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Teil 1 – Die 50er

Zwischen Entnazifizierung und deutscher Teilung


Das Alte war verloren – das Neue war unsicher: Deutschland in den fünfziger Jahren. HAZ-Reporter Thorsten Fuchs erzählt ein Stück Familiengeschichte, das gleichzeitig ein Stück deutsche Geschichte ist.
1953: Die Büder Richard, Reinhart, Detlev, Albrecht und Eugen mit ihrer Mutter.

1953: Die Büder Richard, Reinhart, Detlev, Albrecht und Eugen mit ihrer Mutter.

© Archiv

Podcast – 1. Teil

Als gehörten sie nicht zusammen. Die fünf Jungen stehen eng beieinander, sie tragen ähnliche Kleidung und ähnliche Züge, und doch scheint es, als verbinde sie nur Zufälliges, als strebten sie alle in unterschiedliche Richtungen. Dass diese Fünf Brüder sind, die Frau in der Mitte ihre Mutter ist: ein ferner Gedanke. Vielleicht hat der Fotograf einen ungünstigen Moment getroffen, könnte man vermuten, vielleicht hätte er seine Aufnahme nur richtig ankündigen müssen, und schon kurz darauf hätten alle ganz anders in die Kamera geschaut. Aber dem war nicht so.

Der Fotograf hat an jenem Sommertag eine ganze Reihe von Aufnahmen gemacht, aber die Stimmung ist auf allen Fotos gleich. Da ist Richard, der Älteste mit den zur Tolle gekämmten Haaren und der Lederhose, deren Eigenartigkeit sein Desinteresse für bloß Äußerliches und Scheinbares verrät. Da ist Reinhart, der Zweitälteste, den Blick stets gesenkt, ganz ähnlich, wie er später auf die Schachbretter vor sich schauen wird. Detlev, der Mittlere, in dessen offenem, selbstbewussten Blick etwas Vorwärtsdrängendes, Ehrgeiziges liegt. Albrecht, der Vierte, dessen Augen in die Ferne gerichtet sind, als sei er in Gedanken längst woanders. Schließlich Eugen, der Jüngste, einen Kopf kleiner als die anderen, der die Posen der Großen imitiert und für den doch alles vor allem ein Spiel zu sein scheint.

Sie müssen alle eines der Fotos als Geschenk erhalten haben, denn jetzt, fast 60 Jahre später, als ich sie in Berlin und Dortmund, in Bremerhaven und München besuchte, dort also, wo sie heute leben, hatten sie alle eines davon in ihren Alben. Es sind Fotos, die sich in Details voneinander unterscheiden und die doch im Grunde dasselbe zeigen. Fotos, die noch auf den alten Regeln gründen, den Traditionen: Man fertigt Familienfotos, und im Garten des Hauses stellt man sich dafür auf.

Darunter jedoch, unter dieser Oberfläche, war etwas zerbrochen. Etwas, das sich nicht so einfach kitten ließ wie eine entzweigebrochene Schale. Es gab lauter Einzelteile, und wo sie ihren Platz finden würden: Niemand hätte es sagen können. Sicher war nur, dass die alte Ordnung, die alten Plätze nicht mehr existierten. Das Alte war verloren. Das Neue war unsicher.

Das Foto ist im Garten des Hauses in Wilhelmshagen im Osten Berlins aufgenommen, es stammt aus dem Jahr 1953. Da ist Erna, meine Großmutter, die Frau, die auf dem Bild einen schwarzen Rock trägt und ein schwarzes Hemd unter dem Pullover, seit neun Jahren Witwe. Der Tod meines Großvaters, ihres Mannes, hatte sie erschüttert, aber nicht überrascht. Eher war es eine angekündigte Katastrophe. „Jetzt fahre ich ins Massengrab“, hatte Heinz gesagt, als er im Herbst 1943 in den Zug Richtung Ostfront stieg. Er starb dann nicht in einer Schlacht, sondern infizierte sich mit einem Fieber.

Noch viele Jahrzehnte später erzählte meine Großmutter bei Familienfeiern von seinem letzten Brief aus dem Lazarett. „So schwach war er da schon“, sagte sie dann, und die Gespräche und das Klappern der Tassen an der Kaffeetafel erstarben, als seien diese Worte ein geheimes Kommando. „So schwach, dass er nicht mal mehr unterschreiben konnte. Sein ‚Heinz‘, das war nur noch eine krakelige Welle.“

Auch wir Enkel schwiegen, eher betreten als betroffen. Wir spürten den Ernst dieses Moments, die Mischung aus Überdruss und Mitleid der Erwachsenen. Aber wir verstanden nicht, was die Worte bedeuteten, so wenig wie unsere Väter, als sie selbst noch Kinder waren und sie die Nachricht erreichte. Als Ende Januar 1944 zwei Boten vor der Tür des Hauses in Berlin standen, spielte Detlev, der mittlere der Söhne, in einer Pfütze vor dem Haus.

„Wir haben eine traurige Mitteilung zu machen“, sagte einer der Männer zu Erna, meiner Großmutter. „Ihr Mann ist gefallen – für Führer und Vaterland.“ Detlev sah nur kurz auf. Dann spielte er weiter.

Der Tod meines Großvaters war das Ende einer zu Beginn ungleichen Ehe. Auf der einen Seite Erna, Krankenschwester, Tochter eines Werftarbeiters aus Kiel. Auf der anderen Seite Heinz, der junge Jurist, Sohn eines Reichsbankdirektors, aufgewachsen in einer Villa in Berlin-Schöneberg. Kennengelernt hatten sie sich, als er durch Holstein wanderte und sie einen Sonntagsausflug machte. Als sie am 16. Oktober 1932 heirateten, gab es Zanderschnitte mit Krebsschwänzen und Rehrücken in Sahnetunke.

Ernas Vater war das vornehme Ambiente so suspekt, dass er der Hochzeit fernblieb. Erna musste ihre Schwiegermutter zeitlebens siezen. Der Schwiegervater aber muss die junge Frau aus dem Norden geschätzt haben. Zur Hochzeit schenkte er dem Paar das Haus, das er sich als Sommerdomizil am Stadtrand hatte bauen lassen. Die Möbel hatte er selbst ausgesucht, Mahagoni und Palisander, Bauhausstil. „Nehmt das mal“, sagte er. „Und sagt nicht so oft ‚Danke‘. Haltet’s in Ehren, das langt völlig.“

Alles schien gut, und die Probleme, die das Aufkommen der Nazis ihnen bereitete, verbanden sie nur noch stärker miteinander. Ernas Schwiegervater, der Reichsbankdirektor, wurde 1933 entlassen. Die „Times“ schrieb, dass er den Hitler-Gruß verweigert habe, als das Direktorium das Horst-Wessel-Lied sang. Ihr Mann Heinz, mein Großvater, musste 1936 sein Amt als Richter am Landgericht Moabit räumen, weil er mit manchen seiner Urteile bei den Nazis Anstoß erregt hatte. Aber immerhin fand er rasch neue Arbeit als Justiziar eines Unternehmens.

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1943, aufgenommen, kurz bevor er ins Massengrab fuhr. Mit seinen Söhnen ist er darauf zu sehen, der fünfte ist noch ein Baby. Einer der Jungen spannt einen Bogen, ein anderer sieht ihn bewundernd an, der Vater kniet mit ihnen auf dem Rasen, lächelt, eine Spielszene. Es ist das letzte Foto, das von ihm und seinen Kindern existiert. Es liegt, so düster die Zeiten auch waren, in denen es aufgenommen wurde, etwas Unbeschwertes in diesem Bild, ganz anders als auf den Nachkriegsbildern. Da scheint es, als schwebe etwas Bedrückendes über ihnen, etwas Unsichtbares und doch Mächtiges.

Als der Krieg vorüber war, als die fünfziger Jahre anhoben und eine gänzlich neue Zeit zu beginnen schien, da fehlte nicht nur Heinz, der Vater, mein Großvater. Es fehlte auch Anna, Ernas Mutter, meine Urgroßmutter. Sie war eine jener Tausenden psychisch Kranker, die die SS 1944 im Landeskrankenhaus Meseritz in Brandenburg ermordet hatte. Es fehlte Line, die Mutter von Heinz, meine andere Urgroßmutter, die nach einem Luftangriff 1944 in den Trümmern der Schöneberger Villa gestorben war.

Ihr Mann, Richard, der Bankier, erlebte das Kriegsende immerhin noch, aber was nun begann, war nicht mehr seine Zeit. Mochte er auch spätestens seit seiner Entlassung allen Grund haben, die Nazis zu verachten und über das Kriegsende, das ja auch eine Befreiung bedeutete, erleichtert zu sein – tatsächlich verwand er nie den Zusammenbruch 1945, die Niederlage seines Deutschlands. Seine Resignation spiegelte sich in seinem körperlichen Verfall. Apathisch, die Decke über die Beine gebreitet, saß er in seinem Sessel im Wohnzimmer.

Nach dem Krieg fuhren britische Offiziere vor dem Haus in Wilhelmshagen vor. Für den Aufbau der neuen Bank deutscher Länder, den Vorläufer der Bundesbank, wollten sie ihn gewinnen. Schließlich kannte man ihn auch in England, seine Unterschrift fand sich während der Weimarer Republik auf den Geldscheinen, und oft war er zu Verhandlungen in England.

Nun jedoch winkte er ab, er wollte nicht mehr zur Verfügung stehen. Bevor sie aufbrachen, nannte er den Engländern noch die die Namen früherer Schüler und Kollegen, vertrauenswürdiger Leute. Wilhelm Vocke zum Beispiel, der dann erster Präsident der neuen Bank wurde. Es war so etwas wie sein Gruß an die Republik, die im Westen im Mai 1949 entstehen, aber deren Gründung er nicht mehr erleben sollte.

Und so ist Erna mit den fünf Söhnen allein, als das Foto im Garten entsteht, so, wie sie während der gesamten fünfziger Jahre mit ihnen allein war. Es gab in der DDR keine staatliche Unterstützung für sie, sie lebten von dem, was die Grundstücke im Brandenburgischen, die sie geerbt hatten, ihnen eintrugen. Es wäre wohl verständlich gewesen, wenn sie sich allein auf das Überleben konzentriert und für alles andere nicht interessiert hätte. Aber so war es nicht.

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