Navigation:
HAZ-Shop AboPlus Online-ServiceCenter
Zeitleiste

Von den Neunzigern bis heute


Wiedervereinigung, Ende der Ära Kohl, Abschied von der D-Mark, die Terroranschläge vom 11. September: Ein Überblick über entscheidende Ereignisse der vergangenen 20 Jahre...
Die Wiedervereinigung ist besiegelt: Am 3. Oktober 1990 feieren Zehntausende ein Volksfest vor dem Reichstag.

Die Wiedervereinigung ist besiegelt: Am 3. Oktober 1990 feieren Zehntausende ein Volksfest vor dem Reichstag.

© Archiv

1990: Nach langen „Zwei plus vier“-Verhandlungen mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs ist nach 45 Jahren der Teilung der Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands frei. Besiegelt wird sie am 3. Oktober mit einem feierlichen Staatsakt, vor dem Reichstag feiern Zehntausende ein Volksfest – und Helmut Kohl firmiert fortan als „Kanzler der Einheit“.

1991: Die gute, alte Schallplatte verabschiedet sich auf Raten. In diesem Jahr werden in Deutschland erstmals mehr Compact Discs als herkömmliche Langspielplatten verkauft. Für die schwarzen Vinylscheiben beginnt ein Nischendasein: Ähnlich wie Stummfilme oder Schwarz-Weiß-Fotos haben sie unter Feinschmeckern eine Fangemeinde. Jährlich werden heute in Deutschland etwa 700.000 Schallplatten verkauft – gegenüber 150 Millionen CDs.

1992: Bei Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen stürmt ein rechtsradikaler Mob ein Asylbewerberwohnheim, in dem unter anderem mehr als 100 Vietnamesen leben. Das Gebäude wird völlig verwüstet. Ausländerfeindliche Anschläge und Übergriffe gibt es auch in Mölln und anderen Städten. Die Bundesrepublik verschärft das Asylrecht – und zugleich demonstrieren Hunderttausende mit Lichterketten gegen Ausländerfeindlichkeit.

1993: Die RAF verübt ihren letzten großen Anschlag. Die im Bau befindliche Justizvollzugsanstalt Weiterstadt wird am 27. März bei einem Bombenattentat zerstört. Sachschaden: rund 120 Millionen Mark. Im Juni sterben bei einem Schusswechsel in Bad Kleinen der Terrorist Wolfgang Grams und der GSG-9-Beamte Michael Newrzella. 1998 löst sich die RAF selbst auf. Als letzte Terroristin sitzt heute noch die in Bad Kleinen verhaftete Birgit Hogefeld in Haft.

1994: Mit hauchdünnem Vorsprung vor seinem Rivalen Damon Hill gewinnt Michael Schumaer als erster Deutscher die Formel-1-Weltmeisterschaft. Er widmet seinen Titel dem Brasilianer Ayrton Senna, der beim Großen Preis von San Marino tödlich verunglückt war. Bis zu seinem Karriereende 2006 wird er insgesamt sieben WM-Titel holen. Schumacher gilt als erfolgreichster Rennfahrer aller Zeiten.

1995: Microsoft-Chef Bill Gates bringt mit beispiellosem Werberummel das Betriebssystem „Windows 95“ auf den Markt – und für viele aus der wachsenden Gemeinde der Computerbesitzer bricht ein neues Zeitalter an. Microsoft baut mit dem Produkt seine Spitzenstellung im Softwarebereich aus. Die sechs Sekunden lange Startmelodie von Windows 95 hat der Musiker Brian Eno gestaltet – an einem Apple Macintosh.

1996: Die Deutsche Telekom geht an die Börse – und viele gehen mit. Auch Menschen, die noch nie etwas mit Aktien zu tun hatten, kaufen für 28,50 Mark die von Manfred Krug beworbenen und als „Volksaktien“ angepriesenen T-Aktien. Viele machen die Erfahrung, dass man an der Börse sowohl gewinnen als auch verlieren kann: Zeitweise notiert die T-Aktie bei über 100 Euro. Dann stürzt sie ab – und landet 2002 auf dem Stand von 8,42 Euro.

1997: Über die Großen, Reichen und Erfolgsverwöhnten lacht man besonders gern – und Daimler-Benz bietet dem Publikum dazu reichlich Gelegenheit. Die neue A-Klasse fliegt beim „Elchtest“, benannnt nach dem schnellen Ausweichen, wenn ein Tier auf die Straße tritt, buchstäblich aus der Kurve. Erst nach heftiger Kritik werden die ausgelieferten Autos zurückgerufen und nachgerüstet. Der Imageschaden ist enorm.

1998: Nach 16 Jahren Helmut Kohl wird wieder ein Sozialdemokrat Bundeskanzler. Der Hannoveraner Gerhard Schröder hatte als Kandidat der „neuen Mitte“ versprochen, „nicht alles anders, aber vieles besser zu machen“. Seine SPD holte bei der Bundestagswahl 40,9 Prozent, die Grünen kamen als Koalitionspartner auf 6,7 Prozent. Union (35,1), FDP (6,2) und PDS (5,1) sind in der Opposition. Außenminister wird Joschka Fischer, Finanzminister Oskar Lafontaine.

1999: Der 11. August ist ein besonderes Datum: Syrien hat diesen Mittwoch zum Feiertag ausgerufen, in Stonehenge feiern „Druiden“ alte Zeremonien, irritierte Brieftauben verirren sich – und Millionen Menschen schauen mit seltsamen Brillen zum Himmel. Bei der totalen Sonnenfinsternis schiebt sich der Mond komplett vor die Sonne. Enttäuscht sind anschließend allerdings ein paar Sektenführer und Wahrsager. Sie hatten den Weltuntergang prophezeit – und müssen sich damit anfreunden, dass sich die Erde weiter dreht.

2000: Die neue Serie ist der Fernsehaufreger des Jahres. Bei „Big Brother“ leben zehn Menschen in einem Wohncontainer, rund um die Uhr beobachtet von Kameras – und das Publikum darf missliebige Bewohner „rauswählen“. Kritiker monieren menschenverachtenden Voyeurismus. Und die TV-Nation bekommt Kurzzeitpromis wie den singenden Deutschmazedonen Zlatko oder die sehr blonde Dachdeckermeisterin Sabrina.

2001: Am 11. September verlieren die USA ihren Nimbus der Unverwundbarkeit. Von Islamisten entführte Flugzeuge rasen in die Türme des World Trade Centers in New York und ins Pentagon, eine weitere Maschine stürzt bei Shanksville in Pennsylvania ab. Bei den Anschlägen sterben mehr als 3000 Menschen; der Tag wird bald als historische Zäsur empfunden.

2002: Die D-Mark war der Stolz der Deutschen, der Ausweis ihrer wirtschaftlichen Potenz. Und seit dem 1. Januar ist sie Geschichte. Zwölf EU-Staaten führen den Euro ein. Der Verein für Deutsche Sprache mahnt, die kleinen Münzen als „Zent“ auszusprechen. In der Silvesternacht wird die Währung zuerst im französischen Überseegebiet La Reunion Zahlungsmittel, der Bürgermeister von Saint Denis kauft ein Kilo Litschis für 76 Cent.

2003: Mit rund 250.000 Soldaten marschieren die Amerikaner und ihre Verbündeten im Rahmen ihres „Kampfes gegen den Terror“ im Irak ein – begleitet von Massenprotesten besonders im alten Europa. Iraks Propagandaminister Mohammed Saeed al-Sahhaf wird zur unfreiwillig komischen Figur, als er am 7. April erklärt, es seien keine Amerikaner in Bagdad, während deren Panzer bereits durch benachbarte Straßen fahren. Massenvernichtungswaffen finden die US-Truppen im Irak allerdings nicht.

2004: Zehntausende von Menschen demonstrieren gegen „Hartz IV“: Sie fürchten, dass bei der Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum „Arbeitslosengeld II“ ein massiver Sozialabbau droht. Die Kritik richtet sich auch gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder und die „Agenda 2010“ seiner rot-grünen Bundesregierung.

2005: Papst Johannes Paul II. stirbt – und nach bewegenden Trauerfeierlichkeiten wird der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger sein Nachfolger. Benedikt XVI. kommt im August zum Weltjugendtag nach Köln und trifft dort auch CDU-Chefin Angela Merkel. Deren Partei wird bei den Bundestagswahlen im Monat darauf stärkste Kraft – und Merkel an der Spitze einer großen Koalition Deutschlands erste Regierungschefin.

2006: Als amtierender Vizeweltmeister geht die deutsche Mannschaft in die Fußball-WM, am Ende des Turniers im eigenen Land steht sie auf Platz drei – doch eine Verschlechterung fühlt sich anders an. Jürgen Klinsmanns Team beschert Deutschland einen schwarz-rot-goldenen Fußballsommer, der irgendwie dafür sorgt, dass die ganze Nation mit sich selbst ins Reine kommt. Auch, wenn am Ende Italien Weltmeister ist.

2007: Im Januar fegt der Orkan Kyrill über Europa hinweg – und hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Er fordert mehr als 30 Menschenleben. Der Winter ist der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, auch im Frühjahr gibt Rekordtemperaturen, weltweit kommt es zu Unwettern und Überschwemmungen – und die Gesellschaft für Deutsche Sprache wählt „Klimakatastrophe“ zum Wort des Jahres.

2008/09: Das Wort „Finanz-“ taucht plötzlich nur noch im Zusammenhang mit Skandal, Desaster oder Zusammenbruch auf. Vor allem aber mit Krise. Die US-Investmentbank Lehman Brothers bricht im September gleich ganz zusammen, andere Häuser stecken in massiven Schwierigkeiten. Massenhaft hatten Menschen Geld in Produkte investiert, die sie selbst nicht verstanden, und dabei auf märchenhafte Renditen geschielt. Jetzt platzt die Blase – und viele Banken und Firmen rufen nach dem Staat als Helfer.

Vorheriger Artikel
Voriger Artikel
Anzeige

Politik kompakt



Top