1970: Bundeskanzler Willy Brandt leitet seine „Ostpolitik“ ein. Bei seiner Visite in Warschau besucht Brandt auch das Getto-Denkmal – und fällt auf die Knie. Das Bild geht als symbolische Geste für Vergangenheitsbewältigung und Aussöhnung um die Welt. In Deutschland sind Brandts Politik und sein Kniefall hochumstritten. Doch im Jahr darauf wird der Sozialdemokrat mit dem Friedensnobelpreis geehrt.
1971: Der „stern“ startet eine Kampagne zur Liberalisierung des Abtreibungsrechts: Unter der Schlagzeile „Wir haben abgetrieben“ bezichtigen sich 374 Frauen selbst, gegen den Paragrafen 218 verstoßen zu haben. Darunter sind Stars wie Senta Berger, Romy Schneider oder Vera Tschechowa. Laut „stern“ treiben in der Bundesrepublik jährlich rund eine Million Frauen ab, obwohl darauf bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe stehen.
1972: Beim Henkel-Konzern hat jemand eine grandiose Werbeidee. Banale Spülmittelaufkleber werden fortan zu stilistischen Ikonen, zum Synonym für die grelle Buntheit eines Jahrzehnts: „Prilblumen“ prangen in den siebziger Jahren überall auf deutschen Kühlschranktüren und Küchenschränken – gerne in mutigen Farbkombinationen wie braun und orange.
1973: Die arabischen Staaten drehen den Ölhahn zu, weil westliche Staaten Israel im Jom-Kippur-Krieg unterstützt hatten. „Energiesparen“ und „Ölkrise“ werden zu Modewörtern. Bundesweit gilt für Autos an vier Sonntagen ein Fahrverbot. Auf Autobahnen und Hauptverkehrsstraßen tummeln sich Rollschuhläufer und Fußgänger. Eine Nebenwirkung der Krise: Man sucht verschärft nach alternativen Energien – wie der umstrittenen Atomkraft.
1974: Ein Jahr der Sensationen. Deutschland wird Fußball-Weltmeister, Muhammad Ali schlägt in Zaïre George Foreman, US-Präsident Richard Nixon und Bundeskanzler Willy Brandt treten zurück – doch mehr als all das revolutioniert eine Geschäftseröffnung in Eching bei München den Alltag der Deutschen: Dort eröffnet Ikea seine erste Filiale in Deutschland. Preiswerte, zerlegte Schwedenmöbel zum Selbstaufbauen dominieren bald ganze Wohnungen.
1975: Nach wochenlanger Trockenheit kommt es im August zu verheerenden Waldbränden in Niedersachsen. Um Celle, Lüchow-Dannenberg und Gifhorn werden 8000 Hektar Wald vernichtet, sechs Menschen kommen ums Leben. Die Bewohner von 30 Ortschaften werden evakuiert. Insgesamt sind während der Katastrophe rund 140.000 Helfer im Einsatz.
1976: Sie sind respektlos, aggressiv und provokant. Die Punkband „Sex Pistols“ bringt ihre Single „Anarchy in the UK“ auf den Markt – und schockiert das Establishment mit hämmernden Rhythmen und rüden Texten. Bei Konzerten kommt es immer wieder zu Krawallen. Punks mit bunten Irokesenfrisuren und Sicherheitsnadeln im Ohr gehören auch in deutschen Fußgängerzonen bald zum Straßenbild.
1977: Bundeskanzler Helmut Schmidt trotzt im „Deutschen Herbst“ der RAF. Terroristen entführen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und später die Lufthansa-Maschine „Landshut“. Schmidt geht auf ihre Forderungen nicht ein. Die GSG 9 stürmt die „Landshut“ in Mogadischu und befreit die Geiseln. Schleyer wird ermordet, die Terroristen Jan-Carl Raspe, Andreas Baader und Gudrun Ensslin begehen im Gefängnis in Stammheim Selbstmord.
1978: Prestigegewinn für die DDR: Der 41-jährige NVA-Oberstleutnant Sigmund Jähn ist der erste deutsche im All. Mit „Sojus 31“ reist er zur bemannten Raumstation „Saljut 6“, schließlich landen er und sein Team wieder sicher in der kasachischen Steppe. Das Regime feiert seinen Raumflug als Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus. Und in DDR-Witzen kursiert ein neuer Begriff für Weltraum: das „Jähnseits“.
1979: In den Großstädten breitet sich die Drogenszene aus, die Zahl der Süchtigen steigt. Die junge Christiane F. aus Westberlin schildert in dem Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, wie sie schon mit 13 Jahren Heroin nahm und dann auf dem Kinderstrich landete. Das Buch bewegt die Nation. Es wird zu einer Anklage gegen soziale Verelendung inmitten der Wohlstandsgesellschaft.
HAZ.de Anmeldung