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Politikunterricht

Grundrechte im Galopp


Im Politikunterricht findet die Bundestagswahl kaum Erwähnung – dafür ist der Lehrplan zu voll.
Weil Wirtschaft auf dem Lehrplan steht, muss das Thema Wahlen an der Ricarda-Huch-Schule im Eiltempo abgehandelt werden.

Weil Wirtschaft auf dem Lehrplan steht, muss das Thema Wahlen an der Ricarda-Huch-Schule im Eiltempo abgehandelt werden.

© Nico Herzog

Max interessiert sich für den Ausstieg aus der Atomenergie, Johanna wählt nach Sympathie und Conny wünscht sich, dass Bildungsthemen auf der Agenda der Parteien nach oben rutschen. „Das Problem ist doch, dass die Parteien ihre Wahlversprechen nicht halten“, sagt ein anderer Schüler, der lieber nicht mit Namen in der Zeitung stehen möchte. Er trägt Dreadlocks und ein schief sitzendes Käppi auf dem Kopf – und will über die Berichterstattung von Medien in Wahlkampfzeiten diskutieren.

Doch viel Zeit bleibt den Erstwählern aus dem Politik- und Wirtschaftskurs der hannoverschen Ricarda-Huch-Schule nicht, um über Parteiprogramme und die Themen zu sprechen, die sie kurz vor der Bundestagswahl beschäftigen. Denn eigentlich steht bei den Elft- und Zwölftklässlern heute nicht die Wahl, sondern „Wirtschaftssysteme“ auf dem Stundenplan. „Seit der Einführung des Zentralabiturs können wir es uns nicht mehr erlauben, aktuelle Themen ausführlich zu behandeln. Wir müssen die Schüler vor allem auf die Prüfungen vorbereiten“, sagt Politiklehrer Klaus Fick.

Also gibt es Wahlunterricht im Schnelldurchgang: In einer einzigen Stunde spricht Fick mit Conny, Johanna und den anderen über Direkt-  und Überhangmandate, Wahlkreise und die Fünfprozenthürde, schreibt die Bedeutungen von Erst- und Zweitstimme an die Tafel und stellt Fragen zu der Zahl der Sitze im Bundestag. Immer wieder schnellen die gleichen Finger in die Höhe. Wer nicht ohnehin schon gut über die Wahl Bescheid weiß, der kommt bei diesem Tempo offenbar nicht mit – obwohl das Wahlsystem schon einmal in der Mittelstufe auf dem Stundenplan stand. „Wenn ich mich nur im Unterricht über die Wahl informieren würde, dann wüsste ich kaum etwas über die Parteien und würde nicht wählen gehen“, sagt der 19-jährige Conny. Weil er aber viel von Eigenverantwortung hält, hat er schon vor der Europawahl angefangen, sich durch die Internetseiten der Parteien zu klicken, hat sich einen Auftritt von Merkel angesehen, liest Zeitungen, schaut politische Sendungen – und scheint damit unter den Schülern zu einer politisch besonders engagierten Minderheit zu gehören.

„Jugendliche interessieren sich schon für politische Themen wie die Globalisierung oder den Klimawandel, weniger aber für Parteien“, sagt Bernd Overwien, Professor für Politikdidaktik an der Universität Kassel. Gerade weil heute nicht mehr davon ausgegangen werden könne, dass Politik in der Familie am Abendbrottisch diskutiert wird, seien die Schulen in der Pflicht, intensiv über anstehende Wahlen zu informieren. „Schließlich sind diese wesentlicher Bestandteil unserer Demokratie.“

Und so heißt es dann auch aus dem niedersächsischen Kultusministerium, das Kerncurriculum lasse genügend Spielraum, Themen wie die Finanzkrise, den Afghanistaneinsatz oder eben die Bundestagswahl aufzugreifen. Doch in der Realität, in der Lehrer über unflexible Lehrpläne und Stundenkürzungen im Fach Politik-Wirtschaft klagen, ist dieser Spielraum oft verschwindend gering.

„Es ist frustrierend, so wenig Möglichkeiten zu haben, aktuelle Themen einzuschieben“, sagt Peter Zirkler, Politiklehrer an der Käthe-Kollwitz-Schule. Auch blieben wegen des engen Stundenplans oft spannende Unterrichtseinheiten wie Planspiele, Exkursionen oder Diskussionsrunden auf der Strecke, meint Bildungsexperte Overwien.

„Es ist bald Wahl, und wir müssen nur daran denken, den Stoff abzuarbeiten“, sagt Laura aus dem Politikkurs der Ricarda-Huch-Schule wütend. Doch viel Zeit, sich zu ärgern hat sie nicht – dafür ist der Lehrplan einfach viel zu voll.

von Julia Sellner

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  • Traurig abi2011 – 23.09.09
    Traurig, dass es soweit kommen musste. Aber ich kann die Vorgänge aus Erfahrung bestätigen, wenn sich ein Lehrer für solche Themen wie die Budnestagswahl Zeit nimmt, hinkt man dem Stoff schnell hinterher, und das kann beim Abi ein gewaltiges Problem werden. Leider muss ich so deutlich sagen: Danke, Zentralabitur, danke, CDU! Aber: Es ist nicht zu spät, den Irrtum rückgängig zu machen.
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