Voll ist es am Infostand der Demokratiebotschafter, die gestern in der Bahnhofstraße Station machten. Und ein alter Herr im gestreiften Hemd wettert auch gleich los: „Ich gehe dieses Jahr nicht wählen. Die nehmen uns kleinen Leute doch aus wie die Weihnachtsgänse“, sagt der Rentner wütend. Kerstin Plehwe bleibt gelassen. Um mit ihren Demokratiebotschaftern fürs Wählen zu werben, ist die Vorsitzende der überparteilichen Initiative ProDialog schon seit Anfang September in ganz Deutschland unterwegs – und dabei schon vielen politikverdrossenen Menschen begegnet. „Wenn Sie nicht wählen gehen, dann können Sie aber auch nichts ändern“, antwortet sie dem wütenden Mann.
28 Prozent der Wahlberechtigten, so hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts dimap ergeben, sind sich derzeit noch unsicher, ob sie am 27. September ihre Kreuzchen machen werden. „Wir rechnen mit einer niedrigeren Wahlbeteiligung als bei der letzten Bundestagswahl“, meint Plehwe. Um das zu verhindern, fahren die Demokratiebotschafter, die mit drei Ehrenamtlichen gestern in die Bahnhofstraße gekommen sind und auch einen Abstecher bei Oberbürgermeister Stephan Weil im Rathaus gemacht haben, einiges auf. Aus ihrem mit einem pinkfarbenen Kreuz bemalten Tourbus holen sie Informationsbroschüren zur Wahl, einen großen Karton Grundgesetze, jede Menge Infobroschüren, Ansteckbuttons und Luftballons mit einem dicken Wahlkreuz heraus. Die überparteiliche Initiative aus Berlin, die sich durch die Kooperation mit Unternehmen wie der Post, der Internetplattform StudiVZ oder der Bundeszentrale für politische Bildung finanziert, macht sich auch im Internet mit zahlreichen Aktionen fürs Wählen stark – und versucht so, weitere Demokratiebotschafter zu gewinnen. Mit Erfolg: Rund 5000 Leute laufen bisher im Demokratiebotschafter-Shirt herum, werben bei Freunden für die Wahl, twittern im Internet oder gründen eine Facebook-Gruppe. Auch Prominente machen mit. Tatort-Kommissar Klaus Behrendt etwa oder Entertainerin Désirée Nick.
Jan-Hauke Glitza aus Hannover wusste von all diesen Aktionen bis gestern nichts. Als Erstwähler ist er trotzdem am Infostand stehen geblieben. Dort unterhält er sich mit Manuel Müller, dem Maskenbildner aus Berlin, der sich extra ein paar Wochen freigenommen hat, um mit den Demokratiebotschaftern durch alle 16 Bundesländer zu touren. „Man muss wählen gehen, damit die Extremisten keine Chance haben und die Politiker wissen, was die Menschen wirklich wollen“, sagt der Fachoberschüler aus Hannover. Ob er auch ein Demokratiebotschafter werden wolle? Klar will er – und lässt sich gleich mit Demokratiebotschafter-Shirt und Ansteckbutton für die Fotowand ablichten. „Ich werde Freunde anspornen, auch wählen zu gehen“, sagt der 18-Jährige. Derweil wird es laut am Infostand. Ein junger Deutsch-türke mit Glitzerstein im Ohrläppchen fordert stimmgewaltig: „Wählt alle die SPD, damit die Rechtsextremen nicht die Wahl gewinnen.“ Ein Punker mit einer Flasche Lindener in der Hand, Nietenarmbändern am Handgelenk und rot-grünkarierter Hose nickt zustimmend. „Man, du hast echt recht“, sagt er. Dann wendet der Punk sich wieder seinen Unterlagen zu, überlegt, wie er den Halbsatz „Demokratie ohne Wähler ist wie ...“ ergänzen kann. Schließlich gibt es 100 Euro zu gewinnen. „Chaostage ohne Punks“, sagt er.
„Die jungen Menschen sind viel weniger politikverdrossen, als man annimmt“, erzählt Demokratiebotschafterin Christiane Köster. Auf ihren Streifzügen durch die deutschen Großstädte hat die Psychologin festgestellt, dass Jugendliche große Lust haben, etwas zu bewegen. Von Politikern enttäuscht sei eher die Generationen 35 plus. „Die sind oft misstrauisch, glauben, dass die Parteien sowieso alle das Gleiche machen.“ Aber es gilt auch, viele Fragen zu beantworten: Wofür stehen die Kreuze auf dem Wahlzettel, welche Parteien stehen zur Wahl, wie unterscheiden sich die Parteiprogramme? „Wenn jemand nach einem Gespräch mit mir sagt, ,Sie haben recht, ich gehe doch wählen’, dann lohnt sich die ganze Arbeit“, sagt Christiane Köster.
von Julia Sellner
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