Die „Bornholmer Hütte“ trotzt dem Wandel der Zeiten. Im Keller wird gekegelt wie seit 106 Jahren, und in der Gaststube wird gequalmt wie eh und je. Zum Bier gibt’s Buletten, an der Theke Kneipentratsch. Von den Wänden blättert die Farbe, der Kunststoffboden hat Risse, aber keiner denkt hier an Renovierung. „Wir hatten die Maler zuletzt 1973“, sagt die ergraute Wirtin Christine Gehrhus voller Stolz. „Wir machen nicht jeden Schnickschnack mit.“ Was sich seit der Grenzöffnung verändert hat? „Nischt.“
An dieser Stelle korrigiert Sohn Matthias seine resolute Mutter. „Wir haben jetzt auch Sonnabend und Sonntag geöffnet“, sagt der junge Wirt. „Und aus unserer Straße ist ’ne Autobahn geworden. Früher konnte man da noch spielen.“
In der Tat. Die Berliner Traditionskneipe mit dem Kachelofen und den schlichten Holztischen, die seit alters her privat betrieben wird und schon Schauplatz vieler Krimis war, steht an der Bornholmer Straße im früheren Ost-Bezirk Prenzlauer Berg – mehr als 40 Jahre lang eine Sackgasse, die am Grenzübergang vor der Bösebrücke endete.
Am Abend des 9. Novembers 1989 war es mit der Ruhe vorbei. Kaum hat Politbüromitglied Günter Schabowski verkündet, dass die neue Reisefreiheit „unverzüglich“ in Kraft tritt, füllt sich die Bornholmer Straße mit Menschen und Autos. Der Strom schwillt von Minute zu Minute an und versetzt die Grenzwächter in Schockstarre. Die Befehlslage ist chaotisch, die Telefone laufen heiß. „Liebe Bürger, ich bitte Sie, im Interesse der Ordnung und Sicherheit, den Platz im Vorfeld der Grenzübergangsstelle zu verlassen“, mahnt ein Volkspolizist per Lautsprecher. Doch der Protest wird nur noch wütender. „Massenverarschung is dett hier“, brüllt ein Mann in Jeansjacke, andere skandieren „Tor auf, Tor auf“.
Schließlich, es ist 21.30 Uhr, erhalten die Grenzer Weisung, ein kleines Ventil zu öffnen. Wer am lautesten schreit, soll durchgelassen werden – allerdings mit einem Passkontrollstempel, der die Wiedereinreise verhindert. Doch der Strom ist so stark, dass die Passkontrolle zur Farce wird. Einzelne DDR-Bürger zerreißen demonstrativ ihre Pässe. Die Freiheit braucht keine Papiere. 20 000 drängen sich vorm Schlagbaum. Was tun? Oberstleutnant Harald Jäger, Chef der Passkontrolleure, wischt entnervt Stempel und Zählkarten beiseite und erteilt gegen 23.30 Uhr eigenmächtig den Befehl: „Macht den Schlagbaum auf.“ Ein Kollege teilt daraufhin den Vorgesetzten mit: „Wir fluten jetzt.“
Zwanzig Jahre danach lassen sich die historischen Ereignisse nur noch erahnen. Die Bornholmer Straße ist zu einer Ost-West-Trasse geworden, die den Prenzlauer Berg mit dem Bezirk Wedding verbindet. Die Straßenbahn rumpelt mit der gleichen Selbstverständlichkeit über die Bösebrücke wie die vielen Autos und Lastwagen. Wo einst die Grenzabfertigungshallen standen, breitet sich nackter Asphalt aus. Man muss schon genau hingucken, um den Gedenkstein zu entdecken, der aus einem Mauerrest gefertigt ist. Visionäre Worte Willy Brandts stehen darauf: „Berlin wird leben und die Mauer wird fallen.“ Mehr zur Grenzöffnung ist per Knopfdruck von einer unscheinbaren Info-Säule zu erfahren. Im Sommer 2010 soll hier der „Platz des 9. November 1989“ entstehen – mit Zierkirschen und in den Boden eingelassenen Stahlbändern. Doch bei den Anwohnern hat sich das Projekt noch nicht herumgesprochen. Vorbei die Zeit, als der Übertritt von West nach Ost noch an den Häuserfronten ablesbar war. Die Wohnblocks westlich der Bösebrücke muten heute trister an als im Osten. Während im Wedding Stuck und Balkone schon in den Siebzigern einer Radikalsanierung zum Opfer fielen, ließ sich im Prenzlauer Berg manch verkommener Altbau wieder zu alter Pracht aufpolieren.
An der Bornholmer Straße allerdings hält sich die Eleganz in Grenzen. Der Durchgangsverkehr dämpft die Investitionslust. Viele sind weggezogen. Die Straße ist zwar geschichtsträchtig, aber nicht hipp. Nur in der Nähe der Schönhauser Allee pulsiert das Leben. Hier reiht sich ein Restaurant ans nächste – von „Bella Italia“ bis zu „Cocina Mexicana“. Neben dem Textilladen „Harakiri“ findet sich „Angie’s Nonstopp Zimmervermietung“ – mit roten Herzen über dem Eingang.
Nahrhafter ist, was Monika Kretschmar in ihrem Tante-Emma-Laden anzubieten hat. Trotzdem hält die 63-Jährige vergeblich Ausschau nach Kunden. „Ich mach das hier nur, damit ich nicht arbeitslos bin“, klagt die kleine verhärmte Frau, die vor der Wende „Ingenieurökonomin“ war. Bilanz nach 20 Jahren: „Für mich hat sich alles verschlechtert.“
Keinen Grund zu klagen hat Lars Siebert. Vor der Bäckerei des 51-Jährigen stehen die Kunden Schlange wie zu DDR-Zeiten. „Nach der Wende gab’s einen Einbruch“, erzählt der Bäcker. „Da mussten sich die Leute erst dran gewöhnen, dass die Schrippe statt fünf 20 Pfennig kostet – noch dazu in Westgeld. Aber mittlerweile kommen die Kunden sogar von der anderen Seite.“ Mit der „anderen Seite“ sind die westlichen Stadtteile Wedding und Tegel gemeint. Dass Siebert so erfolgreich mit der Marktwirtschaft zurechtkam, könnte auch damit zu tun haben, dass seine Bäckerei seit vier Generationen im Familienbesitz ist. Bereits zu DDR-Zeiten war hier der Kunde König.
Wie überall im Prenzlauer Berg haben sich auch in der Bornholmer Straße etliche Künstler angesiedelt. Zum Beispiel Thomas Manegold. Der gebürtige Thüringer ist Autor, Kleinverleger, Buchhändler und Cafébetreiber mit einem einzigen kleinen Laden. Das Geld sprudelt nicht, aber der gelernte Maurer ist zufrieden. „Ich will hier nicht mehr weg, hier kann man tausend Sachen machen.“ Seine Frau Marion-Alexa Müller stammt aus Bayern und hat auch schon mal Bekanntschaft mit alten Ressentiments gemacht. „Mit Wessi-Schlampen rede ich nicht“, habe einer gesagt – sich dann aber gebremst, um die Veröffentlichung seiner DDR-Biografie nicht zu gefährden.
Am 9. November will Angela Merkel mit Lech Walesa und Michail Gorbatschow über die Bösebrücke spazieren. Schon seit Wochen werden dafür Zeitzeugen gesucht, die sie begleiten. Der Wirt der „Bornholmer Brücke“ hätte manches zu erzählen, verspürt aber keine Lust zum feierlichen Brückengang. „Ich werd’ mich schwer hüten“, sagt Gehrhus. „Mir geht das alles furchtbar auf den Keks.“ Seine Mutter nickt. „Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal im Westen gewesen bin. Wir Berliner bleiben doch am liebsten in unserem Kiez.“
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