Er dankt seinem Vorgänger Erich Honecker und betont, wie wichtig es sei, zu reden und zu streiten. Fest steht für Krenz aber auch, dass die SED „immer an der Spitze“ stehen werde. Und er sagt: „Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen.“
Das Wort „Wende“, das auch heute noch als zentraler Begriff des Herbstes 1989 gebraucht wird, stammt aus dieser Krenz-Rede. Noch heute weigern sich deshalb viele Ostdeutsche, das Wort „Wende“ in den Mund zu nehmen. Während des Festaktes zum 9. Oktober 1989 vor wenigen Tagen in Leipzig forderte daher auch der Grünen-Politiker Werner Schulz: „Es ist höchste Zeit, die Wende, diese erfundene Rettungsformel von Egon Krenz, gegen den Begriff der friedlichen Revolution auszutauschen. “
Ein großer Teil der Bevölkerung lehnt den Thronfolger ab. Auch die Mitinitiatorin des „Neuen Forums“, Bärbel Bohley, zeigt sich skeptisch: „Ich denke, die alte Politik wird fortgesetzt.“
Als Bundeskanzler Helmut Kohl am 20. Oktober in Hannover die Infa eröffnet, geht er in seiner Rede auf die Situation in der DDR ein. Ziel müssten Lebensbedingungen sein, die nicht mehr zum Verlassen des Landes zwängen, fordert Kohl.
Um die Proteste abzuschwächen, arbeitet die SED an einer neue Reiseregelung. Das zumindest verspricht Politbüromitglied Günter Schabowski am 22. Oktober vor Demonstranten in Ost-Berlin. Doch der Volkszorn lässt sich nicht mehr besänftigen. Mehr als eine halbe Million Menschen gehen am 23. Oktober auf die Straße, allein durch Leipzig ziehen 300 000 Montagsdemonstranten. Auch dort ist Krenz das wichtigste Thema. „Zu viel Macht in einer Hand ist nicht gut für unser Land“, heißt es auf einem Transparent.
Ungeachtet der zum Teil offenen Ablehnung in der Bevölkerung wählt die Volkskammer SED-Chef Krenz am 24. Oktober zum Staatsratsvorsitzenden und Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrats. Erstmals in der 40-jährigen Geschichte des Pseudoparlaments ist die Wahl eines Staatschefs nicht einstimmig. 26 Parlamentarier stimmen gegen Krenz, 26 enthalten sich der Stimme. Volkskammerpräsident Horst Sindermann ist dermaßen überfordert mit dieser neuen Situation, dass er ruft: „Zählt mal mit hier.“ Und er entlarvt das ganze System mit seinem Versprechen: „Ich werde das Ergebnis nicht verfälschen.“
In derselben Volkskammersitzung gibt die DDR-Führung erstmals zu, Gewalt gegen Demonstranten angewendet zu haben. Einen Tag zuvor haben kirchliche und oppositionelle Gruppen einen hundertseitigen Bericht vorgelegt, der detailliert die Übergriffe schildert.
Auch in Ungarn beginnt eine neue Ära: Vor zehntausenden jubelnden Menschen ruft Staatspräsident Matyas Szürös am 23. Oktober in Budapest die Republik Ungarn aus. Das Land sagt sich damit offiziell vom Kommunismus los.
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