „in einem Labortest untersucht“ werden müsste. Hat der Herr Präsident da schlicht nicht Abstimmung mit Abstammung verwechselt und uns da einen Türken gebaut, wie man früher sagte? Und was meinte der wunderbare, immer wieder gepriesene Herr der Türkei mit seiner Bemerkung, das Blut der deutsch-türkischen Parlamentarier sei „verdorben“? Fragen über Fragen. Und viel böses Blut in der Kommunikation.

Die Redewendung „einen Türken bauen“ verdankt sich übrigens dem Militär. So ließen Militärkommandanten unter dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. gerne Gefechtsübungen abhalten, die der Methode „mehr Schein als Sein“ folgten und eine Reihe von Pappkameraden in die Landschaft stellten, die eine Größe vortäuschten, die nicht gottgegeben war. Sie stellten also Potemkinsche Dörfer in die Landschaft, virtuelle Liegenschaften, die gar nicht existierten. Politisch korrekt kommt das „türken“ bei uns gottlob nicht mehr vor, spricht man lieber vom Schummeldiesel, wenn getürkte Werte vorliegen. Aber wie kamen wir jetzt von Erdogan, dem Allmächtigen, auf den Schummeldiesel? Fragen über Fragen.

Aber so geht’s los: Wenn einer erst einmal mit rassistischem Gefasel anfängt, dann ist kein Halten mehr. Denn die falsche Voraussetzung liegt einem ja nicht im Blut, das mit etwas Makromar verflüssigt werden könnte, sondern hat sich irgendwie im Hirn eingenistet, etwa die, dass es Menschen mit gutem oder schlechtem Blut gebe. Oder Menschen mit blauem oder nicht so blauem. Und wenn man blau ist, ist in erster Linie das Hirn vernebelt. Aber das hat mit der Türkei nun wahrlich nichts zu tun.

Jede Überleitung in den Landtag folgt jetzt der freien Assoziation und nicht etwa logischen Regeln, zumal die Landespolitik mit Logik nun gar nichts zu tun hat, obwohl beide mit „L“ anfangen. Im Landtag wird derzeit immer wieder das schöne Spiel „Ich bin beleidigt, du bist beleidigt, er/sie/es ist beleidigt“ gegeben und in endlosen Geschäftsordnungsdebatten ausgetragen, die wir hier nicht wiedergeben wollen, weil sie Beleidigungsklagen auslösen könnten. Denn die Erdogans dieser Welt sitzen überall. Schade, dass es noch keine Humor- oder Gelassenheits-App gibt, die einen frei macht von diesem tiefen, männlichen Gefühl, beleidigt worden zu sein.

„Kopf frei für die EM 2016“, titelt eine Meldung, die für „MyTherapy-App“ wirbt, das vor allem Gichtpatienten helfen soll, ihre Medikamentenwerte im Blick und den Harnsäurewert unter Kontrolle zu haben. Das ist doch mal was Positives!

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