Deshalb bildeten sich „Folterkomitees“, die gegen die Haftbedingungen protestierten, die sie als mörderisch bezeichneten. Viele, die sich da engagierten, gehörten dann zur so genannten „zweiten Generation“ der Terroristen, unter denen nur wenige Baader oder Ensslin persönlich kannten.
Am Anfang waren die Inhaftierten tatsächlich isoliert. Ulrike Meinhof hatte in einem sehr bekannt gewordenen Brief die Umstände der Haft als Isolationsfolter beschrieben und auch gleich Assoziationen zu „Auschwitz“ entwickelt. Die RAF-Leute wollten als „Kriegsgefangene“ anerkannt werden, weil sie Einrichtungen der im Vietnamkrieg führenden US-Armee angegriffen hatte.
Die Propaganda schlug ein und wurde erfolgreich fortgeführt, als die Hauptgefangenen vor ihrem Prozess längst besondere, sogar privilegierte Bedingungen hatten. Sie konnten sich in Stuttgart-Stammheim über mehrere Stunden sehen, täglich Besuch empfangen. Sie konnten von dort sogar ihre Anhänger lenken, dank eines geheimen Informationssystems, an dem auch einige Rechtsanwälte beteiligt waren.
Wie gingen die RAF-Leute intern miteinander um?
Die RAF bestand dann zunehmend aus isolierten Gruppen, in und außerhalb der Haft. Es ging zu wie in einer Sekte, in der es Anführer, Mitläufer und natürlich auch Verräter geben muss. Anführer war Andreas Baader, der eher aus einem kleinkriminellen Milieu stammte und nun die Rolle des Revolutionsführers einnahm. Es gibt viele Briefe, die seine hasserfüllte Denkweise zeigen. Sie deuten darauf hin, dass vor allem die ältere Ulrike Meinhof beschimpft, gedemütigt, drangsaliert wurde. Als sie 1976 Selbstmord beging, wurde das propagandistisch genutzt und als staatlicher Mord bezeichnet. Und es gab sogar unter jenen, die die RAF und ihre Methoden ablehnten, viele, die „dem Staat“ ein solches Verbrechen zutrauten. Auch der Propagandaeffekt der Hungerstreiks ist nicht zu unterschätzen, bei denen 1974 ein Häftling, Holger Meins, starb. Das Foto mit seinem extrem abgemagerten, ausgezehrten toten Körper hatte Ähnlichkeit mit Bildern des gekreuzigten Jesus. Baader, der die anderen zum Durchhalten anstachelte, machte selbst Essenspausen.
Im Grunde drehten sich zu diesem Zeitpunkt alle Aktivitäten schon weniger um politische Aktionen als um eine mögliche Gefangenenbefreiung. Die RAF war in eine Sackgasse gestürmt, in die ihr kaum einer folgte und aus der sie nicht mehr herausfand. Deshalb waren die Selbstmorde nur konsequent.
Wie konnten die Anführer der RAF in der Zelle Selbstmord begehen?
Einige glauben bis heute, dass RAF-Anführer vom Geheimdienst ermordet wurden. Aber als man die Zellen nach ihrem Tod untersuchte, entdeckte man Waffenverstecke und eine mit Radios und Schallplattenspieler gebastelte Wechselsprechanlage, mit deren Hilfe sie sich verständigen konnten. Die draußen führende RAF-Frau Brigitte Monhaupt hatte damals ihren Anhängern gesagt, dass im Fall des Scheiterns der Befreiung ein Selbstmord geplant war, der ein Fanal sein sollte, um den Untergrundkampf zu verstärken.
Es gab auch danach noch Überfälle, Attentate, Tote, aber die frühere Wirkung konnten sie nicht mehr erzielen. Das linke Milieu, aus dem die Terroristen gekommen waren, änderte sich, pazifistische und ökologische Strömungen bekamen dort die Oberhand. Als die RAF 1998 ihre Auflösung bekannt gab, waren viele verwundert, dass sie die ganze Zeit noch existiert hatte.
Was lernen wir aus der Geschichte der RAF?
Eine Lehre aus all dem ist, dass man seinem Feind ziemlich nahe kommt, wenn man ihn „auf Teufel komm raus“ bekämpft: Da kommt der Teufel in einem selbst raus, man gleicht sich dem Feind oder seinem eigenen Feindbild an. Eine englische Journalistin ging so weit, die deutschen Terroristen als „Hitlers Enkel“ zu bezeichnen. Tatsächlich kann man einen radikalen Moralismus, eine übertriebene Hochschätzung der „Konsequenz“ beobachten, was in der deutschen Tradition seine Vorbilder hat. Dabei stand zu Beginn der Versuch, es ganz anders als die eigenen Eltern zu machen. Stattdessen haben die Terroristen – im Grunde wie die Nazis – ihre „Feinde“ erst entmenschlicht (in vielen RAF-Schriften ist von „Schweinen“ die Rede), um sie dann guten Gewissens töten zu können. Es kümmerte sie auch nicht das Leid der Frauen und vor allem der Kinder ihrer Opfer.
Betrachtet man die Täter, war dieser ganze Gewaltexzess ein Irrtum, betrachtet man die Opfer, dann war es eine persönliche Katastrophe mit bleibenden Folgen. Die Motive für die Tat, das Denken und Handeln der Täter sind historisch. Das Leid der Opfer ist gegenwärtig. Sie sind es, die wirklich lebenslänglich bekommen haben.
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Kommentare
Warum fanden die Terroristen Nachfolger? Klaus Brandes – 19.03.10
Eine sehr gelungene Analyse.Leider gibt es noch heute entlassene Terroristen, die weiterhin ihre absolutistische, fanatische Pseudomoral verbreiten.(z.B. I. Viett, KH Dellwo, Till Meyer usw)
Nur zur Aufklärung ihrer Morde tragen sie nicht bei.Reue finde sie banal - weil unpolitisch.Den Sadismus ihrer Taten wollen und können sie nicht erkennen. Sie sehen sich weiter als "Bewaffnete Kämpfer", nicht als Mörder.
So heißen sie heute zwar nicht mehr die Morde gut aber predigen weiterhin den gewaltvollen Gesellschaftsumsturz.
Es ist zu hoffen, dass labile Jugendliche nicht Nachahmungstaten begehen. Nach den Brandanschlägen auf Autos ist dies aber zu befürchten.