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Rückblende Teil 15

Geruchskonserven, Protestkultur und Reisegesetz

Von Kristian Teetz

Die SED will Zeit gewinnen. Mit verschiedenen Zugeständnissen, Gesprächsangeboten und Reformüberlegungen versucht sie, die weiterhin aufgebrachten Massen zu besänftigen.

Am 26. Oktober 1989 empfängt SED-Politbüromitglied Günter Schabowski die Initiatoren des „Neuen Forums“, Bärbel Bohley, Jens Reich und Sebastian Pflugbeil. Es ist das erste Mal, dass ein Funktionär der obersten Führungsebene mit Vertretern der Opposition spricht.

Am selben Tag unterrichtet der neue Staats- und Parteichef Egon Krenz in seinem ersten Telefongespräch mit Bundeskanzler Helmut Kohl, dass die DDR noch vor Weihnachten ein „Gesetz über Reisefreiheit“ verabschieden will. Am 31. Oktober ist ein erster Entwurf fertig. Er sieht vor, dass jeder DDR-Bürger ohne harte Währung ausreisen kann, wenn er einen Ausweis und ein Visum vorweisen kann. Dieses Visum soll innerhalb von 30 Tagen ausgestellt werden.

Am 27. Oktober beschließt der Staatsrat eine Amnestie für alle Inhaftierten, die versucht haben, das Land illegal zu verlassen. Außerdem werden alle Teilnehmer nicht genehmigter Demonstrationen wieder freigelassen. Damit kommt die Staatsführung Forderungen der Opposition nach. Ebenfalls aufgehoben wird die erst am 12. Oktober beschlossene Visumspflicht für Reisen in die Tschechoslowakei.

Nicht nur auf den Straßen wird demonstriert, auch die Kulturschaffenden des Landes debattieren, lesen, protestieren. In Dresden etwa verlesen Schauspieler nach jeder Vorstellung die Erklärung: „Wir treten aus unseren Rollen heraus“. Am 28. Oktober kommt es im Deutschen Theater in Berlin zu einer beeindruckenden Rehabilitierung. Der Schauspieler Ulrich Mühe liest zwei Stunden lang aus dem nur in Westdeutschland publizierten Buch „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ des ehemaligen Aufbau-Verlagschefs Walter Janka. Der war 1957 wegen angeblicher Umsturzpläne zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Ebenfalls am 28. Oktober sprechen prominente Schriftsteller wie Günter de Bruyn, Stefan Heym, Christoph Hein und Volker Braun in der voll besetzten Ostberliner Erlöserkirche. Während dieser Veranstaltung fällt erstmals der Begriff „Geruchskonserve“. Eine junge Frau, die wegen des „Klebens von Handzetteln“ mehrere Tage in Untersuchungshaft saß, erzählt von entwürdigenden Einschüchterungsmethoden: Von ihr und ihrer zwölfjährigen Tochter hätten die Sicherheitskräfte mit Tüchern Geruchsproben im Intimbereich genommen. Diese wurden dann aufbewahrt, „als Suchhilfe für die Spürhunde“, wie es hieß.

Am Abend des 29. Oktober kündigt der Chefredakteur der Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ an, künftig „schnelle und wahrheitsgetreue Informationen“ zu senden. Und tatsächlich wird über zahlreiche Kundgebungen berichtet.

Einen Tag später ist Schluss für den größten TV-Agitator des Landes. Karl-Eduard von Schnitzler, genannt „Sudel-Ede“, geht nach 1519 Sendungen „Der schwarze Kanal“ in den Ruhestand. Das DDR-Fernsehen setzt die Sendung, in der Schnitzler 30 Jahre lang Beiträge des Westfernsehens hämisch und ätzend kommentiert hatte, ab.

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