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Zur Person: Christian Wulff Bundespräsident Wulff ist noch nicht richtig im Amt angekommen
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13:56 08.10.2010
Von Reinhard Urschel

Wer die ersten hundert Tage von Christian Wulff im Amt des Bundespräsidenten verstehen will, sollte vielleicht die Geschichte von dem Indianer kennen, der zum ersten Mal in seinem Leben mit einem Bus über Land gereist ist. Mehrere Male bat er darum, aussteigen zu dürfen. Er setzte sich an den Wegesrand und stand erst nach einer Weile wieder auf, um einzusteigen. Beim zweiten oder auch dritten Mal fragte ihn der Busfahrer, was er denn tue. „Ich warte auf meine Seele“, war seine Antwort. „Sie ist nicht so schnell wie der Bus.“

Die Reise des Christian Wulff aus dem Amt des Ministerpräsidenten und CDU-Politikers in das Amt des Staatsoberhaupts mit der Pflicht zur parteipolitischen Neutralität, also die Reise von einer Welt in eine gänzlich andere, begann am 3. Juni dieses Jahres, am Fronleichnamstag. In Berlin nominierten die Spitzen der Koalitionsparteien CDU, CSU und FDP ihren gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten.

Mehrere Tage hektischer Sondierungen im Kanzleramt waren vorausgegangen, große und verdienstvolle Namen – Norbert Lammert, Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen – wurden gehandelt. Und heraus kam: Christian Wulff, 51 Jahre, CDU-Regent in Hannover, Schwiegersohntyp, Patchworkvater, solide, nach erstem Anschein freilich wenig charismatisch.

Die Bundeskanzlerin, die zu keinem Zeitpunkt des Auswahlverfahrens einen Zweifel daran zuließ, dass sie allein das Ergebnis des Auswahlverfahrens bestimmte, stellte der deutschen Öffentlichkeit ihr künftiges Staatsoberhaupt mit den Worten vor, der Mann sei jetzt aber mal ein politischer Profi. Dann entließ sie ihn, wie sich am Folgetag herausstellte, in eine Art Wahlkampf gegen Joachim Gauck. Die Medien kommentierten die Entscheidung in auffälliger Weise. Vielfach wurde die Auffassung vertreten, die Kanzlerin habe sich ihres letzten möglichen Konkurrenten in der CDU-Führung entledigt. Keine gute Voraussetzung für einen gelungenen Start.

Alle Bundespräsidenten vor ihm, so kann man bei Wulff heute heraushören, hätten eine ausreichende Zahl von Tagen Zeit gehabt, sich innerlich auf das neue, das hohe Amt einzustellen. Seine Vorgänger seien meist im Frühjahr nominiert und am 23. Mai, dem Verfassungstag, gewählt worden. Der Amtsantritt sei bei ihnen traditionsgemäß am 1. Juli gewesen. Sie hatten also Zeit genug, ein Amtsverständnis zu entwickeln und sich ein paar grundlegende Gedanken darüber zu machen, wozu sie ihr Amt nutzen wollten. Er selbst sei in dem Augenblick, da er die Wahl angenommen habe, Bundespräsident gewesen. Zeit zum Innehalten, wie sie sich der Indianer genommen hat, hatte Wulff nicht.

Gewählt wurde er am 30. Juni, seine Vereidigung folgte zwei Tage später. Von der kurzen Rede, die er danach im Bundestag hielt, ist am stärksten in Erinnerung sein Wort von der „bunten Republik Deutschland“. Das ist wenig verwunderlich, weil danach lange nichts kam. Nichts zum Staatsverständnis. Nichts zum Amtsverständnis. Es war offenbar die Zeit, die die Seele Wulffs brauchte, um auch von Hannover nach Berlin zu kommen.

Für manche in diesem Land war es eine quälend lange Zeit. Wulffs Vorgänger Horst Köhler hatte „mangelnden Respekt“ als einen Grund für seinen Entschluss zum Rücktritt genannt. Wenn die Deutschen nicht verstanden haben sollten, was er gemeint haben könnte, dann bekamen sie jetzt Nachhilfe erteilt. Kaum eine Woche verging, in der nicht über den Neuen im Amt genörgelt wurde. Von Fall zu Fall wurde ihm ein falsches Amtsverständnis, dann gar keines, dann wieder Tapsigkeit und Naivität vorgeworfen. Sein beharrliches Schweigen zu der in der Bevölkerung hitzig geführten Integrationsdebatte war nicht recht, sein sieben Sekunden langes Statement zu Thilo Sarrazin, dem Auslöser der Debatte, war genauso falsch.

„Ich glaube“, sagte Wulff einem Reporter, „dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet.“ Wulff, titelten die Zeitungen am Tag darauf, fordert die (unabhängige) Bundesbank zum Rausschmiss des ungeliebten Buchautors auf, er sei Partei, mindestens aber befangen.

Wulff weiß längst selbst, dass er in diesem Moment hätte schweigen müssen, auch wenn er – wie er später darstellen lässt – eigentlich nichts anderes im Sinn hatte, als die Bundesbankvorstände zu mahnen, eine intelligentere Lösung für das Sarrazin-Problem zu finden als die, den Skandalautor zu entlassen und das rechtliche Problem danach dem Bundespräsidenten einfach vor die Tür zu kippen.

Der neue Mann im Schloss Bellevue will das Amt ausfüllen, ohne dass er den Bürgern erklärt hat, wie er das zu tun gedenkt. Schon frühzeitig verweisen seine Mitarbeiter und er selbst auf die Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit. Der Erwartungsdruck steigt dadurch gewaltig. Dass Friedbert Pflüger, einst Redenschreiber des Präsidenten Richard von Weizsäcker, dem eine wirklich große Rede zum 8. Mai 1945 gelungen ist, Wulff mit der Bemerkung aufbauen will „Das kann dein 8. Mai sein“, klingt beinahe gemein.

Bruchstücke seiner Amtsphilosophie kann man heraushören aus kurzen Grußworten beim Botschafterempfang oder bei seiner Bereisung der Bundesländer, wenn ihn die Honoratioren willkommen heißen. Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist ihm wichtig, Ost–West, Alt–Jung, Einheimische–Migranten. Das, so kann man nur vermuten, könnte ein Leitthema seiner Präsidentschaft werden. Auch dass er den Kurs seines Vorgängers nicht fortsetzen wird, der sich beim Bürger anbiederte, indem er sich mit ihm gegen die Politiker verbrüdern wollte, lässt Wulff anklingen.

Derweil übt Wulff den Alltag. Thüringen und Sachsen sind als Erstes dran. Das Protokoll hat ihn im Griff. Wulff steht vor der schwarz-rot-goldenen Fahne mitten im Festsaal des Schlosses im thüringischen Gotha. Ein dankbarer Termin, die Botschafter machen ihre Aufwartung beim Staatsoberhaupt. Parkettsicher ist er, die Botschafterdamen sind entzückt. Ein Netter, sagen sie.

Wulffs Frau Bettina war eigentlich fest eingeplant für diesen Termin. Doch der zweijährige Linus Florian wurde krank, mütterliche Betreuung zwingend erforderlich. Die Familie segelt gerade im Alltag zwischen Berlin, Hannover, Kind und Amt einen harten Kurs. Wieder macht der Präsident eine Bemerkung, die ganz harmlos klingt und die ihm mit Wucht vor die Füße geknallt wird. Sein Sohn werde in den Kindergarten gehen, er habe sich schon mal auf die Warteliste setzen lassen. Was er damit sagen will ist: Der Präsident will keine Sonderbehandlung. Er meint das ernst. Draußen angekommen ist das Gegenteil: Ein Staatsoberhaupt sucht mit gespielter Volkstümelei die Nähe zu den Bürgern. In der Berliner „Abendschau“ wird die Meldung mit einem Augenzwinkern verlesen: Präsidentenkind? Warteliste? Ooch, da werde sich gewiss eine Lösung finden lassen.

Die Wulffs machen Ferien in einem Haus, das dem niedersächsischen Unternehmer Carsten Maschmeyer gehört. Auch das lässt Wulff später erklären. Er lässt hinweisen auf das Sicherheitsbedürfnis eines Präsidenten und auf den Wunsch einer Familie, wenigstens im Urlaub in Ruhe gelassen zu werden. Als er später eingesteht, einen Fehler begangen zu haben, sind in der Öffentlichkeit längst die „hannoverschen Erbfreundschaften“ aufgewärmt.

Die nationalen Blätter gaukeln ihren Lesern vor, da in der Provinz gebe es eine Freundschaftskette vom glamourbeseelten Unternehmer über den Exkanzler und dessen Rechtsanwaltskumpel bis hin zum Hells-Angels-Boss. Drei Viertel der Deutschen haben zu Beginn dieses Jahres noch hohen Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten bekundet. Wenn es so weiterginge, wäre nicht nur der Mann ramponiert, sondern auch das Amt.

Ausgerechnet der Berufspolitiker Wulff tut sich erstaunlich schwer mit dem Wechsel ins höhere Amt. In Hannover hatte er, nach langer Regierungszeit, die Dinge im Griff. Im nervösen Berlin, wo jedes Wort auf die politische Feinwaage gelegt wird, muss man von Natur über das Nervenkostüm der Kanzlerin verfügen oder es sich aneignen. Zwei Ministerpräsidenten vor Wulff haben den Wechsel nach Berlin nicht verkraftet und sich, nach kurzer Zeit an der Spitze der SPD, in ihre beschaulichen Landeshauptstädte zurückgezogen: Kurt Beck nach Mainz und Matthias Platzeck nach Potsdam. Auch Wulff bekommt zum Amtsantritt die volle Breitseite der neuen Nörgelkultur ab.

Die Rede am 3. Oktober werde viele Antworten geben auf all die Fragen um den Bundespräsidenten Wulff. Nun ist er kein großer Redner, das Tecklenburger Idiom mit den lang gedehnten „e“s zerredet so manches, was gelesen klug ist. Aber die Talkshow-Politiker, die Leitartikler waren erst einmal zufrieden – obwohl es die Rede eines Politikers war, der noch nicht geübt hat, über den Dingen zu schweben. Es scheint so, als habe Wulff allzu verkrampft das Ziel verfolgt, nur ja jeden Anschein des Provinziellen und des allzu Konservativen zu meiden. Die Folge waren tagelang Schlagzeilen des Boulevards, die stammtischtauglich von ihm wissen wollen, wie viel Islam er „uns“ denn noch zumuten wolle.

Im politischen Berlin sind die Meinungen geteilt über den Präsidenten. Die, die von Anfang an Zweifel an seiner Berufung hatten – und die sind beileibe nicht allein bei der Opposition zu finden –, sprechen von einem Fehlstart. Sie tun es nicht so laut, vielleicht, weil in Erinnerung an den Abgang Köhlers das schlechte Gewissen sie hemmt. Und seine eigenen Leute, die ihn schließlich gewählt haben? Die Antwort ist meist ein lang gezogenes „Pffffff“, man weiß nicht so recht.

Wie lang hat Wulff eigentlich seinerzeit gebraucht, bis seine Seele, aus Osnabrück kommend, in Hannover angekommen war? Er selbst erinnert sich daran, dass es eine ganze Weile gedauert habe.

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