Navigation:
HAZ-Shop AboPlus Online-ServiceCenter
Die geteilte Stadt

Das Inselreich

Von Reinhard Urschel

Was ist in der deutschen Hauptstadt nach 20 Jahren von den Einrichtungen der Franzosen, Briten, Russen und US-Amerikaner geblieben? Wir schauen in die früheren Sektoren, sprechen mit Zeitzeugen und erzählen Geschichten mit Geschichte.
Die vier Sektoren Berlins

Die vier Sektoren Berlins

© HAZ

Ein Rosinenbomber natürlich, die Baskenmütze von Ernst Reuter, ein aus märkischem Sand gegrabener Spionagetunnel – es gibt nichts, was es in Berlin nicht in einem Museum zu sehen gäbe. Dieses hier liegt abseits von den großen Häusern; es hat auch nichts zu bieten, was mit der weltbekannten Nofretete mithalten könnte, mit dem Pergamonaltar oder dem preußischen Kulturbesitz. Dieses Museum, bei dem es sich um eine frühere Bibliothek und ein ehemaliges Kino handelt, ist so etwas wie das Gedächtnis der Stadt. Wenn man so will: das Kurzzeitgedächtnis. Es erinnert daran, dass die deutsche Hauptstadt bis vor 20 Jahren keine Einheit war, sie war auch nicht zweigeteilt, wie die Geschichte gerne weismacht. Es ist das Alliiertenmuseum in Berlin-Zehlendorf.

Die Teilung der Stadt in vier Sektoren endete in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 so gut wie unbemerkt von den Einwohnern der Stadt – in jener Nacht, in der sich die Berliner, die Deutschen und mit ihnen die Welt über die Wiederherstellung der Einheit freuten. In unserer Serie wollen wir den einstigen Alliierten im ungeteilten Berlin nachspüren. Was ist in der deutschen Hauptstadt nach 20 Jahren von den Einrichtungen der Franzosen, Briten, Russen und US-Amerikaner geblieben? Von ihrem Lebensgefühl? In „Berlin, Berlin“ schauen wir in die früheren Sektoren, sprechen mit Zeitzeugen und erzählen Geschichten mit Geschichte.

Die Teilung war schon während des Zweiten Weltkrieges von den Siegermächten beschlossen und unmittelbar nach Kriegsende durchgesetzt worden. Mit der Berliner Erklärung stellten die Alliierten am 5. Juni 1945 die Übernahme der Regierungsgewalt im Gebiet des Deutschen Reiches fest. Das betraf auch die Befugnisse der Regierung, des Oberkommandos der Wehrmacht und der Regierungen, Verwaltungen und Behörden der Länder, Städte und Gemeinden. Durch die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen hatte der preußische Staat aufgehört zu bestehen. Am 25. Juli 1947 wurde er durch den Alliierten Kontrollrat per Kontrollratsgesetz Nummer 46 auch formal aufgelöst.

In der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin verfuhren die Siegermächte wie im übrigen Reich auch. Sie legten die Sektorengrenzen fest, zunächst ohne Frankreich, das erst nach Protesten zu den Westmächten hinzugezogen wurde.

Der französische Sektor bestand aus den Bezirken Wedding und Reinickendorf. Der sowjetische Sektor umfasste Pankow, Weißensee, Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain, Lichtenberg, Köpenick und Treptow. Der amerikanische Sektor unterteilte sich in Neukölln, Kreuzberg, Tempelhof, Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf. Der britische Sektor bestand aus Charlottenburg, Spandau, Tiergarten und Wilmersdorf. Die Bezirke Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen entstanden erst von 1979 an durch Veränderungen der Bezirksgrenzen in Ost-Berlin. Nach alliiertem Recht hätte dies einer Zustimmung aller Alliierten bedurft, die es tatsächlich nicht gab; die DDR handelte – nicht nur in dieser Frage – mit Rückendeckung der Sowjetunion eigenmächtig.

Geteilt war die Stadt unmittelbar nach Kriegsende nur auf der Landkarte. Lediglich die Übergänge mit ihren kleinen Kontrollbaracken markierten die Grenzen, an denen Schilder die Berliner daran erinnerten, wo sie sich befanden: „You are leaving the american sector“, „Vous sortez du secteur americain“. 1952 wurde den Bewohnern der Westsektoren das Betreten des Umlandes verboten, die Stadtgrenze mit Stacheldrahtzäunen abgesperrt. Der Wechsel zwischen den Sektoren war noch weitgehend ungehindert möglich – bis zur Zementierung der Teilung in West-Berlin (Westsektoren) und Ost-Berlin (sowjetischer Sektor) durch den Bau der Mauer am 13. August 1961.

Im Jahr 1971 wurde das Viermächteabkommen über Berlin abgeschlossen; es regelte viele praktische Fragen, und bald danach konnte man sich wieder besuchen, wenigstens zu besonderen Anlässen. Erst in der Nacht zum 3. Oktober 1990 hörten die Sektoren auf zu existieren.

Und mit ihnen endete endgültig der Kalte Krieg. Die Berlin-Blockade, die Rosinenbomber, der Arbeiteraufstand an der Stalinallee, die sowjetischen und amerikanischen Panzer am „Checkpoint Charlie“, der Mauerbau, der Kennedy-Satz vorm Schöneberger Rathaus, das Passierscheinabkommen, der Tränenpalast, die Studentenunruhen, der Berliner Innensenator mit der Geliebten im Osten, der Regierende mit dem roten Schal, die Parade zum 40. Jahrestag der DDR mit der gorbatschowschen Formel über das Zuspätkommen im Leben – all das und vieles mehr hat das Leben in der Stadt bestimmt, aber es war eben nicht der Alltag.

In älteren Filmen blitzte dieser Alltag der Sektorenstadt in Insellage auf und drang ins Bewusstsein der Westdeutschen. Beispielsweise im Dauerbrenner „Die Unverbesserlichen“ mit Inge Meisel und Joseph Offenbach: Während sich die einstige Hauptstadt allmählich aus den Trümmern erhob, zeigte die Fernsehserie das Leben der kleinbürgerlichen Familie Scholz mit der berlintypischen Mentalität „Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig is“ und „Uns kann keener“.

Die Berliner waren unfreiwillige Insulaner, aber sie beschwerten sich nicht. In der Neuverfilmung von Erich Kästners „Emil und die Detektive“ 1954 musste die Straßenbahnfahrt hinter dem Mann mit der Melone ausfallen, weil es eben im Westen Berlins keine Straßenbahnen mehr gab, auch die Droschken-Verfolgungsjagd durchs Brandenburger Tor war gestrichen. Dafür durften die Detektive am Ende das Polizeisportfest im Olympiastadion besuchen, ein Riesenspektakel in der Zeit der Teilung. Der „Schupo“ galt etwas in einer Stadt, in der es keine Soldaten geben durfte, nur fremde Truppen. Mehr als 300 000 Sowjetsoldaten waren in der „Hauptstadt der DDR“ und im nahen Umland stationiert, 12 000 Soldaten hatten die Westmächte ständig präsent.

Ob sie beliebt waren, lässt sich schwer nachvollziehen; die jährlichen Truppenparaden auf der Straße des 17. Juni und auf der Bismarckstraße waren jedenfalls gut besucht. Einen kleinen Eindruck davon vermittelte der Film von Wolfgang Staudte: „Die Herren mit der weißen Weste“ aus dem Jahr 1969 mit Martin Held, Hannelore Elsner und Mario Adorf. Eine Gaunerbande versucht darin einen Juwelenraub nach Rififi-Manier zu begehen – während ganz Berlin, einschließlich der Polizei, auf die Parade der Westalliierten starrt. Die Paraden (im Westen seit 1964 am 1. Juli, im Osten am 1. Mai) und die Volksfeste waren die weltlichen Hochämter der geteilten Stadt.

Die jeweiligen Volksfeste mit den Westalliierten gibt es noch heute. Die Franzosen und Amerikaner feiern ihre Nationalfeiertage auch an der Spree, die Briten den Geburtstag ihrer Königin gemeinsam mit den Berlinern. Das Ganze ist in die Jahre gekommen, aber der gegenwärtige Regierende Bürgermeister droht jedem eine Klage an den Hals, der behauptet, Klaus Wowereit finde das alles spießig. Stimme nicht, lässt er wohlweislich ausrichten.

Als im Sommer 1994 die alliierten Streitkräfte die deutsche Hauptstadt endgültig verließen, wurde ein Satz zur stehenden Redewendung: Man hoffe, schlossen die Festredner ihre Festreden, „dass die ehemaligen Besatzer und heutigen Freunde mehr als einen Koffer in Berlin zurücklassen“. Deshalb ist es bestimmt kein Zufall, dass Großbritannien und die USA in der Besucherstatistik ganz vorne liegen: 2,75 Millionen Touristen kamen im Vorjahr nach Berlin – die größten Gruppen waren Briten (310 000), Amerikaner (231 000) und Niederländer (217 000). Und die Franzosen holen deutlich auf.

Nächster Artikel
Nächster Artikel

Meistgelesene Politik-Artikel

Anzeige

Quiz

Sätze, die Geschichte machten

Es gibt einige Sätze die in die Geschichte eingegangen sind. Doch wer hat sie gesagt? Testen Sie Ihr Wissen in.

Kennen Sie Hannover?

Aus der Luft sehen sonst bekannte Gebiete manchmal ganz anders aus. Erkennen Sie Hannover von oben?

Kennen Sie alle Minister Niedersachsens?

Neun Landesminister zählt das Kabinett von Ministerpräsident David McAllister. Kennen Sie alle neun und ihre jeweiligen Berei...

Politik kompakt

Städtewetter
Tagestemperatur
°
Nachttemperatur
°
Regenprognose
%
Windstärke
km/h
Pollenflug


Top