Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Die RAF Woher kommt der Name „Rote-Armee-Fraktion“?
Nachrichten Politik Themen Archiv Die RAF Woher kommt der Name „Rote-Armee-Fraktion“?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:52 20.01.2009

Sie verstanden sich als Avantgarde, als Vorreiter einer künftigen Revolution. Das Volk schien einerseits durch Wohlstand „korrumpiert“, zugleich aber auch ein schlafender Riese zu sein, den man mit Waffenlärm aufwecken könnte. Außerdem fühlten sie sich mit allen revolutionären Bewegungen verbunden, die damals in Asien, Afrika und Südamerika oft blutige Bürgerkriege ausfochten. Mit ihnen sympathisierten viele, auch gewaltfrei denkende junge Leute, die die dort herrschende Gewalt, das Elend und der Hunger empörten. Die Leute der RAF fühlten sich als Verbündete der dort „kämpfenden Völker“, verstanden sich als Teil der „Weltrevolution“. Als Verbündeter erschien ihnen auch das China von Mao Tse-tung.

Warum fand die RAF eine Diktatur wie China akzeptabel?


Das Motto hieß: Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde. Deshalb haben sie die meisten dieser sich als links verstandenen Studenten auch immer gescheut, eine Diktatur wie die DDR zu kritisieren. Antikommunismus würde nur von der Nazivergangenheit ablenken, glaubten sie. Wer in einem Freund-Feind-Denken verhaftet ist, der hat gern klare Verhältnisse, der will, dass es nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß gibt. Und das führt dazu, dass man als Guter auch böse Mittel einsetzen darf, zum Beispiel jemanden zu töten.

Als im September 1977 der Arbeitgeberpräsident Schleyer entführt wurde, um die führenden Mitglieder der RAF freizupressen, erschossen die deutschen Terroristen ohne Skrupel vier Polizisten, die Schleyer beschützen sollten.

Wie dachten die radikalen Linken über die Morde?


Richtig überzeugte Anhänger gab es nur ganz wenige. Nur in der frühen Phase gewährten einige den in den Untergrund abgetauchten Mitgliedern der RAF Unterschlupf. Aber im Milieu der linken Studenten gab es auch später noch ein diffuses Gefühl, dass die Terroristen zwar falsch handelten, aber irgendwie doch zu ihnen gehörten – oder dass sie zumindest die richtigen, weil gleichen Feinde hatten (Hanns Martin Schleyer beispielsweise galt vielen, weil er Chef der Unternehmer und ehemaliger SS-Angehöriger war, als legitimes Ziel). Das wird deutlich in einem anonym als „Mescalero“ unterzeichneten Artikel aus Göttingen. Dort distanzierte sich der Autor von dem Mord an Generalstaatsanwalt Siegfried Buback im April 1977, gab aber zu, dass er gleichwohl eine „klammheimliche Freude“ empfunden habe. Wahrscheinlich bewunderten auch einige die Terroristen, weil die „wenigstens etwas taten“, sogar ihr Leben riskierten.

Was dachte der Rest der Bevölkerung?


Die Ablehnung war total, es herrschte ein Gefühl von Bedrohung, das man sich heute kaum noch vorstellen kann. Man könnte von Hass sprechen, der nachwirkt bis heute. So kann man auch verstehen, warum sich noch heute so viele gegen eine Begnadigung von RAF-Terroristen aussprechen.

Besonders die Presse des Verlages Springer, die „Bild“-Zeitung etwa, heizte damals die Stimmung an. Jeder, der sich differenziert äußerte, wurde als „Sympathisant des Terrors“ verdächtigt und denunziert. Dass traf sogar den Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll. Das Ganze sah nach einer Hexenjagd aus, Hass und Angst auf beiden Seiten schaukelten sich hoch. Es entstand der Eindruck, diese paar RAF-Leute brächten den Staat in Gefahr, was der insgesamt doch kleinen Gruppe auch ihre Wichtigkeit zu bestätigen schien. Die Polizei war mit Straßensperren präsent, die Beamten trugen dabei Maschinenpistolen, es wurden in der Panik auch Unschuldige getötet. Es herrschte zuweilen Ausnahmezustand.

Alle reagierten hysterisch. Wenn in den studentischen Wohngemeinschaften die Telefone knackten, hielt man es für möglich, dass man abgehört wird. Mit dem „Radikalenerlass“ sollte damals Linken der Zugang zum Lehrerberuf verwehrt werden, die politischen Aktivitäten der Studenten wurden überprüft. Die Polizei setzte bei der Suche nach den Terroristen neue Methoden ein, die Rasterfahndung, bei der Computer, damals wahre Monstren, benutzt wurden und die deshalb Phantasien vom totalen technischen Überwachungsstaat nährten. Gern zitiert wurde in den siebziger Jahren der von George Orwell verfasste Roman “1984“, der einen Überwachungsstaat der Zukunft beschrieb.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!