Die meisten Deutschen werden, wenn man sie nach dem Datum der friedlichen Revolution in der DDR fragt, antworten: der 9. November 1989. Sie werden die Pressekonferenz von Günter Schabowski vor Augen haben und sein Gestammel als Antwort auf die Frage eines Journalisten, wann die Grenze geöffnet wird: „Meines Wissens sofort, unverzüglich.“ Ein Zitat mit weltgeschichtlicher Bedeutung.
Die ersten Startzeichen zum Sturz der SED-Diktatur erklangen aber schon einen Monat früher, rund um den 40. Geburtstag der DDR. Am 7. Oktober gingen im kleinen Plauen 15.000 der insgesamt 70.000 Einwohner auf die Straße. Am 8. Oktober war die Dresdener Innenstadt voller Demonstranten, und Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer entschied sich, erstmals in einer Großstadt in der DDR, zum Dialog mit ihnen. Die Demonstranten benannten eine Abordnung, eine Art Verhandlungsdelegation für die Gespräche mit den Vertretern der Staatsmacht.
Am 9. Oktober zog die gewaltige Zahl von 70.000 Menschen über den Leipziger Innenstadtring, bewaffnet nur mit Kerzen, den Slogan „Keine Gewalt“ skandierend. Sechs Würdenträger der Stadt riefen im Stadtfunk zur Besonnenheit auf – darunter der berühmte Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur. Angesichts der Masse schreckte die Staatsführung davor zurück, die Demonstranten niederzuknüppeln – wie es unter dem Einsatzbefehl „Abdrängen, Aufspalten, Einkesseln“ eigentlich geplant war. Die Bürger hatten den Kampf gewonnen. Es war kein Blut geflossen, die Hardliner in der SED-Führung erlitten eine schwere Niederlage. Leute wie Wolfgang Berghofer und Hans Modrow, die prinzipiell für einen Dialog eingetreten waren, gewannen damals innerhalb der SED an Gewicht.
Warum ist heute, 20 Jahre danach, der 9. November 1989 im Bewusstsein der Deutschen so viel präsenter als der 9. Oktober? Warum redet alle Welt vom Fall der Mauer, aber nicht vom Mut der Leipziger während der Montagsdemonstration? Es gibt zwei Erklärungen. Erstens sind die Novemberbilder von den Menschen, die auf der Mauer tanzten, eindrucksvoller, farbiger und einprägsamer als die verwackelten Aufnahmen von der Leipziger Montagsdemonstration im Oktober, die nur inoffiziell geknipst werden konnten und mühsam in den Westen geschmuggelt werden mussten. Zweitens neigen die Deutschen immer noch dazu, die Geschichte auf Regierungshandeln zu verkürzen: Weil die SED-Führung nicht mehr weiterwusste, habe sie die Mauer geöffnet. Dass die Menschen selbst in ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit ein Regime zum Scheitern bringen können, ist eben keine typisch deutsche Vorstellung. Mit Ausnahme der friedlichen Revolution in der DDR ist das in der deutschen Geschichte auch noch nicht oft geschehen.
Es ist heute müßig, über die Frage zu philosophieren, ob die DDR auch ohne die Leipziger Demonstranten früher oder später zusammengebrochen wäre – oder auch darüber, ob westdeutsche Kredite für die SED-Diktatur nicht lebensverlängernd gewirkt haben. Tatsache ist, dass aktive Menschen, die sich zusammentaten, den Zusammenbruch bewirkt haben: erst die oppositionellen Gruppen unter dem kirchlichen Dach, angeleitet von einigen mutigen, zum Konflikt bereiten Pastoren. Dann die Botschaftsflüchtlinge im Sommer 1989, schließlich die Demonstranten im Herbst in den Städten, besonders die in Leipzig.
20 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur gibt es noch etliche Menschen, die die Befreiung der Ostdeutschen von ihrer Diktatur als persönliche Niederlage erlebt haben. Sie zählten im SED-Staat zu den Privilegierten, sie waren überzeugte Kommunisten, oder sie empfanden eine tiefe Abneigung gegen das westliche System der demokratischen Meinungsvielfalt. Die politische Heimat für diese Kräfte war und ist vor allem eine Partei, die erst SED-PDS hieß, dann PDS und heute Linkspartei. Zwar gibt es dort viele Politiker, die aus ihr eine moderne Reformpartei neben der SPD machen wollen. Aber ihre Stärke bei Wahlen und ihre Verwurzelung in der ostdeutschen Gesellschaft verdankt diese Partei vor allem der Tatsache, dass sie auch ein Sammelbecken derer ist, die bis heute die DDR verklären. Diese Kräfte leugnen den Charakter der DDR als Unrechtsstaat und machen junge Menschen glauben, dass die Diktatur – wenn überhaupt – nur halb so schlimm war, dass die Einschränkung der Meinungsfreiheit keine besonders drastische Maßnahme sei.
Unter denen, die die Geschichte von damals erzählen, sind allzu viele, die damit eigene Interessen verfolgen und verschleiern wollen. In Bezug auf die Revolutionäre von Leipzig heißt das: Sie werden gering geschätzt, belächelt, aus vielen Darstellungen ausgeblendet. Noch gibt es auf dem Gebiet der früheren DDR keine durch und durch offene, demokratische Gesellschaft. Noch sind dort viele Kräfte am Werke, die die DDR schönreden wollen – auch zu ihrem eigenen Seelenheil, weil sie mitgewirkt hatten im Unrechtsregime. Noch findet kein freier und unbelasteter Dialog über die Vergangenheit statt.
Aus dem 9. Oktober 1989 lässt sich lernen: So vorbildlich, mutig und emanzipatorisch die Demonstranten auch aufgetreten waren, so wenig kann ihnen posthum eine allumfassende Anerkennung sicher sein. Umso wichtiger sollte es sein, die Ereignisse im Bewusstsein wach zu halten. Wie wäre es, wenn künftig an einem Tag im Jahr in jeder deutschen Schule eine Viertelstunde lang klassenübergreifend an die Ereignisse von damals erinnert wird? Es wäre mehr als ein Stück Anerkennung für die friedlichen Revolutionäre von einst. Es wäre ein Beitrag zur Stärkung der Demokratie von morgen.
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