Frau Käßmann, Sie sehen erholt aus.
Danke, das bin ich auch. Mein Leben hier ist wesentlich entspannter. Ich kann meine Zeit einteilen und finde sogar die Ruhe, um stundenlang zu lesen. Das empfinde ich als großen Luxus, denn das war in meinen Zeiten als Bischöfin undenkbar.
Hört sich an, als seien Sie gar nicht unglücklich über Ihr neues Leben.
Es ist kein neues Leben, ich bin immer noch die Gleiche, nur in einem ganz anderen Umfeld.
Und das empfinden Sie als Erleichterung?
Ja, das ist befreiend. Ich habe keinen Druck, kann schauen, zuhören, diskutieren. Ohne den Stress, etwas produzieren zu müssen.
Kennt man Sie in Atlanta?
Es ist Teil meiner neuen Freiheit, dass hier kaum einer weiß, wer ich bin. Das ist schön und sehr entlastend. Die Menschen sind sehr unbefangen und neugierig, ich konnte mich schon sehr lange nicht mehr so unbeschwert bewegen.
Sie genießen also die Anonymität?
Ja, sehr. Es war extrem verletzend, wie sich die Öffentlichkeit auf meine Alkoholfahrt gestürzt hat. Es ist schon schlimm genug für einen selbst, wenn man so einen Fehler macht. Ich habe mich geschämt und war sehr zornig über meine eigene Dummheit. Aber wenn das dann im ganzen Land breitgetreten wird, das geht echt an die Substanz.
Der Aufenthalt in den USA wirkt wie eine Flucht.
Ist es aber nicht, eher ein Geschenk. Es ist geschenkte Zeit. Anfangs dachte ich, ich müsste möglichst schnell eine neue Stelle antreten in Deutschland. Dieser Druck ist weg. Der Abstand tut gut. Außerdem steht die Wahl meiner Nachfolger an, und da ist es sinnvoll, wenn ich nicht in der Nähe bin.
...weil Sie sich sonst einmischen würden?
Nein, das würde ich auf keinen Fall tun. Ich finde es wichtig, dass ich mich da heraushalte. Ich interessiere mich für die Wahl meiner Nachfolger und bin gespannt, werde mich aber nicht zu einem der Kandidaten äußern oder sonst irgendwie Stellung beziehen.
Sonst sind Sie nicht so zurückhaltend, wenn es um Ihre Meinung geht...
Es ist auch eine spezielle Situation. Ich werde auch weiterhin meine Meinung sagen, egal, ob das allen passt oder nicht. Aber in diesem Fall steht es außer Frage, dass ich den Abstand wahre.
Haben Sie Sorge, wie es sein wird, wenn Sie im Dezember wieder zurück nach Deutschland kommen?
Die Wogen werden sich bis dahin geglättet haben. Ich mache mir keine Sorgen und bin gespannt, was kommt.
Also keine konkrete Pläne?
Ich werde eine Jahr an der Universität in Bochum lehren, die mein Gehalt zahlt im nächsten Jahr. Was dann kommt, weiß ich nicht. Ich kann mich auf eine Stelle als Pastorin bewerben – aber das wäre im Moment sicher auch nicht unproblematisch, für die betreffende Gemeinde wie für mich. Wir werden sehen.
Interview: Steffi Dobmeier
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