Dass gerade Hager zum Dialog bittet, klingt für viele DDR-Bürger wie blanker Hohn. Denn Hager ist im Volk besonders verhasst, seitdem er die Reformbestrebungen Gorbatschows 1987 im „stern“ mit den legendären Worten kommentiert hatte: „Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Seither heißt er nur noch „Tapeten-Kutte“. Gleichwohl äußern Kirchen wie auch das „Neue Forum“ die Hoffnung auf einen ernsthaften und konstruktiven Dialog.
Kritik muss die SED nun erstmals auch aus der „Nationalen Front“ ertragen. Die sogenannten Blockparteien wie CDU, Liberaldemokratische Partei (LDPD), Bauernpartei (DBD) und Nationaldemokratische Partei (NDPD) unterstützen seit 1949 die SED und entsenden Abgeordnete und Minister. Am 13. Oktober stellt der LDPD-Vorsitzende Manfred Gerlach als Erster aus diesen Reihen das Machtmonopol der SED infrage: „Die Geschichte beweist, dass keine Partei im Sozialismus a priori, schon Kraft ihrer Existenz und ihres Wirkens die politische Wahrheit für sich hat.“
Am 14. Oktober trifft sich das „Neue Forum“ zu seinem ersten landesweiten Koordinierungstreffen. Unter konspirativen Bedingungen kommen etwa 120 Teilnehmer aus 24 Städten in Berlin zusammen. Noch immer ist die Angst vor Repression bei vielen groß.
Der tschechoslowakische Dramatiker und Bürgerrechtler Václav Havel erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zu der Preisverleihung am 15. Oktober kann der Dichter aber nicht nach Frankfurt reisen, da er nicht ausreisen darf.
Die SED hofft weiterhin, die Lage in den Griff zu bekommen. Als am 16. Oktober die Montagsdemonstranten durch Leipzig marschieren, stehen erneut bewaffnete Kräfte bereit, um den Protestzug zur Not mit Gewalt aufzulösen. Der Staatssicherheit ist „Pistole am Mann“ befohlen. Trotzdem ziehen 120.000 Menschen über den Leipziger Ring – fast doppelt so viele wie eine Woche zuvor. Erneut bleibt es friedlich. Einen Tag später berichtet erstmals die staatliche Nachrichtenagentur ADN über die Montagsdemonstration – und das sogar nahezu sachlich.
Am 18. Oktober kommt es zur Palastrevolte: Der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Staatsratsvorsitzende der DDR sowie Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates, Erich Honecker, tritt zurück. Egon Krenz, Günter Schabowski und Willi Stoph haben am Vortag im Politbüro den Sturz Honeckers erzwungen. Mit dem Staats- und Parteichef müssen auch dessen Vertraute Günter Mittag und Joachim Herrmann gehen. Nachdem Honecker seinen Rücktritt verkündet hat, verlässt er den Sitzungssaal. Plötzlich steht er vor Vertretern der Presse, die bereits auf seinen Nachfolger Krenz warten. Die Journalisten stellen ihm keine Frage. Nach einem Moment peinlicher Stille verabschiedet sich Honecker von der politischen Bühne: „Na dann, auf Wiedersehen.“
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