Herr Lautenbach, als Sie sich damals live in den „tagesthemen“ zu Wort meldeten, war zum Grenzübergang Invalidenstraße niemand gekommen.
Der Grenzübergang war tatsächlich leer, als wir gegen 22.45 Uhr das erste Mal in die „tagesthemen“ schalteten. Es liefen aber Meldungen, dass es an anderen Grenzübergängen schon Menschen gab, die herübergekommen waren, und so sagte ich mit einiger Verbitterung: „Hier in der Invalidenstraße auf der anderen Seite haben die Grenzpolizisten offenbar diese Weisung noch nicht bekommen, oder sie haben sie nicht verstanden. Hier werden bis zu diesem Zeitpunkt offenbar die Leute auf der östlichen Seite weiter zurückgeschickt.“ Ich war ziemlich sauer. Noch während der Liveschaltung kam ein Taxifahrer vorbei und erzählte, was an der Bornholmer Straße los ist, dass dort Tausende Menschen gekommen sind. An der Invalidenstraße kam erst eine Stunde später - um 23.49 Uhr - der erste Trabi, aber da waren die „tagesthemen“ schon vorbei - und die ARD brachte gemäß ihrem Sendeplan einen Spielfilm.
Er hieß „Der Attentäter“ und war unterbrochen von einer 30-minütigen Pressekonferenz von Helmut Kohl in Warschau. Hätte man den Plan nicht ändern können?
Beim SFB wäre uns das sehr recht gewesen. Aber der Sendeplan kam aus München, und von dort aus betrachtet sahen die Ereignisse in Berlin anders aus. Direkt nach dem Spielfilm gab es eine „tagesschau“-Sondersendung, danach haben wir bis in die Nacht und die darauffolgenden Tage live gesendet. Oft wusste ich gar nicht, wo wir gerade senden.
Warum sind Sie nicht gleich zur Bornholmer Straße gefahren?
An der Invalidenstraße waren wir früher schon, ich wusste, dass wir zu diesem Grenzübergang mit dem Übertragungswagen eine Richtfunkstrecke zum SFB errichten können - bei anderen Grenzübergängen war ich nicht sicher. Andererseits war die Reaktion so vieler Ostberliner auf Schabowskis Worte nicht zu erahnen, dass sie einfach raus- und zum nächstgelegenen Grenzübergang gehen.
Haben Sie nie bedauert, dass Sie nicht gleich mitten im Trubel der Bornholmer Straße standen?
Sehr viel später vielleicht. Mein Auftritt in den „tagesthemen“ war nicht perfekt - das spielte angesichts des historischen Ereignisses jedoch keine Rolle. Dafür hatte ich bei meinem Aufsager für die „tagesthemen“, den wir gegen 20.30 Uhr vorm Brandenburger Tor aufzeichneten, eine Vorahnung, als ich sagte: „Die Mauer hatte 27 Jahre Bestand - und ab morgen wird sie nicht mehr benötigt.“
Interview: Tatjana Riegler
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