Warum sind eigentlich so wenige Revolutionäre aus der DDR-Zeit heute in politischen Spitzenpositionen? Als Bärbel Bohley, die Symbolfigur von 1989, vor wenigen Wochen von einem Journalisten danach gefragt wurde, klang die Antwort ein wenig resigniert: „Wir haben uns selber lahmgelegt. Wir sind keine Machtmenschen, es ging uns mehr um die Inhalte“, sagte sie. Wer doch in den Bundestag gegangen sei, der sei „bedeutungslos“ geblieben.
Ein hartes Urteil. Es sei „zu hart“, sagt Joachim Gauck, damals Pastor aus Rostock und wie Bohley eine der wichtigen Figuren aus der Zeit des Umbruchs in der DDR. Heute neige man schnell dazu, die von den früheren Bürgerrechtlern erreichten Ämter und wahrgenommenen Aufgaben gering zu schätzen, meint er. „Ganz viele“ seiner damaligen Weggefährten seien der Politik treu geblieben: „Sie mischen sich ein, schreiben Bücher, stehen Schwachen zur Seite und engagieren sich für die Gemeinschaft“, hebt Gauck hervor.
Beide, Bohley wie Gauck, haben auf ihre Weise recht. Die einen weisen darauf hin, dass Angela Merkel, die heutige Kanzlerin, immerhin 1989 Mitglied der Oppositionsgruppe „Demokratischer Aufbruch“ war, die anderen bemerken, dass Merkel keineswegs zu den Führungsfiguren der DDR-Opposition zählte. Was aber ist mit denen, die damals tonangebend waren im Neuen Forum und in anderen Gruppierungen?
Gleich mehrere von ihnen betreuen heute Stasi-Opfer oder kümmern sich um die Hinterlassenschaften des DDR-Ausforschungssystems. Das trifft für die Bundesbeauftragte Marianne Birthler zu, aber auch für den Chemnitzer Außenstellenleiter Martin Böttger, der einst die Initiative für Frieden und Menschenrechte gründete, oder für die Landesbeauftragten in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen, Gerhard Ruden, Michael Gutzeit und Michael Beleites. Beleites war 1984 einer der Ersten gewesen, die die Umweltzerstörung in der DDR öffentlich anprangerten. Gutzeit zählte zu den Mitbegründern der Ost-SPD. Der Physiker Sebastian Pflugbeil, auch jemand aus der DDR-Umweltbewegung, stieg später zum Präsidenten der Gesellschaft für Strahlenschutz auf. Er blieb Physiker, wirkte aber weiterhin auf die Politik ein.
Einige Akteure der DDR-Opposition machten eine kurze politische Karriere in der letzten DDR-Regierung, so wurde Markus Meckel (SPD) dort Außen-, Rainer Eppelmann (Demokratischer Aufbruch, später CDU) Verteidigungsminister. Später gingen beide in den Bundestag, ohne dort allerdings noch hochrangige Posten einzunehmen. Bei der CDU gibt es mit Arnold Vaatz einen Vizevorsitzenden der Bundestagsfraktion, der einst im Neuen Forum zu den Mitstreitern von Bohley und anderen zählte. Sein Feld war bisher die Außen- und Entwicklungshilfepolitik. Bei den Grünen war Werner Schulz ein herausragender Vertreter der Bürgerbewegung, der zwischenzeitlich parteiintern gestürzt wurde, dann aber einen überraschenden Wiederaufstieg erlebte. Er wirkt heute im EU-Parlament.
Manche haben im vorpolitischen Raum Wort und Gewicht, so wie Gauck, der sich selbst „reisender Demokratielehrer“ nennt, oder Ulrike Poppe, die in der Evangelischen Akademie in Berlin arbeitet. Andere wie der Magdeburger Hans-Joachim Tschiche kümmern sich ehrenamtlich um Bürgeranliegen und streiten beispielsweise für besseren Datenschutz. Wieder andere wie Jens Reich, ein wichtiger Vertreter des Neuen Forums, haben sich in die Wissenschaft zurückgezogen. Bei Reich geschah dies auf Umwegen, 1994 hatte ihn eine unabhängige Initiative als Bundespräsidenten-Kandidat aufgestellt, die Grünen hatten das unterstützt. Ingrid Köppe und Rolf Henrich, ebenfalls zur Spitze des Neuen Forums zählend, arbeiten heute als Rechtsanwälte. Köppe, die 1995 als einzige frühere Bürgerrechtlerin das Bundesverdienstkreuz ausschlug, lehnt heute ein Interview ab. Henrich weist das Klagelied von den angeblich heute einflusslosen früheren Bürgerrechtlern zurück. Es seien doch etliche gewesen, die in der Politik ihren Weg gegangen sind. Rückblickend meint Henrich nur, es sei ein Fehler der Bürgerrechtsbewegung gewesen, sich auf die Moral zu konzentrieren und die Wirtschaftspolitik zu vernachlässigen: „Wir hätten viel erreichen können, um große Betriebe zu erhalten – etwa als Genossenschaften.“ Auch die „Reformbereiten“ in der SED hätte man aus seiner Sicht einbeziehen müssen und nicht ausgrenzen dürfen.
Gauck sieht drei Gruppen unter denen, die 1989 in der Bürgerbewegung waren. Die einen hätten für Demokratie gekämpft und sich zurückgezogen, als sie ihr Ziel erreicht hatten. Die anderen engagierten sich weiter, trotz Rückschlägen und Enttäuschungen. „Die merken, dass Befreiung und Freiheit zwei Dinge sind“, sagt Gauck: „Befreiung ist wie das Glücksgefühl einer Hochzeit, Freiheit ist wie eine Ehe, da sieht man auch die negativen Seiten.“ Die dritte Gruppe, meint Gauck, sind die Unzufriedenen, die 1989 einen „dritten Weg“ angestrebt hätten, die deutsche Vereinigung skeptisch beurteilten und immer noch von einer anderen Gesellschaft träumen.
Auch der Regisseur Konrad Weiß, 1989 Mitbegründer der Initiative „Demokratie Jetzt“, später beim Bündnis 90, das dann mit den Grünen fusionierte, kennt bei Weggefährten von einst diese Sehnsucht nach einer besseren Welt. Aber Weiß zählt wie Gauck zu jenen, die zufrieden auf die Entwicklung zurückblicken. Er begegne ganz vielen, die auf die eine oder andere Weise der Politik treu geblieben sind. Für sich selbst will er das auch gelten lassen. Weiß arbeitet gegenwärtig bei einem Theaterprojekt mit, das die Erfahrungen mit der Stasi in der DDR verarbeitet. Warum er nicht in die erste Reihe der Politik strebte? „Ich habe schon gemerkt, dass die Leute dort Gefahr laufen, sich anpassen zu müssen und nicht mehr widerborstig sein zu dürfen. Für mich als früheren Bürgerrechtler ist das nichts“, sagt Weiß.
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Kommentare
Ruhe nach dem Sturm Holger – 13.11.09
Die oft kritisierte kath. Kirche erlaubte uns in Magdeburg die Präsentation der Opposition in ihren Räumen (Dank an den Bischof). Natürlich gab es da Stasi-Provokateure, das hatten wir erwartet.Meine Rolle war nicht groß in Magdeburg, aber es war schon spannend die Flugblätter mit den 10 gemeinsamen Forderungen der Magdeburger Opposition mit allen abzustimmen und zu drucken (Dank an die Superintendentin der ev.-luth. Kirche).
Was wir nicht erwartet hatten war die große Anzahl der Stasi-Spitzel in Führungspositionen der neuen politischen Parteien (Böhme SDP, Schnur DA, De Maizière CDU, Diestel DSU/CDU, Gysi SED). Es war deprimierend weil fast jeden Monat jemand enttarnt wurde.
Schade war es auch, dass der Einfluss der DDR-Opposition auch verschwand weil wir keine Ahnung von den großen wirtschaftlichen Kräften hatten.
Dennoch bin ich im Nachhinein froh, das es so schnell gegangen ist mit der Deutschen Einheit.
Die Tür zur Wiedervereinigung war eigentlich nur ganz kurz offen, bloß gut das keiner sie zuschlagen wollte/konnte. Auch wenn ich sie nie gewählt habe, möchte ich hiermit Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher persönlich danken für ihre Entscheidingen 1989/1990.
Ich hoffe dass jeder nachdenkt und sich informiert wer da bei der SED/Linke aktiv ist. Nicht alle sind Stalinisten aber es bleibt eben die Nachfolgepartei der SED (und DKP).