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Podcast-Glosse: Aus meinem Papierkorb Von Narreteien und Narrativen
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19:19 23.11.2018
Michael B. Berger Quelle: HAZ
Hannover

Nachdem wir diese Woche den Welttoilettentag erfolgreich hinter uns gebracht haben wollen wir, liebe Papierkorbfreunde, heute den Bildungsanspruch dieser Kolumne unterstreichen und uns einem Wort zuwenden, das immer häufiger in Politikerreden zu finden ist. War einst der Paradigmenwechsel (Wechsel einer grundlegenden Welt- oder Lebenseinstellung) als Lieblingswort von Wochendtagungen der Evangelischen Akademien bis zur Alltagsdebatte im Landtag gewandert, so machen sich heutzutage immer neue Narrative auf den Weg, Erzählungen, die so etwas wie Sinnstiftung auslösen sollen. Der kleine David etwa, der den Goliath besiegt, ist so ein Narrativ, das die Grünen im Umgang mit der SPD pflegen. Oder die Mär, dass man es in Amerika vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann oder vom Volltrottel zum Präsidenten. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist eben voller Narreteien und Narrative. Wie Niedersachsen, das Land der (überwiegend) flachen Landschaften und des (unheimlich) weiten Blicks.

Die Chinesen pflegen übrigens gern das Narrativ von der weisen Herrschaft Xi Jinpings und der KP, ein Narrativ, das man nicht unbedingt auf Niedersachsen übertragen kann, schon weil hier die Partei nicht immer recht hat. Dafür wird in Niedersachsen derzeit gerne das Narrativ gepflegt, dass hierzulande die Politik ganz anders läuft als im bösen, bösen Berlin, im Babylon einer verderbten Hauptstadt, in der die Großkoalitionäre übereinander schimpfen wie die Kesselflicker, während in der GroKo in Hannover Harmonie als das große, christliche Gesellschaftsspiel gepflegt wird. So wurde aus Jens Nacke, dem Generaliquisitor einer einst attackierenden CDU, nun der Vorbeter einer großkoalitionären Besserungsanstalt. Wenn Nacke das Wort ergreift, dann nur noch zum Wohle des Landes, zum Wohle der Koalition. Welch‘ wunderbares wohlgefälliges Narrativ. Mal sehn‘, wie lange es hält.

Unklar st noch, welches Narrativ dereinst über Horst Seehofer erzählt wird, der früher als quirliger Gesundheitsminister und lustiger Ministerpräsident startete, bis er sich in hingebungsvoller Eigenarbeit zum bösen Buben des Bundeskabinetts qualifizierte. Diese Woche indes überraschte Seehofer mit bemerkenswerten Statements zu Syrienflüchtlingen. Mal sehn‘, wie der böse Bube sich wandelt.

Immer wieder überraschend ist auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, der diese Woche einen Dieselgipfel in Brüssel platzen ließ, weil er schlicht nicht erschien. Überraschend rügte er auch die Kommunen, weil die ihre Stickstoffdioxidmessstellen an den falschen Plätzen aufbauten, etwa an Kreuzungen oder Busbahnhöfen. Ja, wo denn sonst? Im Stadtpark oder auf dem Stadtfriedhof? Fragen über Fragen.

Fraglos schön ist die Broschüre, in der die Staatskanzlei jetzt das das erste Jahr der GroKo in Hannover würdigte. Mit herzigen Fotos des Ministerpräsidenten, der den EU-Kommisssionspräsidenten Jean-Claude Juncker nur so umarmt, dass es eine Freude ist, mit Ministerin Hone, die freudestrahlend eine Obstplantage besucht. Natürlich dürfen auch Wölfe und Wildschweine in diesem Narrativ des wunderbaren Niedersachsens nicht fehlen. Schönes Wochenende!

Von Michael B. Berger

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