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Rückblende Teil 17

Eine Fata Morgana: Die ideale und demokratische DDR


4. November 1989: die erste legale Massendemonstration der DDR, die nicht von der Partei organisiert war. Am Horizont erscheint die ideale demokratische und sozialistische DDR - es war eine Fata Morgana.

Es ist 11.36 Uhr, der 4. November 1989. Der 25-jährige Schauspieler Jan Josef Liefers betritt die Rednerbühne auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz, um vor einer unüberschaubaren Menschenmenge (die Schätzungen schwanken zwischen 200.000 und einer ganzen Million Demonstranten) sehr knapp, sehr präzise ein paar Gedanken zu formulieren. Er verwahrt sich gegen Versuche von Partei- und Staatsfunktionären (einige stehen auf der Rednerliste), sich zu Führern des gerade begonnenen Reformprozesses zu erheben. Mit dem Führungsanspruch der SED müsse Schluss sein, die alten Strukturen seien nicht erneuerbar und müssten „zerstört“ werden.

Es war eine geradezu unwahrscheinliche Veranstaltung: die erste legale Massendemonstration der DDR, die nicht von der Partei organisiert war, bei der 22 Redner in mal kurzen, mal längeren Beiträgen sich zu Wort meldeten, oft sehr kritisch, zuweilen (Funktionäre) auch verhalten selbstkritisch. Die Hoffnungen auf eine tiefgreifende Veränderung waren inzwischen weit größer als die Angst vor einer immer noch denkbaren „chinesischen Lösung“, der gewaltsamen Niederschlagung der immer stärker anwachsenden Protestbewegung. Aber das Misstrauen war groß. Der Theologe Friedrich Schorlemmer fragte ungläubig: „Ist das alles nur ein Traum, aus dem es ein bitteres Erwachen gibt?“

Diese eigenwillige Mischung aus Protestrufen und Ironie nahm der Massendemonstration die Schwere, die seit Wochen die Bürgerbewegungen begleitete. Die freiwilligen Ordner, die grün-gelbe Schärpen mit der Aufschrift „Keine Gewalt“ trugen, wirkten merkwürdig deplatziert. Diesen Vormittag verwandelten die jungen Ost-Berliner in ein weinseliges Fest, das sich am Nachmittag nach Prenzlauer Berg verlagerte und bis tief in die Nacht zum Sonntag andauerte. Keiner wusste, was kommen würde. Aber alle waren sich einig, dass das Bisherige Vergangenheit sein würde. Die DDR in ihrer starren Form wurde am 4. November fröhlich zu Grabe getragen. Als Grabschmuck dienten Bettlaken, auf denen in breiten Lettern „Freie Wahlen“, „Neue Parteien“ und „Wir sind das Volk“ zu lesen war.

Einige Göttinger Studenten, die sich am frühen Sonnabendmorgen auf den Weg gemacht hatten, um das Unglaubliche in der „Hauptstadt der DDR“ aus nächster Nähe zu beobachten, fanden sich schon am Nachmittag in einem Pulk von Gleichaltrigen wieder, die aufgeregt über den Umbruch diskutierten. Jahrelang war es fast undenkbar, ungezwungen mit Westdeutschen zu diskutieren und ausgelassen zu feiern. Und plötzlich war alles anders. Endlich schien eine tiefgreifende Demokratisierung möglich, gewissermaßen eine Neugründung der DDR.

Vor Liefers hatten die Schauspielerkollegen Johanna Schall (Bertolt Brechts Enkelin) und Ulrich Mühe die Artikel der DDR-Verfassung verlesen, die die Rede- und Versammlungsfreiheit gewährten. Die DDR sollte gleichsam zu sich selbst finden und endlich ihre Versprechungen einlösen. Einen demokratischen Sozialismus forderten die Schriftsteller Stefan Heym und Christa Wolf, Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit der Rechtsanwalt Gregor Gysi, unabhängige Gewerkschaften der Dramatiker Heiner Müller. Von den meisten wurde die führende Rolle der bis dahin alles beherrschenden Partei infrage gestellt, abgesehen von Ausnahmen wie Gysi, der aber Machtmissbrauch ausgeschlossen sehen wollte.

Die Reden zeugten von neuerwachtem Selbstbewusstsein und Stolz, sie propagierten den „aufrechten Gang“ (Heym)und riefen zur Gewaltlosigkeit auf, Schorlemmer warnte davor, Rache nehmen zu wollen. Da standen dann Funktionäre wie Günter Schabowski auf verlorenem Posten, als er für Vertrauen in „die Partei“ warb. Und mit „billigen wir uns einander die Kultur des Dialogs zu“ seine von grellen Pfiffen begleitete Rede einleitete. Alles, was zu diesem Zeitpunkt die SED noch verlauten ließ, klang defensiv und konnte niemanden mehr beeindrucken. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass sich das einzige deutsche Regime, das sich auf die „revolutionären Traditionen des deutschen Volkes“ als historische Legitimation berief, nun von der einzigen erfolgreichen deutschen Revolution weggefegt wurde. Dass diese „Wende“ zu einer Abwendung vom Sozialismus führen würde, war noch keinem der Akteure von damals klar.

Liefers berichtet in seinem Buch „Soundtrack meiner Kindheit“ (Rowohlt, 335 Seiten, 19,90 Euro), wie er nach seiner Ansprache in den Raum hinter der Bühne ging. Dort wurde er von einem eleganten, kultivierten Herrn mit der Frage empfangen „Möchten Sie ein Stück Pflaumenkuchen?“ und sogleich von ihm, dem ehemaligen Stellvertretenden Minister für Staatssicherheit, Markus Wolf, bedient. Liefers erinnert sich: „Während ich meinen Kuchen kaute, überlegte ich, was diese Begegnung zu bedeuten hatte. Ich dachte, der bestgetarnte und meistgesuchte Spion der Welt hat mir eben Kuchen serviert, das muss das Ende der DDR sein.“

Aber diesen Gedanken hatte er im gleichen Moment dann doch wieder verworfen.

von Karl-Ludwig Baader und Stefan Koch

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