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In letzter Minute Flucht in den Westen

Teil 2 – Die 60er In letzter Minute Flucht in den Westen

Im zweiten Teil seiner Familiengeschichte erzählt HAZ-Reporter Thorsten Fuchs von dramatischen Ereignissen um den Mauerbau. Am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, gelingt dem jüngsten von Erna Fuchs Söhnen noch die Flucht nach West-Berlin. Drei seiner Brüder sind schon dort, die Mutter folgt 1965.

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Zum ersten Mal wieder in der DDR: Eugen Fuchs 1969 in Wilhelmshagen bei seinem Bruder Reinhart.

Quelle: Fuchs

Podcast – 2. Teil

Eugen war der Jüngste. Und er war der Letzte. Seine Brüder, die gehen wollten, waren schon gegangen. Und er war noch im Osten. Es war der 13. August 1961, ein Sonntag, und die Mutter stellte am Morgen das Radio an, wie immer.

Sie hatten die Nachrichten schon seit Wochen verfolgt. Jeden Tag meldete der Rias, wie viele Menschen die DDR wieder verlassen hatten. Seit dem Frühjahr wuchs die Zahl stetig. Die Berichte waren für den Westen Triumphmeldungen, für den Osten eine Schmach, und für Eugen waren sie ein Appell. Beeil dich, sagten diese Meldungen, Ulbricht wird sich das nicht mehr lange mit ansehen. Die da oben werden die Grenzen irgendwann schließen, das befürchteten alle. Er würde gehen müssen, das war Eugen klar. Und zugleich wollte er nicht gehen. Er wollte nicht fort von dem Haus in Wilhelmshagen am Rande Berlins, nicht von der Mutter, nicht von den Freunden, dem Hund „Arco“, den sandigen Wäldern.

Die Gerüchte machten längst die Runde. Eine Mauer, flüsterte man, sie wollen eine Mauer bauen. Eugen war 18. Er ahnte, dass etwas Wahres daran war. Aber so schnell, dachte er, werden sie das doch wohl nicht tun.

„Lass doch die Kiste aus“, sagte Eugen zu seiner Mutter, genervt von ihrem ständigen Drang, die Nachrichten zu verfolgen, alle politischen Neuigkeiten aufzusaugen und sich darüber aufzuregen. Die Mutter jedoch ignorierte sein ritualisiertes Murren. Die Meldungen, die sie an diesem Sonntag hörten, klangen ganz anders als in den Tagen zuvor, dramatischer. Von abgeriegelten Grenzen berichtete der Sprecher, von Bauarbeiten, die seit den frühen Morgenstunden im Gang seien. Es war die Nachricht, die Eugen und seine Mutter befürchtet hatten und die sie dann doch ganz unvermittelt traf. Sie waren vorbereitet, aber nun würde es vielleicht zu spät sein.

Eugen war immer der unbeschwerteste der fünf Brüder gewesen. Er war mitten im Krieg geboren worden, 1942, eineinhalb Jahre vor dem Tod des Vaters. An ihn hatte er keine Erinnerung, und seine Mutter verwandte alle Kraft darauf, ihn, dem in die widrigsten Umstände hinein Geborenen, von allen Schrecken fernzuhalten.

Ihrem vierten Sohn, Albrecht, dem vier Jahre Älteren, hatte sie verübelt, dass er nicht das lange ersehnte Mädchen geworden war. Sie hatte ihn in Mädchenkleider gesteckt und seine Haare wachsen lassen, in der anmaßenden Hoffnung, sie könne das Schicksal irgendwie korrigieren. Bei Eugen versuchte sie so etwas nicht, sie kam gar nicht auf die Idee. Er war für sie der Prinz, der die Älteren entthronte. Auf den Familienfotos aus den fünfziger Jahren strahlt er als Einziger so etwas wie Unbekümmertheit aus. Sosehr er die Älteren als Vorbilder empfand, vor allem Albrecht, den Schreiner, den Boxer, den Anführer einer Clique: Wo die anderen schon Männer wurden, blieb er noch Junge. Und diese Jungenhaftigkeit wurde ihm zur Haltung.

Er hatte sich vorbereitet. Ohnehin hatte er ja gehen wollen. Sein Koffer war schon drüben. Eine Woche vor dem Mauerbau, am 6. August, hatte er seine wichtigsten Dokumente und Sachen bereits in den Westen gebracht, in ein Zimmer in der Siemensstadt, das er gemietet hatte. Mit ein paar Freunden hatte er sich im Dunkeln über die Grenze geschlichen, in einer Laubenkolonie in Neukölln. Dann war er zurückgefahren, um sich zu verabschieden. Von seiner Mutter, den Freunden, der Heimat. Da kam die Nachricht vom Mauerbau.

Und doch verfiel er nicht in Panik. Es ist mir immer ein Rätsel gewesen, warum Eugen nicht auf der Stelle losgefahren ist. Aber so war er nicht. Vielleicht war es der Unwille, sich von den Mächtigen jenes Staates, dessen er so überdrüssig geworden war, irgendetwas diktieren zu lassen, und sei es nur den Zeitpunkt seines Aufbruchs. Vielleicht war es auch nur die Unbekümmertheit des Jüngsten, die Gewissheit, dass er es schon irgendwie schaffen würde. Jedenfalls lief er erst mal los, zu seinen Freunden.
„Los, kommt schon, ihr müsst mit“, sagt er. „Wer jetzt nicht geht, der bleibt hier ewig.“
Einige standen in der Tür und schüttelten stumm den Kopf. Andere waren schon weg.

Es ging für ihn nicht nur um Politik, wenn er mit seinen Lehrern und der Pionierleitung in der DDR in Konflikt geriet. Als er am 17. Juni 1953 vom Klassenausflug in die Woltersdorfer Berge abends nach Hause zurückkam – spät, weil die S-Bahn wegen des Streiks nicht fuhr –, da freute er sich, weil seine Mutter sich freute. Für sie war der Aufstand ein Hoffnungszeichen. Für ihn war es eher ein Spiel, bei dem endlich mal die Roten verloren.

Und als er später als Erntehelfer auf den Feldern Westlieder pfiff, ging es ihm nicht um Rebellion. Er mochte die Filme, aus denen sie stammten, er hatte sie mehrere Male im „Oppelner“ gesehen, dem Kino in Kreuzberg, in das er immer fuhr. 25 Westpfennig kostete eine Karte oder eine Ostmark. Wenn er seinen Onkel im Westteil besuchte, den Buchhändler aus der Tauentzienstraße, dann ging er eben auch ins Kino. Dass vermeintliche Freunde der Pionierleitung davon berichteten, dass er bald als „Bandenführer“ unter Beobachtung stand, dass ihn die Pionierleitung vorlud: Es war kein politischer Überzeugungskampf, der ihn dies in Kauf nehmen ließ. Es war eher jugendlicher Trotz. Auf die Oberschule, wo er das Abitur machen wollte, durfte er nicht. Angeblich waren seine Noten zu schlecht. Vielleicht waren seine Noten wirklich nicht gut genug. Vielleicht waren sie aber auch nur deshalb nicht gut genug, weil sie nicht gut sein sollten.

Eugen machte eine Lehre als Werkzeugmacher, arbeitete im Funkwerk Adlershof, dann suchte er sich eine Stelle im Westen. Bei Paul Sobansky fertigte er Werkzeuge, mit denen man Karosserieteile für Mercedes herstellte. Während er über die noch offene Grenze nach Charlottenburg pendelte, waren seine Brüder längst in alle Richtungen verstreut. Albrecht war als Seemann unterwegs. In Südamerika war er schon gewesen, in China und Südafrika, und zwischendurch besuchte er die Seefahrtsschule in Bremerhaven.

Detlev, der Oberliga-Handballer, der Ehrgeizige, der in der DDR um seine Karriere gefürchtet hatte, war seiner Liebe in den Westen gefolgt und hatte eine Stelle bei Mannesmann in Witten gefunden. Richard, der stets etwas weltentrückte Physiker, entwickelte in West-Berlin für Siemens Senderöhren. Reinhart würde im Osten bleiben. Er genoss ja auch die Reisen, er genoss Privilegien, er, der in der Schachnationalmannschaft der DDR spielte.

Jetzt hoffte Eugen, dass es für ihn nicht zu spät war.

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