In den folgenden Tagen steigt die Zahl immer weiter, bis am 30. September Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher vom Botschaftsbalkon aus verkündet, dass die 4700 Menschen in der Prager Mission ausreisen können. Am selben Tag verlassen etwa 800 Ostdeutsche die Warschauer Botschaft in Richtung Westen. (Einen ausführlichen Rückblick auf die Ereignisse in Prag lesen Sie in den kommenden Tagen.)
Eine weitere Oppositionsgruppe konstituiert sich. Am 1. Oktober wird der Demokratische Aufbruch gegründet, die Initiatoren sind unter anderem Rainer Eppelmann, Günter Nooke, Friedrich Schorlemmer und Erhart Neubert. Der Demokratische Aufbruch bekennt sich zu einem Sozialismus auf demokratischer Basis. Anfangs gilt die Gruppe als „Pfaffenpartei“, weil in ihr viele Theologen engagiert sind. Der Rechtsanwalt Wolfgang Schnur wird deshalb im Dezember 1989 zum Vorsitzenden gewählt - das Problem: Schnur ist Stasi-Spitzel.
In Leipzig zieht der SED-Staat am 2. Oktober ungewöhnlich viele Polizisten und Kampfgruppenverbände zusammen. Noch immer haben Demonstranten Angst vor der „chinesischen Lösung“. Die Oppositionellen befürchten eine ebenso gewaltsame Reaktion der sozialistischen Staatsmacht wie die der chinesischen Kommunisten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Dort hatte in der Nacht auf den 4. Juni 1989 das Militär etwa 100 Demonstranten erschossen.
Zunächst verläuft der Abend des 3. Oktober in Leipzig friedlich. Nach dem Friedensgebet um 17 Uhr ziehen etwa 15.000 Menschen über den Leipziger Ring. Am Ende des dreistündigen Zuges durch die Innenstadt kommt es aber doch noch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen dem Staat und dem protestierenden Volk. Erstmals agieren Polizeikräfte an diesem Tag in voller Montur - mit Schlagstöcken, Helmen, Schilden und Hunden. Zahlreiche Menschen werden festgenommen. Westliche Medien berichten am Abend über die Montagsdemonstration. An diesem Tag wird wieder einmal deutlich, dass die Mehrheit der Menschen nicht ausreisen, sondern ihr Land im Innern verändern will. Den zaghaften „Wir wollen raus!“-Rufen schallt des Öfteren ein kräftiges „Wir bleiben hier!“ und der Schlachtruf dieser Tage, „Wir sind das Volk!“, entgegen.
Doch das „Hierbleiben“ gestaltet sich immer schwieriger, vor allem angesichts der Kaltherzigkeit und Borniertheit des SED-Regimes. Am Morgen des 2. Oktober erscheint ein Kommentar im „Neuen Deutschland“. Die Menschen, die das Land in den vergangenen Tagen und Wochen verlassen haben, hätten „durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt“. Und dann folgt der Satz, der vielen DDR-Bürgern das Blut in den Adern gefrieren lässt: „Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen.“ Es war Erich Honecker höchstpersönlich, der diese Passage in den Text schreiben ließ.
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