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Podcast-Glosse: Aus meinem Papierkorb Von der Basis und dem Überbau
Nachrichten Politik Podcast-Glosse: Aus meinem Papierkorb Von der Basis und dem Überbau
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13:02 24.07.2018
Quelle: HAZ

Diesen "Papierkorb" als Podcast hören:

Auch wenn er kein großer Niedersachse war, sondern ein Trierer, den die Reaktionäre vertrieben haben, möchten wir ihn heute ehren: Karl Marx. Den Bischof? Nein, den Revolutionär, den auch der Bischof Marx schätzt, obwohl er sich in einigen Grundaussagen kräftig geirrt hat. Etwa in der, dass der Kapitalismus sich abschafft und dass das Zeitalter der klassenlosen Gesellschaft irgendwann anbricht. Ätschebätsch (Nahles): Der Kapitalismus ist immer noch da (und wie!). Und die Marxisten gehen langsam zur Neige. Aber das mit der „Basis“ und dem „Überbau“ bei Marx hat uns immer gut gefallen, also dass das Sein das Bewusstsein präge und nicht umgekehrt. Sie können mir folgen? Also Basis, das sind, grob gesprochen, die ökonomischen Verhältnisse. Und der Überbau? Na, das Schöne, Wahre, Gute, „Nebelbildung im Gehirn der Menschen“, hat Marx etwas flapsig formuliert. Also Moral, Religion, Recht und Ethik. Anders formuliert: Ein ordentlicher Schluck Käßmann, eine Prise Habermas, ein Quantum Trost, nein, Richard David Precht. Aber noch größer als Marx war Robert Gernhardt. Der formulierte Ewig Gültiges: „Die Basis sprach zum Überbau. ‚Du bist ja heut‘ schon wieder blau.‘ Da sprach der Überbau zur Basis: ‚Was is?‘

Was is? Dies bleibt die ewige Frage, etwa wenn sich Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast zum 4. Weg in der umstrittenen Ferkelkastration äußert. Das sind Themen mit Wucht und kein philosophisches Geschwafel über den Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, den ein noch Größerer als Marx prophezeit hat. Der 4. Weg, für den Niedersachsen sich stark macht, ist die „Lokalanästhesie mit Schmerzmittelbeigabe von Ferkeln“, den Tierschützer ablehnen aber viele Landwirte bevorzugen, wie dpa berichtet. Wege eins bis drei seien die „Jungebermast, Impfung gegen Ebergeruch oder Kastration unter Vollnarkose“. Das Grundproblem dahinter, also die Basis aller  Überlegungen, ist die Tatsache, dass unkastrierte, männliche Schweine stinken. Bis in die letzte Faser. Ihr Fleisch soll, so die dpa, einen „als unangenehm empfundenen Geruch entwickeln, wenn es bei der Zubereitung erhitzt wird“. Klaro: Wer will schon einen erhitzten Eber auf dem Teller?

Das sind die Fragen, mit der man sich als Mitglied einer niedersächsischen Landesregierung herumschlagen muss. In einem Land, in dem mehr Schweine als Menschen leben. In einem Land, in dem der Marktanteil für Fleisch aus der Ebermast bei maximal zwölf Prozent besteht. In einem Land, in dem das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln noch bis zum 31.12.2018 erlaubt ist. Kennst Du das Land, in dem die Ziitronen blühen? Nein, ich bin Niedersachse. Die ist eine Kolumne mit Heimatbezug.

Den hat auch Altkanzler Gerhard Schröder, der der Boulevardpresse hin und wieder ein paar fette Schlagzeilen schenkt, Korea ein paar diplomatische Verwicklungen und der hannoverschen Marktkirche ein fulminantes Fenster. Dafür wollen wir ihn hier loben. Eingefädelt hat die Sache übrigens ein Kirchenvorstand, der Scheibe heißt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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