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Teil 3 – Die 70er

Wie Detlev Fuchs von der Ölkrise profitiert

Von Thorsten Fuchs

Im dritten Teil seiner Familiengeschichte erzählt HAZ-Reporter Thorsten Fuchs, wie der Dritte der Brüder, Detlev, im Westen endlich seinen Ehrgeiz verwirklicht, promoviert und zum wichtigen Experten für den Bergbau wird.
Detlev Fuchs mit seiner Tochter, mit der er eine Sonderführung machte.

Detlev Fuchs mit seiner Tochter, mit der er eine Sonderführung machte.

© Fuchs

Podcast – 3. Teil

Und dabei hätte doch nun alles endlich gut sein können. Jetzt, da alles geschafft war. Da er, Detlev, erreicht hatte, was immer sein Ziel gewesen war. Die Uni hatte seine Arbeit angenommen, die Zeit der Entbehrungen war vorbei, jetzt würden sie reisen, würden mit ihrem Opel Rekord in die Alpen fahren, sich etwas leisten können, endlich.
Den Schmerz nahmen sie zuerst gar nicht ernst.

„Dieses Kopfweh“, sagte Renate manchmal am Abend, seine Frau. Aber was sollte das schon bedeuten, etwas Kopfweh halt, sie waren jung, gerade über 30, und die Welt stand ihnen offen. So dachten sie.

Die siebziger Jahre beginnen für Detlev, meinen Onkel, mit einem Triumph. Es ist der 29. April 1971, als er aus der Tür der Technischen Universität Clausthal-Zellerfeld her-austritt. Gerade hat er die mündliche Prüfung bestanden, seine Arbeit, „Beitrag zur Ermittlung des instationären Temperaturverlaufs in Guss und Kokille bei der Herstellung von Verbundrohren nach dem Schleudergießverfahren“, hatte er längst abgegeben, und somit dürfen ihn nun alle so nennen: Doktor Fuchs.

Fünf Jahre hat er dafür gearbeitet. Hat nach Feierabend und am Wochenende zu Hause aufgeschrieben, was er herausgefunden hatte. Fünf Jahre, in denen er seine Frau Renate und seine Tochter Niccola viel seltener gesehen hatte, als er es wollte. Manchmal hatten sie Pläne gemacht für die Zeit, wenn er seine Prüfungen hinter sich haben würde. Wohin sie reisen, was sie sich kaufen würden. Ein neueres Auto, einen Admiral vielleicht, statt des alten Rekord, den er seinem Schwager abgekauft hatte. Oder eine neue Wohnung, vielleicht sogar ein Haus statt der drei Zimmer in Bochum-Grumme, nicht weit von den Edelstahlwerken, wo er arbeitete.

Die Zeit mit der Doktorarbeit war ein Wechsel auf die Zukunft, eine Investition in Künftiges, und dieses „Später“, das seinem Leben manchmal innewohnte, war es ihm wert. Er zweifelte nicht daran. Es war ein wenig wie mit dem Land, in dem er lebte. Erst musste die Aufbauarbeit kommen, und später, nur ein wenig Geduld, würden sie belohnt, mit Zeit, mit Wohlstand. All dem waren sie nun, zu Beginn der siebziger Jahre, ganz nah. Und als er seine Doktor-Urkunde in den Händen hielt, da war dies auch wie die Versöhnung mit der Vergangenheit. Ein Triumph über jene, die ihm dies nicht zugetraut hatten. Müllkutscher – mehr, so hatten sein Großvater und seine Mutter gemeint, könne nicht aus ihm werden. Zu wenig würde er sich für das Lernen interessieren, glaubten sie, und zu viel für alles andere. Sie hatten sich getäuscht.

Immer wieder hatte er das Gefühl gehabt, dass für ihn andere Maßstäbe galten. Dass er mehr leisten musste als andere, um denselben Erfolg zu erringen. Mehr als seine vier Brüder zum Beispiel. Es gibt ein Zeugnis von ihm aus dem Jahr 1945. Neun Jahre alt war er da. Seine Mutter, meine Großmutter, hat es ausgefüllt. Die Familie war nach Wiegandsthal in Schlesien evakuiert worden und im September 1944 zurückgekehrt. In Berlin fielen Bomben, Heinz, der Vater, mein Großvater, war wenige Monate zuvor an der Ostfront gestorben. Bei „Betragen“ steht in dem Zeugnis: „Muss sich sehr steigern.“

Es ging bei diesem Zeugnis um nichts, sie, die ihn zum Teil selbst unterrichtete, hätte alles Mögliche eintragen können, es gab keine Kontrolle. Die Mutter aber gab ihm schlechte Noten. Es war ein Akt preußischer Strenge. Als würde sich die Treue zu Normen und Regeln gerade dort beweisen, wo niemand über die Einhaltung wacht.

Detlev aber kam es vor wie Willkür. Als müsse er häufig einen Nachteil überwinden, um das gleiche Maß an Anerkennung zu finden. Wie bei einem 100-Meter-Lauf, bei dem der eigene Startblock zehn Meter hinter dem der anderen steht. Er musste der Beste sein: Das war die Lehre, die er daraus zog.

Das Abitur macht er 1953 in Ost-Berlin als einer der Besten seines Jahrgangs. Es gibt ein Foto von seiner Prüfung: Er im Klassenraum vor seinen Lehrern, über ihnen das Porträt von Wilhelm Pieck, erster und einziger Präsident der DDR. Bei der Zeugnisübergabe ist Detlev der Einzige, der ohne Mutter dasteht. Er hatte ihr von den guten Noten nichts erzählt, es sollte eine Überraschung sein. Sie jedoch war einfach daheim geblieben.

„Hast halt Glück gehabt“, sagt sie zu ihm, als er ihr zu Hause von seinem Erfolg erzählt.
„Warum bist du nicht gekommen?“, will er wissen.
„Aber bei so guten Noten wäre ich doch gekommen“, sagt sie zu ihm.
„Das ist es ja gerade“, antwortet er wütend. „Du sollst nicht wegen meiner Noten kommen. Sondern wegen mir.“

Handball spielt er in der Oberliga, der höchsten Klasse der DDR, beim SC Motor Berlin. Sein Name steht in der Zeitung, er hat Erfolg bei den Frauen, und Zurückhaltung ist seine Sache nicht. Er verfügt über jene Art von Selbstbewusstsein, die Außenstehende leicht als Hochmut missdeuten. Dabei geht es nur darum, jenen imaginären Verdacht auszuräumen, seine Leistung könne nicht gewürdigt werden. Es ist wie ein beständiger Kampf um jene Aufmerksamkeit, die ihm in einer versehrten, vaterlosen Familie zwischen Kriegswirren, Überlebensringen und Neuanfang verwehrt geblieben war.

Es gibt aus dem Jahr 1960 einen kurzen Film in der Wochenschau des DDR-Fernsehens, in dem er auftaucht. Da arbeitet er nach dem Ingenieurstudium an der Humboldt-Universität beim VEB Bremsenwerk; der Bericht beschäftigt sich mit einem neuen Bremszylinder für Züge. In einer Einstellung untersuchen zwei ältere Kollegen das Zugrad, da kommt ein junger Kollege dazu und beugt sich über die beiden. Das ist Detlev. In euphorischem Duktus rühmt der Sprecher die Entwicklungen des Kollektivs. „Einer unserer Besten“ lautet die Überschrift, unter der die Betriebszeitung über ihn berichtet.

Es hatte in der DDR nach einer glänzenden Karriere für ihn ausgesehen. Bis alles ein abruptes Ende nahm. Ein Lehrgang in Moskau, notwendig für seinen weiteren Weg, zu dem er jedoch nicht zugelassen wurde. Nicht die richtige Herkunft, hieß es. Kein Kind der Arbeiterklasse.

„Hier gibt es keine Zukunft für mich“, dachte Detlev. „Nicht in solch einem Staat.“
Im August 1960 ging er in den Westen, nach Bochum. Ein Neuanfang. Gut, er hatte sein Studium, es gab dort eine Frau, die er liebte, Renate, und bald auch eine Stelle, bei Mannesmann in Witten, als einziger Protestant unter lauter Katholiken. Aber was seine Karriere anging, fing er wieder von vorn an. Bei null. Er war zurückgeworfen auf den Stand eines Neulings. Seine ostdeutsche Herkunft war wie ein Nachteil, den er erst mal auszugleichen hatte. Wieder so ein Nachteil.

Aber jetzt, 1971, hat er es geschafft. Doktor Fuchs. Es gibt Angebote von anderen Firmen. Anfragen für Aufsätze, für Vorträge. Er feiert den Abschluss in den „Fiege-Stuben“, einem bürgerlichen Gasthaus in Bochum. Ein kleiner Kreis, nur seine engsten Kollegen von den Edelstahlwerken sind dabei. Und Renate, seine Frau.

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