Der Mann, der Hannovers Stadtpolitik wie kein Zweiter geprägt hat, kann verdammt hartnäckig sein. Herbert Schmalstieg gibt selten auf, wenn er von einer Sache ganz fest überzeugt ist. So war er schon kurz nach seinem Amtsantritt als Oberbürgermeister 1972 der Meinung, dass die beiden deutschen Messestädte, Hannover im Westen und Leipzig in der DDR, ihre Beziehungen verstärken müssten. Eine Partnerschaft, das war das Ziel des Sozialdemokraten. Es wurde ein langer Weg bis dahin.
„Ich stieß auf Mauern“, berichtet Schmalstieg heute. Einen Ansatzpunkt immerhin hatte es gegeben: Zu Zeiten der Hannover-Messe kamen Vertreter der DDR-Staatsführung oft an die Leine. Umgekehrt waren die Hannoveraner alljährlich in Leipzig während der Leipziger Messe. Sollte es da nicht eine Chance zur Annäherung geben?
1974 war Schmalstieg gerade zwei Jahre im Amt, aber er gehörte schon zum Präsidium des Städtetages in Niedersachsen. Der Oberbürgermeister aus dem Westen wagte sich vor zum Leipziger Amtskollegen Karl-Heinz Müller und sprach forsch von der engeren Kontaktaufnahme beider Städte. „Der hat mich angeschaut, als käme ich von einem anderen Stern“, berichtet Schmalstieg heute. Aber er ließ damals nicht locker. Zweimal habe er in den folgenden Jahren noch an Müller geschrieben – immer blieben die Briefe unbeantwortet.
Viel später, 1987, unternahm Schmalstieg einen nächsten Anlauf, direkt bei SED-Chef Erich Honecker. Der Oberbürgermeister war Teil einer Delegation von westdeutschen Politikern, die im Februar 1987 zum Berliner Stadtjubiläum eingeladen waren. Schmalstieg trug seinen Wunsch vor und erwähnte die guten Messekontakte. Sein Vorschlag fiel in eine Zeit, da die DDR selbst Interesse an solchen Städtepartnerschaften hatte. Von unten wachsen allerdings sollten sie nicht, Honecker bestand auf zentraler Planung.
Und in der waren Hannover und Leipzig zunächst gar nicht vorgesehen. Jeweils zehn Städte West und Ost sollten ausgewählt werden, darunter Aachen und Naumburg, auch Saarlouis und Eisenhüttenstadt. Die Charmeoffensive, die der damalige Saar-Ministerpräsident Oskar Lafontaine in die Richtung des gebürtigen Saarländers Honecker startete, machten das möglich. Acht Städte waren damals schon eingeteilt worden, zwei Städte auf jeder Seite waren noch nicht benannt. Es blieb also noch eine Chance für Hannover und Leipzig. Doch der hannoversche Oberbürgermeister musste erleben, wie zäh die Mühlen in der staatlichen Planung der DDR liefen. Das kurze Gespräch mit Honecker blieb zunächst fruchtlos, es gab keine Fortschritte.
Aber der Sozialdemokrat aus Hannover fasste schon den nächsten Plan: Wenn er den Generalsekretär der SED das nächste Mal sähe, wollte er erneut nachhaken. Als Honecker ein halbes Jahr später, im September 1987, die Bundesrepublik besuchte, hatte Schmalstieg wieder ein Vier-Augen-Gespräch mit ihm – und diesmal endlich willigte sein Gegenüber aus Ost-Berlin ein. „Endlich waren wir am Ziel“, sagt Schmalstieg heute. Man vereinbarte regelmäßige Treffen. Doch die ersten gegenseitigen Besuche auf offizieller Ebene waren noch steif und förmlich. Man sprach von gemeinsamen Wurzeln, von der langen Tradition der Arbeiterbewegung, von kulturellen Gemeinsamkeiten. Ein wirklich entspannter, lockerer Meinungsaustausch über kommunalpolitische Probleme aber entwickelte sich noch nicht.
Im Jahr 1989 dann, als das Volk in der DDR rebellierte, bekam die Städtepartnerschaft einen neuen Sinn. Schmalstieg erinnert sich, dass er damals bei seinen Fahrten nach Leipzig immer auch bei Künstlern wie dem Maler Bernhard Heisig vorbeifuhr, bevor er den Offiziellen im Rathaus einen Besuch abstattete. Auch zu Superintendent Johannes Richter von der Thomaskirchengemeinde, der sich gut mit den Leipziger Oppositionsgruppen verstand, blieb der Oberbürgermeister in steter Verbindung.
Am 27. November 1989 zählte Schmalstieg zu den ersten Politikern aus dem Westen, die bei einer Montagsdemonstration vor der Leipziger Oper reden durften. Der damalige SED-Oberbürgermeister Günter Hädrich war zwar anfangs dagegen, willigte dann aber schließlich ein – als er beim Bürgerkomitee erreichte, selbst auch zu den Leipzigern sprechen zu dürfen. Hädrich wurde ausgepfiffen und erhielt am Ende nur deshalb Beifall, weil er ankündigte, den Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur zum Ehrenbürger ernennen zu wollen. Schmalstieg unterstützte in seiner Rede die Demonstranten. „Sie gehen mutig voran“, rief er ihnen zu. „Damals habe ich erstmals auch den Ruf ,Wir sind ein Volk‘ gehört“, berichtet Schmalstieg heute. „Das war das Zeichen, dass die Wiedervereinigung nahte.“
Für den damaligen Oberbürgermeister gehören diese Ereignisse zu den wichtigsten Dingen in seinem politischen Leben. Es schloss sich gewissermaßen ein Kreis. Mitte der sechziger Jahre, als er noch Juso-Funktionär in Hannover war, gehörte Schmalstieg zu der Gruppe von SPD-Funktionsträgern, die mit der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in der DDR über einen Austausch von Rednern verhandeln sollte. Man war auf gutem Weg, doch das Projekt wurde dann von der SED unterbunden. Später hat sich Schmalstieg immer wieder bemüht, die Kontakte der Hannoveraner in die DDR zu erleichtern. So zählte er zu den Politikern, die für die Einbeziehung der Stadt in den „kleinen Grenzverkehr“ stritten – also dafür, den Menschen aus Hannover regelmäßigen Besuch bei Verwandten im Osten zu ermöglichen.
Die Krönung all dieser Bemühungen war dann für den SPD-Politiker seine umjubelte Rede auf der Montagsdemonstration. „Das werde ich bestimmt niemals vergessen“, sagt er heute.
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