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Weil im Interview

"Wir sind Lückenbüßer für fehlgesteuerte Bildungspolitik"


Oberbürgermeister Stephan Weil im HAZ-Interview über den offensichtlichen Zusammenhang zwischen Schulbildung und Herkunft aus einem Stadtteil.
Stephan Weil

Stephan Weil

© Michael Thomas

Herr Weil, das Ergebnis des städtischen Bildungsberichts, wonach die Schullaufbahn abhängig von der Herkunft aus einem Stadtteil ist, hat einige Kommunalpolitiker nicht überrascht. Sie ebenfalls nicht?

In der Tat. Dass die Bildungspolitik in Deutschland und auch in Niedersachsen nicht gerecht ist, das ist schon lange bekannt. Die Zukunftsaussichten der Schulkinder sind leider je nach ihrer sozialen Herkunft unterschiedlich.

Wenn dieser Zusammenhang schon so lange bekannt ist, warum hat die Stadt dann nicht versucht, dem entgegenzuwirken?

Hannover tut das bereits. Wir stellen im Haushalt der Stadt mehr als 350 Millionen Euro pro Jahr für Bildung zur Verfügung, können aber oft nur als Lückenbüßer für eine fehlgesteuerte Bildungspolitik des Landes dienen.

Also schieben Sie den schwarzen Peter einfach weiter?

So pauschal meine ich das nicht, aber lassen Sie mich ein Beispiel anführen: Ganztagsschulen helfen Kindern, ihre Talente zu entfalten, das ist unbestritten. Eigentlich ist die gebundene Ganztagsschule, bei der das Land zusätzliche Lehrerstunden für den Nachmittag einrichtet, das probate Mittel, um Kinder individuell zu fördern. Aber dazu ist das Land offensichtlich nicht bereit. Die offene Ganztagsschule mit ihren freiwilligen Angeboten, die wir als Kommune derzeit ermöglichen, ist nur ein Bypass, gewissermaßen die zweitbeste Lösung.

Welche Möglichkeiten hat die Stadt, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen?

Wir investieren in den Ausbau, aber auch in die Qualität von Kindertagesstätten - und das weit über das gesetzlich geforderte Maß hinaus. Außerdem wird exzellente Arbeit in den Schulen und Kindertagesstätten geleistet. Rund 45 Prozent aller Schüler hier in Hannover erreichen am Ende ihrer Schullaufbahn die Berechtigung für einen Hochschulzugang, das liegt weit über dem Landesdurchschnitt. Wenn wir mehr Geld hätten, etwa Zuschüsse vom Land, könnten wir auch noch mehr bewirken.

Müsste die Stadt nicht für eine bessere Durchmischung der sozialen Milieus in den Stadtteilen und letztlich in den Schulen sorgen?

Es gibt Stadtteile, die stehen auf der Schokoladenseite, und solche, die auf der Schattenseite liegen. Das lässt sich kaum verhindern. Dennoch wirken wir dem entgegen, etwa indem in Stadtteilen wie Vahrenheide und Hainholz Einfamilienhaussiedlungen entstehen. Von einem verpflichtenden Transfer von Schülern zwischen den Stadtteilen nach amerikanischem Vorbild halte ich aber gar nichts.

Wäre es nicht ratsam, die Einzugsgebiete der Grundschulen zu verändern?

Auch diesen Aspekt berücksichtigen wir bereits. So haben wir etwa das soziale Wohnungsbauprojekt „Spargelacker“ bewusst dem Schulbezirk Kirchrode zugeordnet. Aber hier sind der Einflussnahme Grenzen gesetzt.

Zumal viele Eltern diese Regelung umgehen und ihr Kind zur Schule ihrer Wahl in einem anderen Stadtteil schicken.

Schulen und Verwaltung achten sehr genau darauf, dass mit der Zuordnung der Kinder zu ihrer Grundschule nicht Schindluder getrieben wird.

Wie reagieren Sie nun unmittelbar auf den Bildungsbericht?

Die Stadtverwaltung sieht sich in ihrer Arbeit bestätigt und wird so weitermachen. Wir wünschen uns aber auch sehr viel mehr Unterstützung vom Land, etwa was die Sprachförderung in den Kitas anbelangt.

Interview: Andreas Schinkel

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