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Zur Person: Margot Käßmann Käßmann: Bischöfin der
 unverblümten Worte
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 unverblümten Worte
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19:24 23.02.2010
Von Michael B. Berger

Der Regisseur Dieter Wedel hat Margot Käßmann kürzlich einen Tipp gegeben, den sie immer häufiger befolgt: schlechte Kritiken, oder überhaupt Kritiken, erst einmal ungelesen liegen lassen. Inzwischen ist die Landesbischöfin sogar froh über eine Woche, in der der Pressespiegel tatsächlich einmal frei ist von Meldungen und Kommentaren zu Käßmanns kritischer Haltung in der Afghanistan-Frage oder zu den geringen ökumenischen Erwartungen an den Papst: „Ein bisschen Ruhe ist auch ganz schön.“

Zweifellos hat keiner ihrer Vorgänger im Amt des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) so eine gewaltige mediale Resonanz erfahren wie Margot Käßmann, die hannoversche Landesbischöfin, in den ersten hundert Tagen im neuen Amt. Aber dies empfindet sie, die so direkt, unverblümt, frisch und emotional zu predigen versteht, auch als Last.

Als sie kurz vor Weihnachten, zwischen den Predigtvorbereitungen und dem Gespräch mit einer Schülerredakteurin, ein längeres Gespräch mit unserer Zeitung über den Afghanistan-Krieg führte und von der Politik ein Ausstiegsszenario forderte, hat sie nicht geahnt, in welches Getriebe sie da geraten würde. Kaum war der Weihnachtsfriede beendet, setzte eine große Tageszeitung Käßmann auf den Index, ihr ganz persönlicher Härtetest begann. Der Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“, gesprochen zu Neujahr in der Dresdener Frauenkirche und angelehnt an den banalen Spruch „alles wird gut“, wurde zur Fundgrube aller Käßmann-Kritiker, die aus den Stellungen kamen. Sie sei naiv, wurde ihr vorgehalten, schlimmer, sie lasse die deutschen Soldaten am Hindukusch im Stich. Doch die so Gescholtene gab nicht klein bei, erklärte bei „Beckmann“ oder in Berlin im Theatergespräch mit Gregor Gysi ihre Position. Denn sie, die im Grunde Friedensbewegte, wollte sich von den Herren in Politik und Medien nicht einfach den Mund verbieten lassen. „Ich lege mich abends nicht ins Bett und schluchze ins Kissen, weil mich wegen dieser Predigt manche angreifen“, sagte sie dem „stern“ fast trotzig. Und doch zeigt dieser Satz, dass auch die streitbare Käßmann recht dünnhäutig sein kann.

Die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident und andere witterten, dass man einer Margot Käßmann nicht einfach das Wort verbieten kann, wenn sie zuweilen ungeschützt das ausdrückt, was eine deutliche Mehrheit in der Bevölkerung denkt. So sind auch die meisten der 2000 E-Mails und 700 Briefe, die die Bischofskanzlei seit Beginn der Afghanistan-Debatte erreichten, zustimmender Natur. 83 Interviews hat sie in den ersten hundert Tagen ihrer Amtszeit gegeben – immer wieder ihr „Aber die Bibel sagt ...“ ins Gespräch geworfen. Aber gerade diese Interviewflut rief neue Kritiker und Satiriker auf den Plan. „Bischöfin Margot Käßmann meldet sich zu Wort: Zutreffendes bitte ankreuzen“, spottete unlängst der „Kulturspiegel“ und ließ die Bischöfin im Multiple-choice-Verfahren zu „Afghanistan, Klima, Mobbing, Irgendwas“ antworten.

Ein Halbsatz, gesprochen in einer längeren Talkshow in Berlin mit Gregor Gysi, zog ein zweites Gewitter nach sich. In ökumenischer Hinsicht sei von Benedikt XVI. „nichts“ zu erwarten, hatte sie gesagt und erläutert, dass sie von diesem Papst als Protestantin in Sachen Ökumene keine Durchbrüche erhoffe. Kardinal Karl Kasper, sonst großer Fürsprecher in Rom für die gemeinsame Sache, war brüskiert über dieses pauschale Nein aus Hannover. Käßmann musste einen Brief nach Rom schicken – und sich noch einmal erklären. Dabei hatte sie als neu gewählte EKD-Ratsvorsitzende bewusst beim Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitzsch, den ersten Antrittsbesuch gemacht. Käßmanns Hinweise auf die gute Zusammenarbeit mit der Deutschen Bischofskonferenz empfanden katholische Kritiker wiederum als Spalterei. Der katholische Klerus lasse sich hier nicht auseinanderdividieren, donnerte der „Rheinische Merkur“.

„Non vi sed verbo“ – nicht mit Gewalt, sondern allein mit dem Wort sollen Bischöfe regieren, heißt es in der Verfassung der hannoverschen Landeskirche. Käßmann tut es als EKD-Ratsvorsitzende in der Talkshow wie in der Predigt – und erschließt sich mit ihrer exponierten Subjektivität, die auch Bekenntnisse zu Hund, Tochter und Garten nicht ausschließt, ganz neue Zuhörerschichten, während ihr Vorgänger Wolfgang Huber mit seinen eher abstrakten Sätzen vor allem diejenigen erreichte, die der Religionsphilosoph Schleiermacher als „Gebildete unter den Verächtern der Religion“ beschrieb.

Huber, der mindestens so friedensbewegt wie Käßmann ist, eckte indes nie an, weil jeder seiner Sätze so austariert war, dass er keinen Widerspruch duldete. Käßmanns Wirkung hingegen besteht gerade darin – mit allen Risiken und Nebenwirkungen –, dass sie frei von der Leber weg spricht, „politisch unkorrekt“ – und gerade auch so Debatten entfacht. Die nächsten vierzehn Tage wird die mutige Bischöfin dies allerdings garantiert nicht tun: Sie urlaubt auf den Kanarischen Inseln.

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