Der Gottesdienst ist vorüber, der größte Teil der Besucher verabschiedet, da kommt dieses Mädchen und will etwas ganz anderes als alle anderen.
Hunderte Hände hatte Margot Käßmann da bereits geschüttelt und ungezählte Variationen des Satzes „Bleiben Sie uns erhalten“ gehört, sie hatte in viele aufmunternde und nicht weniger traurige Augen geschaut, und nun hält ihr dieses Mädchen ein Heft hin. Braucht sie für die Konfirmation, erklärt sie. Mindestens zweimal im Monat muss sie zum Gottesdienst, ob Frau Käßmann also wohl bitte unterschreiben könne. Aber natürlich. Die ehemalige Landesbischöfin greift zum Stift. Ein Stück Normalität an einem ganz und gar nicht normalen Tag. Es dürfte Margot Käßmann ganz recht gewesen sein.
Denn wenn ihr erster Gottesdienst seit dem Rücktritt von ihren Ämtern als Bischöfin und als EKD-Ratsvorsitzende ein geheimes Thema hatte, dann war es der Versuch, jene Schwere zu vertreiben, die ihren Auftritt nun begleitet. Zwar hatte sie sich bereits beim Ökumenischen Kirchentag in München vor gut zwei Wochen zum ersten Mal seit Februar wieder in der Öffentlichkeit gezeigt, war bejubelt und umlagert worden. Aber hier, in der Marktkirche, in ihrer Heimat, vor 1500 Besuchern, ist es noch mal etwas anderes, da ist alles wieder ein Zeichen. Dass sie sich nicht im Phaeton vorfahren lässt, mit dem sie im Februar unter Alkoholeinfluss eine rote Ampel missachtete, sondern in einem schlichteren grauen Kombi. Oder wie sie nun vor dem Beginn im Altarraum neben Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann sitzt – wirkt sie nicht besonders ernst, klingt ihre Stimme nicht gepresster als sonst, als sie die Lieder ankündigt, die die Besucher in der längst gefüllten Kirche gleichsam zum Aufwärmen singen sollen?
In ihrer Predigt jedoch ist von all dem nichts zu spüren. Den Weg zur Kanzel muss sie sich durch die Gäste bahnen, die selbst im Altarraum und auf der Wendeltreppe sitzen. Dort oben zeigt sie sich nachdenklich und reumütig, aber auch selbstbewusst. Sie versucht nicht, ihre Fehler zu übergehen. Ähnlich wie in München spielt sie auf die Ereignisse an, ohne sie direkt zu benennen. „Manchmal staunen wir auch im Nachhinein, weil im Leben etwas geschehen ist, das wir nicht einordnen können, das alles ins Chaos zu stürzen scheint“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich habe da inzwischen so einige Erfahrungen gemacht.“ An einer anderen Stelle sagt sie: „Unsere eigenen Fehler können wir uns manchmal am schwersten vergeben.“ Das ist der defensive, der reumütige Teil ihrer Predigt.
Es gibt jedoch auch Passagen, die sich unschwer so verstehen lassen, dass Margot Käßmann jetzt nicht den Rest ihres Lebens mit Selbstkasteiung verbringen möchte. „Es gibt Neuanfänge nach Schuld“, erklärt sie und nennt die Vergebung den „Urgrund christlicher Freiheit“. Und wo sie mit der dogmatischen Strenge und Frauenfeindlichkeit des Apostels Paulus hadert, da kann man dies auch als Auseinandersetzung mit ihren Kritikern innerhalb und außerhalb der Kirche verstehen, von denen sie sich nicht korrekt behandelt fühlte. Alles das versieht sie mit einer ordentlichen Portion Humor und Leichtigkeit, wirbt für „Glaubensheiterkeit“ und verweist die Schwermut der Kirche. „Mit heruntergezogenenen Mundwinkeln kannst du Gott nicht loben“, erklärt sie. „Also: lächeln bitte!“ Margot Käßmann in Hochform. Da kann jeder mögliche Nachfolger im Bischofsamt fast nur scheitern. Was vielen Kirchengliedern längst klar ist.
Nach Käßmanns Predigt gibt es langen Applaus. Und als die ehemalige Bischöfin Richtung Ausgang schreitet, halten viele Besucher den Zettel hoch, den Mitarbeitervertreter der Landeskirche zu Tausenden verteilt hatten: Ein Foto Käßmanns, darunter die Zeile „2. Amtszeit“. Ein Weg wie durch ein Spalier. Das gleiche Bild, als sie an der Tür die Besucher verabschiedet: Hochgereckte Bilder, dazu singen viele wie in einer Endlosschleife das eigens für diesen Anlass gedichtete Lied „Zweite Chance für Margot Käßmann“. Die Stimmung unter den Besuchern ist eindeutig: „Sie hat einen Fehler gemacht, und sie hat dafür gebüßt“, sagt die Bad Nenndorferin Ilse Matthias. „Aber jetzt wünsche ich sie mir von Herzen zurück. Es gibt keine Bessere.“
Margot Käßmann konnte all dies weder übersehen noch überhören. Ob sie jedoch mit dem Gedanken an eine zweite Amtszeit spielt, wollte sie nicht kommentieren. Am Mittwoch, vor der Synode, könne sie Offizielles sagen, erklärte Käßmann nur, und dann gingen sie ihrer Wege: die ehemalige Bischöfin in die eine, das Mädchen mit dem nun um eine Zeile volleren Konfirmations-Pflichtenheft in die andere Richtung.
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