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Teil 5 - 1989 bis heute

Wie Reinhart die Wiedervereinigung erlebt


Im fünften und letzten Teil seiner Familiengeschichte erzählt HAZ-Reporter Thorsten Fuchs von Reinhart, der als Einziger der Brüder in Ost-Berlin geblieben war, und nun zwiegespalten den Zusammenbruch der DDR mitansieht.
Familientreffen zur Wendezeit: Erna Fuchs mit ihren Söhnen (von links) Detlev, Richard, Albrecht, Reinhart und Eugen.

Familientreffen zur Wendezeit: Erna Fuchs mit ihren Söhnen (von links) Detlev, Richard, Albrecht, Reinhart und Eugen.

© Fuchs

Podcast Teil 5

Ihre Wut wächst mit jedem Schlag. Als würde ihr der Widerstand, den dieser schon so angenagte Rest an Mauer ihren Hieben entgegensetzt, all die Erlebnisse wieder ins Gedächtnis rufen, die Ohnmacht, die erlittenen Demütigungen, die Verzweiflung. Niemand sagt ein Wort, nichts ist zu hören, nur das dumpfe Pochen des Steins, der auf Beton trifft, wieder und wieder.

Dabei hatte alles mit einem Jux begonnen, einer scherzhaften Idee. „Los, Mama, nimm doch auch mal so einen Brocken in die Hand“, hatte Eugen, ihr jüngster Sohn, zu Erna gesagt, als sie bei ihrem Spaziergang an dem Mauerstück ankamen. Es ist ein Januartag des Jahres 1990. Meine Großmutter ist gerade 81 Jahre alt geworden. Wie überall hatten Arbeiter auch hier in Steinstücken damit begonnen, die Mauer abzubauen – oder auch nur das, was jene, die „Mauerspechte“ genannt wurden, übrig gelassen hatten.

Steinstücken, das war eine Siedlung im Südwesten Berlins, nur ein paar Dutzend Häuser groß, die weit ins DDR-Gebiet hineinreichte und mit West-Berlin über eine Korridorstraße verbunden war, einen Kilometer lang, mit Mauer und Grenzposten auf beiden Seiten. Ein Kuriosum, zu dem wir bei Familientreffen in Berlin häufig fuhren, wie um uns den Irrsinn noch einmal zu vergegenwärtigen, der auch unsere Familie zerrissen hatte.

Hier also wollte Eugen sein Foto machen, wohl wissend, dass Erna von allein nie einen Stein in die Hand genommen hätte. Natürlich hatte sie im Fernsehen die Menschen gesehen, die mit Hammern und Hacken auf die Mauer eingeschlagen hatten und dann mit triumphierendem Lächeln Stücke in die Kamera hielten. Sie mochte diese Bilder, doch zugleich schien ihr derlei Tun zu grob, zu enthemmt, zu trunken. Als sie nun selbst mit dem Stein in der Hand vor der Mauer steht, schaut sie mit unsicherem Lächeln zu Eugen hinüber und zögert. Nach dem ersten Schlag sieht sie prüfend auf die Stelle, die sie getroffen hat. Als nichts zu erkennen ist, holt sie erneut aus. Das Lächeln weicht wütendem Ernst. Frieda, ihre Schwester, schaut mit einer Mischung aus Unglauben und Erstaunen zu ihr hinüber. Wie jemand, der versetzt wurde, aber viel zu überrascht ist, um verärgert zu sein.

„Lass mal gut sein, Mama“, ruft Eugen, als er sein Foto längst gemacht hat. „Den Rest erledigen die Bagger.“

Damals fällt es Eugen nicht leicht, sich diesen Ausbruch zu erklären. Schien seine Mutter in den vergangenen Jahren nicht sehr viel ruhiger geworden zu sein? Hatte ihr unbändiges Wüten gegen diesen anderen deutschen Staat nicht langsam an Kraft verloren, seit sie 1965 ausgereist und nach West-Berlin gekommen war? Und gehörte der Ärger über die Mauer seit jenem 9. November 1989 nicht ohnehin zu einer anderen Epoche?

Im Rückblick betrachtet, fiel jener Januar 1990 bereits in jene Zeit, in der meine Großmutter die Kraft ihres Geistes allmählich verlor. Sie sollte zwar noch neun Jahre leben, die letzten davon jedoch verbrachte sie in der Abgeschiedenheit verwirrter Sinne. Was wir als Altersmilde sahen, war im Grunde bereits Teil ihres Rückzugs von der Welt. Ihr scheinbar verspäteter, rätselhaft maßloser Zorn aber erscheint heute als ein Moment größter Klarheit. Als hätte sie geahnt, dass trotz der Öffnung der Grenzen diese Mauer längst noch nicht gefallen war. Dass sie weit länger bestehen würde, als es den Anschein hatte, wenn auch auf eine andere Art. Nicht sichtbar, nicht mehr aus Stein, aber zwischen den Menschen, auch in ihrer Familie. Diese Schläge auf die Reste der realen Mauer: Heute erscheinen sie wie ein verzweifelter, hellseherischer Akt. Als könnte sie so zerstören, was sich nicht zerstören ließ.

Von ihren fünf Söhnen war einer im Osten geblieben. Reinhart, der zweitälteste. Der Schachspieler. Der, den die anderen auch schon mal den „roten Reinhart“ nannten, weil er als Einziger die DDR verteidigte. Seine vier Brüder waren nach und nach geflohen, der letzte, Eugen, am Tag des Mauerbaus. Er jedoch, Reinhart, wohnte noch immer in jenem Haus in Wilhelmshagen, am Rand Ost-Berlins, in dem sie alle aufgewachsen waren. Dort, wo sich im Wohnzimmer nach dem Krieg das Pflegebett des alten Großvaters, des früheren Reichsbankdirektors, befand, stand nun der Fernseher. Als Reinhart am Abend des 9. November den SED-Vertreter Günter Schabowski auf dem Bildschirm sieht, schaut er seine Frau ungläubig und unschlüssig an.
„Der Ministerrat der DDR hat beschlossen, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden“, sagt Schabowski im Fernsehen.
„Und was bedeutet das nun?“, fragt Reinhart.
Er bekommt keine Antwort.
Nicht lange danach zeigt das Fernsehen die Ersten, die mit ihren Trabis oder zu Fuß die Grenzposten passieren. Johlen, Hupen, euphorische Gesichter. Später am Abend hält es auch seine Töchter, die noch bei ihm wohnen, nicht mehr daheim.
„Das ist so unglaublich, das müssen wir sehen“, sagen sie und steigen in die S-Bahn Richtung Innenstadt.
Reinhart bleibt zu Hause. Er bleibt auch in den nächsten drei Tagen zu Hause, als die Menschen aus allen Teilen der Republik in das Zentrum Berlins strömen, zum Brandenburger Tor, auch ich bin damals mit einem Freund sofort aufgebrochen. Ihm, Reinhart, herrscht dort zu viel Trubel. Er mag keinen Trubel. Er mag auch keine Massen. Er mag Stille. Und er fragt sich, was das, was nun geschieht, für ihn bedeutet.
Schließlich ist die DDR sein Land. Das Land, in dessen Namen er antrat, bei Spielen und Turnieren. Das Land, das er verteidigte, wenn seine Brüder und seine Mutter viel besser zu wissen glaubten, welches der richtige Weg, das bessere System war. Das Land, das ihm ermöglichte, seine kindliche Entdeckung zu einem Beruf zu machen. Und jetzt? Was geschah jetzt?

Reinhart war zehn Jahre alt gewesen, als er im Bücherschrank seines Vaters ein Buch fand. „Lehrbuch des Schachspiels“ hieß es, von Jean Dufresne, einem Berliner, und es handelte von jenem Spiel, dessen Regeln er längst kannte, aber das ihm hier auf eine ganz neue Art erschien. Nicht mehr um schnelles Schlagen ging es hier, sondern um Strategien, um Finten, darum, die Ideen des Gegners zu erahnen und ihnen eigene entgegenzusetzen. Dieses Spiel, das verstand er, war eine eigene Welt, in der es Eleganz und Aggression, Schönheit und Niedertracht gab. Es fiel ihm leicht, sich in diese Welt hineinzudenken, sie zog ihn geradezu an. Mochten seine Brüder boxen wie Albrecht und Eugen, mochten sie Handball spielen wie Detlev oder elektrische Geräte basteln wie Richard, mochten sie ihn für seine Selbstvergessenheit manchmal belächeln, wenn er so scheinbar weltentrückt über das schwarz-weiße Brett gebeugt saß – Reinhart spielte Schach.

Es ist das Jahr 1952, Reinhart ist 17 Jahre alt, da fährt er mit den Betreuern vom Schachklub Oberschöneweide nach Westdeutschland, nach Sigmaringen an der Schwäbischen Alb. So weit war er noch nie von zu Hause weg. Er gewinnt eine Partie, dann die nächste und auch alle weiteren, und am Ende ist er gesamtdeutscher Jugendmeister. Als Preis erhält er ein Gemälde mit einer Burg darauf. „Unser Schloss“, sagt der ältere Herr, der ihm gratuliert, mit feierlichem Ernst, „Schloss Sigmaringen.“

Der Mann hat das Bild auf der Rückseite unterschrieben, so kann Reinhart später noch mal nachschauen, wen er da überhaupt vor sich gehabt hatte. Friedrich Viktor Prinz von Hohenzollern-Sigmaringen. Na großartig, dachte Reinhart. Er hörte schon das Feixen seiner Brüder. Ausgerechnet er, der in all den Diskussionen nicht müde wurde, den Arbeiter-und-Bauern-Staat DDR zu verteidigen, bekam das Gemälde eines westdeutschen Altadligen als Preis. Welche Ironie. Aber er würde es aufhängen, natürlich. Sein Stolz auf den Preis war ungleich größer als die Treue zu seinen ideologischen Prinzipien. Er war Schachspieler, kein Politiker.

Im Jahr darauf revoltieren am 17. Juni in Ost-Berlin die Arbeiter. Sie streiken, demonstrieren, Panzer fahren auf, es fallen Schüsse. Es ist das Jahr, in dem Reinhart zum ersten Mal DDR-Meister im Schach wird.

Drei Jahre später, 1956, er war gerade zum zweiten Mal DDR-Meister geworden, schickte ihn die DDR zur Schacholympiade nach Moskau. Der wichtigste Schachwettbewerb der Welt. Und er war dabei. Er sah sich, wie er als Junge das Schachbuch seines Vaters aus dem Regal zog und über die geheimnisvollen Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen staunte, die er darin entdeckte. Und jetzt spielte er gegen all die Großen, deren Partien er so oft im Geiste nachgespielt hatte. Bei der nächsten Olympiade wurde er erneut nominiert. Und dann wieder. Insgesamt sechsmal war er zwischen 1956 und 1966 dabei, in München, Leipzig, Warna, Tel Aviv und Havanna. Mochten viele andere in der DDR höchstens bis Hiddensee gelangen, er reiste als Schachspieler um die Welt.

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