Politisiert hat sich die Spannung zwischen den Generationen in den Sechzigern, als endlich begonnen wurde, die nationalsozialistische Vergangenheit auch juristisch aufzuarbeiten. Eines der wichtigsten Ereignisse war der 1963 eröffnete Auschwitzprozess in Frankfurt, in dem SS-Offiziere und Angehörige der Wachmannschaften vor Gericht gestellt wurden und das ganze Ausmaß der Verbrechen des Völkermords an den Juden in das öffentliche Bewusstsein sickerte. Die Älteren gerieten in die Defensive, wenn zu Hause Fragen nach ihrer persönlichen Tätigkeit in jenem gar nicht so fernen Dritten Reich gestellt wurden: Was habt Ihr getan? Warum habt ihr da mitgemacht?
Die wenigsten Erwachsenen ließen sich auf Diskussionen ein. Jugendliche stießen überwiegend auf Schweigen – ein Schweigen, das lauter wurde, je mehr, je intensiver man fragte. Die moralische Autorität der Eltern und Lehrer, der Beamten und Politiker schrumpfte. Es fiel den Jugendlichen schwer, deren oft wütend eingeforderten Anspruch auf Respekt ernst zu nehmen.
Viele junge Menschen ließen nach einiger Zeit das Thema auf sich beruhen. Es war also nur eine mittelgroße, aber sehr laute und schnell wachsende Minderheit der Studenten, die sich ab Mitte der sechziger Jahre mehr oder weniger stark radikalisierte, nicht zuletzt aus Empörung über diese Vergangenheit und vor allem über den Umgang mit ihr. In den meisten Schulen kam das Thema bis Anfang der Siebziger gar nicht vor.
Durch diese Form des Generationenkonflikts war der Umgang mit politischen Themen sehr emotional geprägt. Ohne diesen Generationenkonflikt als Anstoß hätte dieser politische Protest diese Wut, die zum Teil zerstörerische Energie nicht entfaltet. Man könnte sagen, dass ursprünglich pubertäre Konflikte, die bei der Suche nach einer eigenen Identität ganz normal sind, politisch und ideologisch aufgeladen wurden. Diese Wut hatte viel mit dieser Scham über unsere Nazi-Vergangenheit zu tun. Auf Auslandsreisen, die Mitte der Sechziger immer mehr Menschen möglich war, musste man erfahren, dass man auch als Jugendlicher zu dieser deutschen Vergangenheit gehörte. Heute, im Abstand von Jahrzehnten, sieht man, dass man auch deshalb auf die Eltern wütend war, weil ihre Generation einen selbst in so peinliche Situationen brachte. Der normale Versuch von Jugendlichen, sich von ihren Eltern zu unterscheiden, bekam jetzt eine gewichtige historische und politische Bedeutung, der die Jugendlichen aber gar nicht gewachsen waren. Die politisch Interessierten unter ihnen wollten moralisch und politisch wacher sein als die Eltern- oder Großelterngeneration, die man als Mitläufer, wenn nicht als Mittäter der Nazis einstufte.
War die deutsche Protestbewegung anders als in anderen Ländern?
Die Protestbewegungen nahmen in den USA ihren Ausgang, als Auflehnung gegen den Vietnamkrieg, den die Amerikaner gegen die kommunistische Regierung im Norden führten und in dem sie Napalm als grausame Waffe einsetzten, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung forderte. Und natürlich in Frankreich, wo die gesellschaftlichen Verhältnisse genauso blockiert waren wie bei uns. Aber kaum sonst wo hatte der Protest so eine emotionale Tiefe und so eine gewalttätige Seite, wie sie die deutschen Terroristen an den Tag legten. Vergleichbare Untergrundbewegungen wie die RAF gab es nur in Italien und Japan. Also in den Ländern, die auch den Weltkrieg verloren hatten und in denen die Elterngeneration als Verlierer der Geschichte galt.
Ging es nicht nur um Drogen, Sex und Rockmusik?
Das „flippige Flower-Power“-Gedudel und die „Make love, not war“-Plakate gaben es auch. Was damals als Jugend- oder Studentenbewegung bezeichnet wurde, war in sich sehr differenziert. Es gab diese Hippiefraktion oder Anarchos mit freiem Sex, Kiffen und Rockmusik. Es gab die Gemäßigten, die versuchten, der SPD einen sozialistischen Drive zu verpassen, und alle möglichen linksradikalen Bewegungen, die sich untereinander bekämpften. Der Ausgangspunkt der Bewegung waren ursprünglich Versuche, die Universitäten zu reformieren und zu demokratisieren. Das Jahr 1968 steht eigentlich für die französischen Ereignisse, bei denen sich im Mai Studentenunruhen schnell im ganzen Land ausbreiteten und gar zum Generalstreik führten. Es war kurz, heftig und euphorisch. In Deutschland war das alles viel verbissener. Die deutschen Studenten waren im Grunde Siebenundsechziger. Ihr prägendes Erlebnis war die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten am 2. Juni 1967 bei einer Berliner Demonstration gegen den diktatorisch herrschenden Schah von Persien. Für den 26-jährigen Hannoveraner war dies die erste Demonstration, an der er teilnahm. Das Ereignis bestätigte das ganze Misstrauen gegen den Staat und seine Funktionäre – zumal im Mai 1968 die Notstandsgesetze verabschiedet wurden, die der Bundeswehr erlauben, „Aufständische“ zu bekämpfen. Die Bundesrepublik schien damals vielen unter den kritisch eingestellten Jugendlichen als „präfaschistisches“ oder „faschistoides“ Gebilde, das sich zur offenen Diktatur entwickeln könnte.
Einer der meist zitierten Sätze stammt aus dem „Arturo Ui“-Stück von Bert Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Damit wollte man sagen, dass der Kapitalismus jederzeit einen neuen Faschismus hervorbringen könnte. In dieser Bewegung wurde damals viel diskutiert über die „Notwendigkeit“ und „Legitimität“ von Gewalt – „Gewalt gegen Sachen“ und Steine zu werfen schien vielen völlig problemlos. Man sah sich als potenzielles Opfer staatlicher und gesellschaftlicher „Repression“ – ein damals sehr verbreiteter Begriff. Einer der populärsten Politsongs jener Epoche (von der Gruppe Ton Steine Scherben) lautete: „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Aber so richtig in den Untergrund wie die Leute der RAF gingen nur sehr wenige. Was uns heute als Wahn erscheint, war damals im Grunde nur ein Extrem, die Verwirklichung einer weit verbreiteten Stimmung im Milieu der linken Studenten.
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