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Teil 4 – Die 80er

Albrecht nimmt Abschied von seinem alten Traum


Im vierten Teil seiner Familiengeschichte erzählt HAZ-Reporter Thorsten Fuchs von Albrecht, dem Vierten der Brüder, der jahrzehntelang auf den Weltmeeren unterwegs war. Jetzt muss er in seiner Heimatstadt Bremerhaven Werftensterben und Schifffahrtskrise mit ansehen.
Albrecht Fuchs (links) bei einer seiner ersten Fahrten auf einem Frachtschiff.

Albrecht Fuchs (links) bei einer seiner ersten Fahrten auf einem Frachtschiff.

© Fuchs

Podcast – 4. Teil

Das Rauschen konnte alles bedeuten. Mein Vater konnte auf dem Pazifik sein, kurz vor Hongkong oder vor Hamburg, irgendwo in der Ferne oder ganz nah.

Der Ablauf war immer derselbe. „Hier Norddeich Radio, ein Gespräch für Sie“, sagte die Stimme am Telefon. Meist rief ich dann schon meine Mutter. So ein Gespräch war teuer, und die Zeit, die sie brauchte, bis sie zum Beispiel vom ersten Stock heruntergekommen war, nutzte ich für ein paar eilige Worte mit ihm. Seine Stimme klang immer, als käme sie aus dem hintersten Winkel der Welt. Meistens waren es unglückliche Gespräche, weil ich mich nicht entscheiden konnte, was aus meinem Leben wichtig genug war, um in den wenigen Augenblicken mitgeteilt zu werden, und deshalb entweder aufgeregt Nichtigkeiten ausbreitete oder verstockt schwieg.

Dann gab ich meiner Mutter den Hörer, und ich versuchte, an ihrem Gesicht abzulesen, was mein Vater sagte. Ob er einen weiteren Auftrag bekommen hätte und er deshalb noch ein paar Wochen länger fortbleiben würde. Oder ob er in ein paar Tagen nach Hause kommen würde, viel früher als gedacht. Beides war immer möglich.

Als mein Vater am 29. September 1984 im Hafen von Santos in Brasilien die Gangway seines Schiffes hinunterschritt, wusste er nicht, dass es seine letzte Fahrt gewesen war. Er wusste nur, dass die Reederei in Schwierigkeiten steckte, dass er jetzt nach Hause fliegen und erst mal ein paar Wochen voller Ungewissheit daheim verbringen würde – und dass sich etwas verändert hatte. Wenn man ihn damals fragte, wie es zuging auf See, dann antwortete er oft nur mit einem Satz.

„Es ist nicht mehr dasselbe“, sagte er. Als würde das alles erklären. Und als sei sein Überdruss so groß, dass er nicht mal darüber reden mochte. Dabei war die Seefahrt sein Traumberuf, von Anfang an. Als Jugendlicher in Ost-Berlin las er Abenteuerromane, Defoe, Traven, Dumas, solche Bücher, und dachte: Alle diese Länder möchte ich sehen.

Er ist 15, als er seine Tante in Bremerhaven besucht. Als sie ihm den Hafen zeigt, die Passagierdampfer an der Columbuskaje, die Frachter im Überseehafen und die Kutter und Heckfänger im Fischereihafen, da hat er seinen Entschluss schon gefasst. Er fährt noch mal zurück nach Ost-Berlin, um seine Tischlerlehre abzuschließen. Aber was ihm eigentlich im Kopf herumgeht, kann er da schon nicht mehr verbergen.

„Sag wenigstens mir Bescheid, wenn du rübermachen willst“, sagt sein Chef zu ihm, als habe er schon eine Ahnung, „damit ich mich drauf einstellen kann.“
An einem Sommertag des Jahres 1956 geht Albrecht zu ihm. „Sie sollten sich dann vielleicht nach einem anderen Gesellen umsehen“, sagt er zu seinem Chef. Der nickt nur stumm. Mehr Worte braucht es nicht.

Er ist die einzige Person, die mein Vater außer seinen Brüdern und der Mutter einweiht. Eine Woche später macht er sich auf den Weg. Bangt in der S-Bahn, dass kein Vopo einsteigt und ihn fragt, wohin er mit seinem Koffer will. Aber es geht alles gut. In West-Berlin, in Tempelhof, steigt er in das Flugzeug Richtung Bremen. Er weiß nicht, wann, ob und wie er seine Mutter und seine Brüder wiedersehen wird. Da ist er 17 Jahre alt.

Es ist nicht schwer, in dieser Zeit ein Schiff zu finden und anzuheuern. Auf der „Deutschland“, die in Bremen fest vor Anker liegt, lernt er das Einmaleins des Seemannshandwerks. Er schläft in der Hängematte, klettert in die Wanten und lernt den Unterschied zwischen Pal- und Schotstek. Dann ist er bereit für seine erste Fahrt, als Jungmann auf der „Weserstein“. Sechs Monate auf hoher See. Mittelmeer, Suezkanal, Indischer Ozean, Hongkong, Japan und zurück. Bis Höhe Rotterdam ist ihm übel. Danach nicht mehr.

Drei Jahre lang fährt er als eine Art Lehrling über die Meere. Es ist seine beste Zeit auf See, die Erfüllung der Ostberliner Jungenträume. Sie laden Bananen in Guayaquil und Salpeter in Vera Cruz, sie streunen durch die Bars von Havanna und feiern Karneval in Venezuela. Er sieht die Vogelschwärme auf den Galapagosinseln, die Wälder, die den Panamakanal säumen, und in Japan den Fudschijama.

Es gibt Fotos aus dieser Zeit, da schaut er mit schelmischem Blick aus einem Bullauge, oder er macht sich mit seinen Kameraden an Deck über Bananenstauden her, die sie für ein paar Zigaretten den Hafenarbeitern abgehandelt hatten. In Ost-Berlin hatte er geboxt, bei Lokomotive Schöneiche, drei öffentliche Kämpfe. Auf einem der Seemannsfotos sitzt er mit nacktem Oberkörper auf der Reling seines Schiffs und schaut in die Ferne. Eine Männlichkeitspose. Er lächelt.

Als er nun, knapp 30 Jahre später, im Jahr 1984, in Bremen aus dem Flugzeug steigt, trägt er ein ernstes Gesicht. Er weiß nicht, dass wir, meine Mutter und ich, ihn von der Aussichtsplattform des Flughafens aus sehen können. Er weiß nicht mal, dass wir ihn abholen. Es soll eine Überraschung sein. Als er uns in der Ankunftshalle erblickt, hellt sich seine Miene auf. Ein Laut des Staunens, eine in die Länge gezogene Mischung aus „Aah“ und „Ach“. Als sei er gerade aus sehr tiefen Gedanken aufgeschreckt.

Wir wohnen zu dieser Zeit schon in Langen, einer Vorstadt von Bremerhaven. Langen gehört zu Niedersachsen, aber man bemerkt keinen Übergang. Man fährt einfach die Hauptstraße entlang, und irgendwann ist man da. Eine an Bremerhaven herangewachsene Schlafstadt. Unser Auto ist ein Golf, hellgrün, Baujahr 79, eines dieser frühen eckigen Modelle. Wir wohnen in einer Doppelhaushälfte, mit Gehwegplatten aus Waschbeton. In unserer Straße gibt es nur Doppelhäuser. Genau 19 Stück, alles der gleiche schlichte Typ. Manchmal tragen die zwei Hälften eines Hauses unterschiedliche Farben. Dann ist die linke Hälfte zum Beispiel weiß-braun und die rechte rot-grün, weil sich die Nachbarn nicht einigen konnten. Es gibt viele solcher Häuser in unserer Straße. Unser Haus ist hellgelb, links wie rechts. Es ist eine Seemannsfamilie, die neben uns wohnt.

Ich bin nicht sicher, wann mein Vater zu spüren begann, dass die Welt in den Romanen eine andere war als die reale Welt auf den Schiffen. Einmal, 1962, ist ein Kollege von ihm, ein Matrose, in der Karibik über die Reling gesprungen. Die Einsamkeit, viel Alkohol, es kam wohl einiges zusammen. Mein Vater hat es gesehen. Er konnte gut schwimmen, er hat nicht lange nachgedacht und ist einfach hinterhergesprungen. „Aus dem Meer gerettet“, lautete später die Schlagzeile in der Zeitschrift der Berufsgenossenschaft. Von der Reederei erhielt er eine Uhr mit automatischem Aufzug.

Es ist nur ein paar Monate später, da gerät sein Schiff, die „Ravenstein“, in der Biskaya in einen Sturm. Immer wieder schlagen die mächtigen Wellen auf das Deck, das Schiff rollt in der schweren See, aber auf einmal hört Albrecht die Stimme des „Alten“, des Kapitäns.
„Los, ihr fünf: raus, die Ladebäume festmachen!“

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